Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes' (Band 1)

Kapitelinhalt 142. Kapitel: Von der Willensfreiheit des Menschen.

   01] Nach dieser kurzen Mahnrede Emanuels erhob sich der Seth und brachte, durch und durch mächtig von der Liebe ergriffen, folgendes hervor, sagend nämlich:
   02] »O Emanuel Abba, vergib uns allen unsere entsetzliche Lauheit! Denn siehe, ich und also wir alle sind durch Deine außerordentlichen Großwundertaten ganz gefühlsstumm geworden, und die Reden Adams, Henochs, dessen Begünstigung, Deine schnell aufeinanderfolgenden Feuerreden und liebeglühenden Lehren haben unseren von Natur aus etwas langsamen Geist überladen, und wir konnten nimmer folgen all den unaussprechlichen Herrlichkeiten aus Deinem heiligen Munde; daher erlagen wir unserer großen Ohnmacht und verließen uns heimlich auf den Henoch, daß er uns solches nachträglich schon wieder beibringen werde und wir es dann nach Zeit und Muße ganz bequem und leicht würden begreifen können.
   03] Doch ein ganz anderes heiliges Licht aus Dir zeigte uns allen nun, daß alle diese eben angeführten Gründe nicht also wirkten, sondern unser eigener träger Wille war es, der da alles solches ärgerlich Laue in uns bewirkte; daher, o Emanuel, erwecke unsern noch immer toten Willen und stärke mit Deiner Gnade unsere schwachen Herzen, auf daß wir das Gesagte aus Deinem heiligen Munde lebendig erfassen und danach unser Leben Dir wohlgefällig einrichten möchten! Amen.«
   04] Und der Emanuel erwiderte dem Seth und also auch allen folgendes: »Seth, siehe, Ich reinige euch um der Wahrheit deines Bekenntnisses willen Allein eure Wahrheit ist nackt wie ihr selbst vor Mir; darum bekleidet euer Herz mit freier Liebe zu Mir, damit ihr lebendig werdet! Denn alles kann Ich euch geben; nur allein die freie Liebe eures Herzens zu Mir, diese kann Ich niemandem geben! Und so Ich solches täte, was wäre da eure Liebe?
   05] Ich sage euch, sie wäre nichts als ein fremder Trieb in euch, der euch nötigen möchte, wider euren Willen Mich zu lieben und somit auch anzubeten!
   06] Ich aber habe euch zu freien Menschen und Kindern erschaffen und habe einem jeden gegeben einen eigenen guten Anteil der Liebe, die da bewirkt das Leben in euch. Mit dieser freien eigenen Liebe müßt ihr Mich erfassen, so werdet ihr das Leben in euch erfassen!
   07] Ich habe jedem so viel gegeben, daß da sein Anteil ein ganz gerecht wohlgemessener ist, also wie da gelegt ist in jegliches Samenkorn ein der Liebe entstammender lebendiger Keim. Wenn der Same in die Erde gelegt wird, so sammelt sich der Liebe Tau um ihn. Dieser Tau zerstört das den lebendigen Keim einschließende Fleisch und macht frei den lebendigen Keim. Ist er nun frei, so fängt er an, begierig den ihn umgebenden Liebes- und Lebenstau in sich aufzunehmen und wächst allmählich größer und größer heran, bricht dann bald selbstkräfig über das Erdreich empor und erhebt sich frei, hinauf zum Lichte der Sonne strebend. In solcher Freiheit erstarkt er, und so wird endlich aus dem fast unsichtbar kleinen Keime ein mächtig starker Baum, über und über voll Leben und somit voll von tausendfacher Frucht; und alles Leben ist da ein dem Baume eigentümliches Leben, aus welchem es seinesgleichen tausendfach hervorbringt.
   08] Sehet nun, und fraget euch selbst, ob es nicht also auch sich verhalte mit der eigenen freien Liebe in euch, die da ist ein wahrer Keim des ewigen Lebens in eurem Fleische, welches da gleich ist der Materie des Samenkornes.
   09] Mein Wort und Meine Liebe zu euch ist der Liebestau und tut mit euch wie mit dem Samenkorne in der Erde. Also nehmet auf Mein Wort in euch, damit es zerstöre euer Weltliches und dann wahrhaft frei mache eure Liebe, welche da ist das wahre ewige Leben! Erst in diesem freien Leben werdet ihr dann nützliche Fruchtbäume werden und dann tun können, was das Leben fürs Leben ist; jetzt aber ist eure Aufgabe keine andere, als euch lebendig und frei zu machen in der wahren Liebe zu Mir, damit ihr dadurch dann erst wahrhaft lebendig werdet in Mir und durch Mich, euren wahren, ewigen, heiligen Vater! Amen.
   10] Und nun gehet an die rechte Seite des Altars, und beobachtet in euch das Opfer Henochs, und lasset an der geheiligten Opferflamme erwärmen eure noch liebesschwachen Herzen! Amen.«
   11] Und alle taten nach dem Worte Emanuels und stellten sich an des Altars rechte Seite, die da war gewendet nach Mittag. An der Seite von Morgen her standen Emanuel, der opfernde Henoch, Lamech und die anderen Erweckten. Und die abendliche und mitternächtliche Seite aber war frei für das Volk.
   12] Und als nun also alles wohl bereitet und geornet war fürs Opfer, da trat noch einmal der Adam hin zum Emanuel und fragte Ihn voll der innersten, reinsten Liebe und allerhöchsten Achtung:
   13] »Emanuel, Du wirst und nach diesem Opfer etwa doch nicht alsbald verlassen, sondern noch gnädigst auch am morgigen Sabbate das Opfer auf der heiligen und es auch allergnädigst annehmen?! Denn siehe, die im Morgen, Mittag und Abend wohnenden Kinder haben Dich noch nicht erkannt! Oh, wie glücklich würden sie sein, so sie Dich in unserer Mitte auch ansehen und ein Wort des Lebens aus Deinem heiligen Munde vernehmen könnten!
   14] Allein, o Emanuel, nicht mein oder unser Wille, sondern nur allzeit Dein heiligster Wille geschehe jetzt und ewig! Amen.«
   15] Und der Emanuel sagte darauf dem Adam: »Siehe, du bist besorgt, und deine Sorge ist nicht eitel, da du ein Vater bist alles freien Blutes der Erde; aber eines bei deiner Sorge ist, das da grenzt an des äußeren Lebens Eitelkeit, und das ist das Sichtbare Meines Wesens in einer euch ähnlichen Person! Meinst du denn, Ich sei euch als unsichtbar weniger gegenwärtig und ein weniger hilfreicher Vater denn in Meiner Sichtbarkeit?!
   16] Siehe, das ist noch eitel; dir sage Ich aber, es ist jedem besser, Mich wesentlich nicht zu schauen, sondern nur durch die Liebe im eigenen Herzen! Denn Meine Sichtbarkeit ist euch eine Nötigung, Meine Unsichtbarkeit aber ist eures Lebens Freiheit; es kann aber durch die Nötigung niemand zum ewigen Leben gelangen, sondern allein durch die Freiheit, welche da ist die reine Liebe zu Mir!
   17] Zu dem Ich käme und bliebe bei ihm, der würde von Mir verschlungen; denn das Feuer Meiner Liebe ist zu unendlich, als daß ein noch sterbliches, nur für die Unsterblichkeit erschaffenes Wesen es zu ertragen imstande wäre. So aber jemand frei zu Mir kommt, nachdem er Mich zuvor gesucht hat in seinem Herzen, siehe, der hat sich gefestet und ist auch stark geworden, darum Ich ihn nicht mehr verschlingen, sondern aufnehmen werde zur ewigen Anschauung Meiner Unendlichkeit und zum ewigen freien Genusse der Ausflüsse Meiner unendlichen Liebe und Gnade!
   18] Jedoch werde Ich deiner Bitte zufolge auch morgen auf einen Augenblick allen deinen Kindern sichtbar und vernehmbar werden; verstehe es wohl! Amen.«


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