Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes', Band 2

Kapitelinhalt 70. Kapitel: Juribaels Rede über die Größe des Menschen als Gotteskind. Die Vision des Juribael: Die zahllosen, endlos wachsenden Kreise des einen Lebenskreises.

   01] Nach diesen Worten aber berief der Abedam alsbald den Juribael zu Sich und fragte ihn gleich den andern, sagend nämlich:
   02] »Juribael! Wie die andern es taten, also tue es auch du, und sage uns allen, was alles denn du in dir vernommen hast und gesehen und empfunden!«
   03] Und der Juribael trat ehrfurchtsvollst aus der Mitte seiner Brüder hin vor den Abedam und fing im Vollergusse seiner echten Liebe zu Mir also zu reden an:
   04] »O Du heiliger, liebevollster, unaussprechlich allerhöchst bester Vater! Siehe, ich, ein nichtiger Wurm vor Dir, liege hier in der größten Ehrfurcht und innersten allerzerknirschtesten Demut meines Herzens vor Dir, Du heiliger Vater!
   05] Du hast mich gerufen nun aus meinem Schlafe ins Leben, - ja ins wahre, wache, freie Leben Deiner unendlichen Vaterliebe hast Du mich gerufen und hast gemacht aus dem matten, blinden Wurme der todbestaubten Erde einen freien Menschen, - der mit seinen Augen hinausblickt in ferne Ewigkeiten wie in eine endlose Reihe von Kreisen über Kreisen voll Unsterblichkeit und sieht sich in jedem dieser ewigen Kreise verherrlichter und Dir, o Du heiliger Vater, ähnlicher und näher!
   06] Aber nicht nur zu einem unsterblichen Menschen, sondern zu noch mehr, ja zu noch unendlichmal mehr denn nur zu einem unsterblichen Menschen hast Du den bestaubten Wurm der Erde, der Staubmutter, gemacht!
   07] Ach, wer kann die endlose Größe Deiner Vaterliebe fassen?!
   08] Denn der bestaubte Wurm, der schwache, sündige Mensch darf Dich, Du ewiger, heiliger Gott, lieber Vater' rufen!
   09] O Vater, - zu Deinen Kindern hast Du uns gemacht!
   10] Heiliger Vater, ich kann Dich anbeten, kann Dich loben und preisen; ich kann Dich rühmen mein Leben lang aus allen meinen von Dir mir verliehenen Kräften; ich kann Dir Opfer anzünden, dahin sich immer mein Auge wenden möchte; ich kann Dich also hochachten, daß sich aus der mir nur immer möglich allerhöchsten Ehrfurcht mein Geist unter die allerletzten, untersten und geringfügigsten Schöpfungen verbergen könnte; ja, ich kann Dich lieben nach aller Liebegewalt in mir; ja, solches alles kann ich tun Dir, meinem allmächtigen Schöpfer, Dir, meinem heiligen, großen Gott!
   11] Denn solange Du mir nur bist ein Schöpfer, ein ewiger, unendlicher Gott, so lange auch findet zwischen mir und Dir kein anderes Verhältnis statt als allein nur das der vollsten Nichtigkeit von meiner Seite gegen Dich und Deine unendliche Allheit in aller Macht Deines göttlichen Wesens gegen - wie schon gesagt - mein allervollstes Nichts!
   12] Aber, wenn ich Dich ,Vater' nenne, o Du heiliger Vater, dann hört all das frühere Verhältniswesen auf; eine Wonne umstrahlt da mein Herz, und mein Geist bebt, von einer unaussprechlich großen Ahnung ergriffen, und mir bleibt dann nur ein mächtiges Gefühl, und das ist die Liebe, die alleinige reine in Dir, o Vater, geheiligte Liebe, - ja, eine heilige Liebe, da sie nichts denn nur Dich allein, Du heiliger Vater, zu lieben vermag!
   13] Das ist aber dann auch alles, was ich Dir darzubringen vermag. In dieser Liebe vergesse ich sogar aller Anbetung, alles Dankes, alles Lobes, aller opferlichen Verehrung, die Dir doch als dem ewigen Gotte gebührt, und alles Rühmens und Preisens Deiner unendlichen Herrlichkeiten; und wahrlich, da habe ich dann nichts vor mir denn allein Dich, o Du heiliger Vater, rufe nichts als,Vater, denke an nichts denn nur an Dich, Du heiliger Vater!
   14] Daher vergib mir nun auch, Du lieber, heiliger Vater, daß ich Dir nicht zu danken, Dich nicht zu loben und zu preisen vermag, denn mein Herz ist zu erfüllt von der mächtigsten Liebe zu Dir; daher kann ich auch nun nichts als Dich allein nur über alles lieben!
   15] O Vater, da aber meine Zunge aus zu großer Liebe meines Herzens zu Dir gar nicht fähig ist, entweder zum Gebete oder zum Ruhme Deines Namens sich zu bewegen, darum (weil) sich alle meine Kraft in der Liebe zu Dir im Herzen vereinigt hat, so vergib mir schon im voraus; denn sicher wird da meine Erzählung ganz entsetzlich holpericht ausfallen!
   16] Zum größten Glücke für meine nun ganz unbehilfliche Zunge habe ich das meiste schon in diesem meinem matten Bekenntnisse kundgegeben was ich empfunden und gefühlt habe und noch fühle und wahrlich ewig fühlen werde, und setze nun nur noch das Gesicht bei, welches also beschaffen war:
   17] Als ich über das nachdachte, daß Du unser aller heiligster Vater bist und hast uns gemacht durch Deine unendliche Liebe zu Deinen Kindern, - siehe, da wurde es plötzlich überhelle in mir, so zwar, daß ich mich innerlich also beschauen konnte, als wie man beschaut den Grund einer ruhigen allerreinsten Wasserstelle.
   18] Aber bei dieser Beschauung blieb es nicht lange. Denn gar bald fand ich mein Herz und in der Mitte des Herzens einen überaus stark leuchtenden Ring, und dieser Ring oder Kreis drehte sich beständig. Hier dachte ich: Was soll es da mit dem Ringe?'
   19] Als ich aber solches noch kaum gedacht hatte, da ging der Ring denn plötzlich, also wie die Kreise im Wasser, auseinander und dehnte sich überweit über mein Wesen hinaus zu einem endlos großen Kreise, in dessen Mitte ich mich ganz allein befand.
   20] Aber auch dieses Gesicht dauerte nicht lange. Denn gar bald löste sich der Kreis in endlos viele Kreise, die sich hintereinander fort und fort reihten und stets größer und größer wurden und heller leuchtender stets. Und ich sah in der Mitte eines jeden Kreises mich selbst stets herrlicher, leuchtender und größer und stärker, und in einer endlos tiefen Tiefe, da die stets größer, ja endlos größer werdenden Kreise sich nimmer enden wollten, sah ich ein unermeßlich großes und starkes Licht und als ich stärker und schärfer nach dem Lichte hinstarrte, da wurde ich auf einmal gewahr, daß Du, o heiliger Vater, im Lichte das Licht Selbst warst!
   21] Und durch all diese endlos vielen Kreise vernahm ich dann ein sanftes Wehen, und das Wehen ging von Dir aus.
   22] Ich aber verstand das Wehen. Das Wehen aber offenbarte sich als ein wohlvernehmbares Wort in mir; und darum verstand ich das Wehen.
   23] Das Wehen aber sprach: ,Siehe, das ist der Weg der Liebe ins ewige Leben und durch dieses zu Mir, deinem ewigen, heiligen Gott und liebevollsten Vater!'
   24] Darauf aber verstummte dann plötzlich alles, und mit meinem Gesichte hatte es ein Ende.
   25] Und so ende denn auch ich; denn das ist alles, was ich gesehen, gefühlt und vernommen habe.
   26] O Vater, Du lieber, heiliger Vater, nimm es gnädig auf, und verstoße mein Dich sicher nur höchst unvollkommen liebendes Herz nicht, sondern gib mir die Kraft, daß ich Dich stets inniger und vollkommener lieben kann ewig, ewig, ewig! Amen.«


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