Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 84. Kapitel: Vision des 10. Sehers Jorias. Höchste Lehre der wahren Weisheit: die Liebe als das allein den Geist sättigende Brot.

   01] Und alsbald trat der Jorias hinzu, das heißt zum hohen Abedam, und fragte Ihn, sagend nämlich:
   02] »Lieber, heiliger Vater, siehe, so ich mich also stellen könnte, daß da mein Inneres nach außen gekehrt werden möchte und da ein jeder mitschauen könnte, so ich erzählen möchte mein Gesicht, da dürfte es vielleicht wohl noch irgendein gläubiges Herz treffen, das da aufnehmen möchte solche unergründlichen Geheimnisse!
   03] Aber so alle diese Zuhörer während der Erzählung nicht das Erzählte mit anschauen können, werden sie es wohl annehmen, und werden sie es glauben?
   04] Und so sie es dann nicht annehmen und begreifen mögen, wird da meine Erzählung nicht gleichen einer Lüge, die auch niemand glaubt, der da Weisheit besitzt, darum (weil) sie eine Lüge ist und in ihr keine Wahrheit zugrunde liegt.
   05] Da aber demnach meinem Gesichte also Unglaubliches zugrunde liegt und sich die Väter etwa gar darüber zu ärgern vermöchten, so ich solches erzählete, - siehe, daher, lieber, heiliger Vater, könnte es ja geschehen, daß es mir wenigstens also erginge, wie es da ergangen ist meinem Vorgänger Horedon, der durch Deine Güte doch sicher alles zu Erzählende von sich gab!
   06] Denn mit der Rede geht es mir ohnehin schlecht, und wenn man erst solche unglaublichen Dinge erzählen soll, überaus schlecht! Daher - «
   07] Hier fiel ihm sogleich der Abedam ins Wort und sagte etwas ernst: Ja, gerade daher wirst du dich jetzt sogleich an die Erzählung machen, oder sterben in deinem Geiste für ewig! - Verstehst du diese Worte?
   08] Siehe, des Vaters Worte möchtest du nicht achten; daher dürftest du achten die deines Herrn, so dir des Vaters Worte etwa nicht genügen sollen! Sollte dir aber der Herr auch noch zu wenig sein, so wird da der Gott Seinen Arm über deinen Nacken ausstrecken!
   09] Ich sage dir aber, für jetzt hast du noch des Vaters Wort; wenn aber des Herrn Wort kommt über die trägen Knechte, so ist das ein schreckliches Wort!
   10] Gottes Worte aber sind ein Donner des Gerichtes! Daher gehorche dem Worte des Vaters, damit du nicht der Knechtschaft und dem Gerichte anheimfällst.
   11] Erzähle und gib allen alles kund, was du gesehen hast in dir. Solches ist Mein Wille; verstehe es wohl Amen.
   12] Hier erst erwachte der Jorias wie aus einem Traume wieder, bat den Abedam weinend um Vergebung solcher seiner Torheit, darum (da) er sich je so weit habe vergessen können, im eigenen berufenen Herzen nicht so gleich zu erwägen, Wer da Der ist, der ihn dazu also gnädigst berufen.
   13] Und da er vom Abedam darauf alsbald die übertröstliche Versicherung erhielt, daß der Vater eigentlich nichts zu vergeben hat, da Er dem Kinde nichts anrechnet, sondern dem Gefallenen nur allzeit aufhilft und das Verlorene emsig sucht so lange, bis Er es findet, es dann liebend auf Seine heilige Schulter ladet, und dann voll Freuden nach Hause trägt, so fing er auch an alsogleich zu reden, wie da folgt:
   14] »Ich stand auf einer lichten Wolke; also fand ich mich, als das Licht meines fleisch'gen Auges für die Erde mir entschwunden war und ein anderes, helleres Auge sich in mir erschloß.
   15] Das war aber auch alles, was ich da um mich her sah in der weiten Unendlichkeit; ober mir war nichts, unter mir und der Wolke, auf der ich stand, war auch nichts, und zu allen meinen Seiten war auch nichts.
   16] Ob mich die Wolke etwa behende trug durch endlose Fernen, oder ob sie ruhte, solches konnte ich auch nicht bemessen; denn da war ja nirgends etwas, wonach ich entweder meine Bewegung oder Ruhe hätte bemessen können.
   17] Ich stand lange schon, also kam es mir vor, ja so lange, als hätte ich in diesem Zustande schon beinahe eine Ewigkeit zugebracht!
   18] Diese unerträgliche Einförmigkeit brachte mich endlich auf den Gedanken, daß ich darob zu mir selbst zu reden begann und sagte somit zu mir selbst:
   19] ,Was soll das? Warum stehe ich denn hier auf dieser dunstigen Unterlage? Mich hungert und dürstet schon ganz entsetzlich stark!
   20] Was kann ich da wohl herabbeißen von dieser meiner mageren Unterlage?! - Zum völlig Tothungern bin ich auch nicht geeignet; denn solches beweist mir Ja die schon endlos lange Dauer dieses meines sonderbaren und kläglichen Zustandes!
   21] Was soll ich hier? Was will ich nun denn tun?'
   22] Und also redete ich weiter mit mir selbst, wie da folgt: ,Wie wäre es denn, so ich da einen Versuch machen möchte, wegzuspringen von dieser langweiligen und hunger- und durstvollen Wolke?
   23] Ja, da hinab in diese unendliche Tiefe! - Es wird doch einerlei sein, ob ich mit der Länge der Ewigkeiten dahier zugrunde gehe auf dieser Wolke, oder ob ich während meines Fallens in die Tiefen der Tiefen der Unendlichkeit aufhöre zu sein!'
   24] Nach diesen Worten faßte ich alle meine Kräfte zusammen, schleppte mich zum Rande der Wolke, schloß die Augen und sprang von der Wolke.
   25] Nach ziemlich langer Zeit meines vermeintlichen Fallens öffnete ich wieder langsam ein Auge um das andere, - und wo war ich? - Hungrig und durstig wie zuvor auf meiner Wolke!
   26] Denn von dieser konnte ich mich ebensowenig mehr entfernen, als sich jemand von der Erde hinaus in den unendlichen Welten- und Sonnenraum entfernen könnte.
   27] Da ich aber mich also gefangen sah, da kam mir ein großer Gedanke, und dieser Gedanke war Gott; und Gott war in diesem Gedanken, - ja, Gott, Du bist es Selbst!
   28] Also sprach ich: ,Wer kann Dich, Unendlicher, denken, wo Du nicht wärest? Ich aber denke Dich nun, so bist Du auch da, wo ich Dich denke für mich - und bist nirgends für mich als nur da, allwo ich Dich denke! Denn dieser Gedanke ist ja Dein Wort in mir; wo aber Dein Wort ist, da bist ja auch Du!
   29] Ehedem dachte ich nicht an Dich. Wo warest Du da? -Ja, Du warst auch hier; aber Du wolltest Dich nur nicht aussprechen! Da Du Dich aber nun ausgesprochen hast durch den Gedanken an Dich in mir, so bist Du nun auch wesenhaft hier bei mir und in mir.'
   30] Als ich aber mich in solche hohe Gedanken verlor, da kam mir auf einmal ein Schlaf; im Schlafe aber träumte = mir, daß ich aus Hunger die zu meinen Füßen erschaute Erde wie eine Erdbeere verschlang und also auch den Mond und die Sonne und endlich den ganzen gestirnten Himmel mit allen seinen freien Gewässern. Aber dennoch wurde ich nicht satt.
   31] Hier fragte ich mich wieder: Wie kann mich noch hungern? - Hab' ich nicht Gott in mir und nun die ganze Schöpfung Gottes in meinem Magen?!'
   32] Hier vernahm ich aus der lichten Wolke, die mich trug, denn auf einmal folgende Worte:
   33] ,Ob du auch die Unendlichkeit und Ewigkeit verschlängest zu dem, was du schon verschlungen hast, hast aber die Liebe nicht, so wird es dich dennoch hungern und dürsten ewig denn die Liebe allein ist das wahre, sättigende Brot und das erquickend lebendige Wasser für die ganze Ewigkeit und Unendlichkeit.
   34] Was nützt dir Gott ohne Liebe und was der ganze Himmel ohne dieselbe?
   35] Siehe, daher ist ein Kind in der Wiege größer denn du, obschon du den ganzen Himmel verschlangst; denn das Kind hat die Liebe!
   36] Daher kehre dein Herz zur Liebe, und du wirst in einem Atome der Liebe schon endlosmal mehr finden, als was dir hier deine alte Weisheit gab!'
   37] Nach diesen Worten erwachte ich alsbald wieder und befand mich wieder hier in der Mitte der Väter, Brüder und Kinder und - auch vor Dir, Du heiliger, liebevollster Vater! - Das ist aber auch alles, was ich gesehen, empfunden und vernommen habe! Bis jetzt verstehe ich noch gar wenig davon; aber ich denke mir: Wer mir das Gesicht gab, der wird für alle auch das Licht hinzufügen!
   38] Dir darum ewig Dank und alle Liebe dafür; Dein Wille! Amen.«


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