Jakob Lorber: 'Die Haushaltung Gottes' (Band 1)

Kapitelinhalt 118. Kapitel: Das irdische Leben und sein Zweck.

   01] Als die fünfe aber solches aus dem Munde Asmahaels vernommen hatten, erhob sich Seth unter ihnen und sagte: »Kinder, das ist die Wurzel des Lebens wie das einzige sichere Kennzeichen desselben in uns, daß wir dasselbe wahrhaft in uns besitzen und somit nicht mehr dem Geiste nach tot sind, so wir nach dem heiligen Worte Asmahaels den Lebendigen in uns lehrend und tröstend gar deutlich vernehmen.
   02] Wahrlich, ein Stein oder ein anderer toter Klotz vermag solches ewig nicht! Oder kann der Tote sich dem Toten offenbaren?!
   03] Wie wird da der eine lehren mit verständlichen Worten und der andere Tote dieselben vernehmen und verstehen und sich endlich danach kehren?!
   04] So aber auch möchte der Lebendige Worte an einen Toten verschwenden, was werden sie ihm wohl nützen, da er sie unmöglich je vernehmen kann?!
   05] Wir haben zwar ein leibliches Leben. Allein dieses Leben ist uns nur gegeben als ein Weckhahn, auf daß durch denselben die ewig lebendige Liebe in unserm Herzen zu Gott erweckt werden möchte; denn obschon uns allen solche Liebe gegeben ist, so ist sie uns aber doch nur gegeben gleich einer schlafenden Braut, die wir zuvor in uns durch die unschätzbare Gnade des äußeren Lebens erwecken müssen, damit sie dann als das eigentliche, wahre Leben in uns erst vom Leben alles Lebens lerne, zu leben in aller Freiheit, Macht und Kraft, unser äußeres Leben in sich aufnehme und wir somit dann mit und in ihr, wie sie in Gott, ein und dasselbe ewige Leben werden.
   06] Im äußeren Leben können wir nach den bestehenden Formen denken, und zwar von Bild zu Bild und von einer Sache und Handlung hin zur andern. Aber all dieses Denken ist nicht unser Werk; denn also hat ja der Herr unser Wohnhaus eingerichtet, daß im selben allerlei anzutreffen ist. Was aber da ist, empfinden wir ja deutlich durch unsere Gedanken! Aber ist solches fürs Haus allein oder fürs Leben des Geistes uns gegeben?
   07] Sehet, das ist eine ganz andere Frage! Ich halte aber die Gedanken! gleich den Suchern, die da beständig suchen und gewöhnlich nichts finden, wenn sie sich zu weit entfernen von dem Orte, wo das Leben verborgen ruht.
   08] Die rechten Gedanken sollen nicht auffliegen gleich einem Geier, sondern sollen einer Grasmücke gleich das leuchtende Würmchen suchen unter den grünen Blättern der Pflanzen; und wo des Grases grüner Schatten am dichtesten wird oder das Vertrauen am festesten, da wird das Würmchen sicher weilen und allda auch zu finden sein.
   09] O Asmahael, siehe, also habe ich es aufgefaßt! Wenn ich also glaube, werde ich wohl das Leben finden und die Kinder mit mir? So es Dein Wille ist, magst Du es mir ja bescheiden! Amen.«
   10] Asmahael aber fragte darauf alsogleich den Seth, sagend: »Höre, Seth! So du aber nun recht gesprochen hast, sage Mir, woher dir solche Rede kam! Glaubst du dich dabei aber in der Irre, wozu quältest du deine Lunge und Zunge so lange vergebens?'
   11] Seth aber entgegnete: »O Asmahael, wer vermag wohl ohne Dich auch nur ein Wort über seine Lippen zu bringen?!
   12] Du vermagst auch aus Steinen und aus reißenden Tieren Worte des Lebens zu verkünden; wie solltest Du dann solches nicht durch meinen Mund, den Du dazu erschaffen hast?
   13] Aber ich meine, es ist nicht ein und dasselbe, zu reden und, was man geredet hat, auch schon vollkommen zu verstehen, da Du auf dem Wege vom Mittage gen Abend uns doch allen hinreichend liebreichst zu verstehen gabst, wie wenig wir alle von dem verstanden haben, was wir uns gegenseitig schon die längste Zeit vorgepredigt haben.
   14] Daher glaube ich auch jetzt die vollste Wahrheit aus Dir ausgesprochen zu haben; ob ich sie aber auch also vollkommen verstehe, o Asmahael, das wirst Du sicher am allerbesten wissen! Daher sei gnädig und bescheide mich in Deiner Liebe und Erbarmung! Amen.«
   15] Und Asmahael beschied den Seth also: »Höre, Seth! Dein Wort ist ein wahres Wort; denn es ist ein Wort aus Mir. Jeder aber, der da ist demütigen Herzens und redet um Meines Namens Willen und tut solches nicht aus was immer für zeitlichem Beweggrunde oder eigennützigem Interesse, sondern allein aus Liebe zu Mir und daraus zum Bruder, - wahrlich, nicht ein Laut wird da über seine Lippen fallen, der da nicht wäre von Mir! Wer aber zwar auch redet in Meinem Namen, aber sein Auge dabei erhebt über das des Bruders und sein Herz aber versenkt in die Furchen der Erde habsüchtig, - wahrlich, der ist gleich einer Giftstaude, da er dieser gleich das göttliche Liebelicht und seine allbelebende Wärme in sich verkehrt in Verderbliches und Tödliches statt in Ersprießliches und ewig Belebendes!
   16] So du aber schon deine schlafende Braut geweckt hast, darum du solches zu reden vermochtest, so geht dir ja ohnehin nichts mehr ab denn allein die Handlung danach. Tue also danach, so wirst du eins werden mit dir und so auch mit Mir, und so auch alle, die also wie du tun werden! Amen. Verstehe es, amen!«


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