Leopold Engel (1858-1931): 'Das große Evangelium Johannes', angeblicher 'Band 11', Achtung! krit. Anmerkungen

Kapitelinhalt 026. Kapitel

   01] Sagte darauf Rael: »Herr und Meister, diese Verheißung erfüllt mich mit großer Freude, weiß ich doch, wer sie mir gibt, und daß sie darum auch ganz gewiß in Erfüllung gehen wird. Darum frage ich auch nicht weiter, sondern überlasse alles Deiner Liebe und Barmherzigkeit.
   02] Doch etwas anderes dürfte zu fragen mir wohl erlaubt sein!? Du sagtest, daß das Kunstverständnis ein Maßstab sei für den geistigen Fortschritt der Völker, insofern dadurch ihr geistiges Auffassungsvermögen bekundet wird. Sicherlich haben die Griechen und auch durch diese die Römer einen hohen Grad erlangt in der Freude am künstlerischen Schaffen; trotzdem ist aber doch nicht zu leugnen, daß ihre Sitten nicht auf der Höhe des reinen, sittlichen Empfindens stehen. Wie ist denn nun dieses mit Deinen Worten zu vereinigen?«
   03] Sagte Ich: »Ich habe euch gesagt, daß der Mensch die offene Seele, welche ihn erst befähigt zur Aufnahme rein künstlerischen Schaffens, auch ebensogut verkehren kann. Ist die Seele erst befähigt, Eindrücke zu empfangen, so kann sie diese nach Belieben verwerten, - doch wird ein rein tierischer Mensch niemals ein ideales Kunstwerk schaffen. Auch die Empfänglichkeit, Böses anzunehmen, bedingt ein Offensein der Seele. Und von dem Augenblick an, wo sich ein Sünder, der sich bisher mit Liebe in allerhand Sinnlichkeiten stürzte, durch den Willen aufrafft, um seine böse Liebe zu vernichten, kann in ebendemselben Maße die wahre Liebe einziehen und wirken. Wäre das nicht, so gäbe es keine plötzlichen Bekehrungen, die ihr schon selbst im Leben beobachtet habt an Meiner Seite; denn es kommt hier allemal auf die Kraft der Liebe an, gleichviel, ob sie böse oder gut ist. Wie sie beschaffen ist, erkennt man alsbald an ihren Werken.
   04] Darum soll aber nie einer seinen Bruder, der in der bösen Liebe noch befangen ist und durch die Kraft derselben selbst böse Werke tut, verdammen und schelten, sondern nur bemitleiden und durch seine eigene, gerechtere Liebe zur Umkehr zu bewegen suchen; denn ein solcher Schelter weiß nicht, ob Ich nicht einen kräftigen Willenserreger zur Unterstützung sende, wodurch der anscheinend Verlorene schnellstens seine böse Liebe in gute verwandelt und nun geistig gerechter vor Mir dasteht als der Schelter selbst.
   05] Würde Ich Mir um den verlorenen Sohn solche Mühe geben, wenn Ich nicht wüßte, wie groß und allumfassend seine Liebe ist, die sich jetzt verkehrt hat, aber wieder zu Mir hingewendet werden kann? Nur deswegen, weil dieser Umschlag im Handumdrehen bei jedem gefallenen Geiste und Menschen eintreten kann, geschieht es auch, daß der Vater Seinen Söhnen nicht flucht, sondern sie bemitleidet, mit Liebe lockt, ja Selbst sie aufsucht, damit sie den Weg ins Vaterhaus finden mögen!
   06] Welche Liebe und Geduld aber dazu vonnöten ist, könnt ihr leicht ermessen, wenn ihr die ungeheure Größe der Weltbosheit und Verworfenheit betrachtet, die gerade jetzt in diesem Lande ihren Höhepunkt erreicht hat, damit die göttliche Liebe als Gegengewicht und als die stärkere Macht all die gesamte Bosheit verschlinge und in sich vernichte. Eine kleinere Macht kann aber keine größere in sich aufnehmen, wenigstens nicht geistig, sondern nur eine größere kann die schwächere umarmen und schließlich in sich schadlos verlieren machen, wie es auch geschieht.
   07] Was aber nun die Griechen und auch die Römer betrifft, so werden diese Völker ebensowohl untergehen, wenn sie die geistigen Eigenschaften, die sie erhalten, allzusehr zum Wohlleben und Kitzel der Sinnlichkeit ausnutzen. Es wird da an rechtzeitigen Mahnungen nicht fehlen. Aber kümmern sie sich nicht darum, so muß ein solches Geschwür am Körper ausgebrannt und oft unter großen Schmerzen herausgeschnitten werden, damit der Körper erhalten bleibe.
   08] Ich kann dir aber sagen, daß die Völker bis jetzt noch nicht die Festigkeit in sich gefunden haben, sich dauernd rein in sich zu erhalten. Diese Festigkeit kann erst durch langsame Zucht und durch mühsame Erziehung erlangt werden.
   09] Ich, ihr Lehrmeister, bin aber herabgestiegen, um ihnen die besten Wege zu weisen. Und weil Ich der Lehrmeister und Weltenweiser bin, so wird auch das Ziel ganz sicher erreicht werden, - allerdings auf Wegen, die den Fleischmenschen verkehrt vorkommen werden, den schon im Fleische geistig Geweckten und den reinen Geistmenschen jedoch leicht verständlich sein werden.«
   10] Sagte Rael darauf: »Herr, was Du uns da kundgetan, ist ganz gewiß sehr wahr und richtig, und niemand kann daran irgendwie zweifeln, da Du, als der Herr, Selbst es uns erklärst und kundgibst. Aber es ist da eine besondere Frage, die ich mir schon oft vorgelegt habe und nie beantworten konnte, und diese ist: Warum sind denn nun die Juden eigentlich das berufene Volk, und warum bist Du denn hier gerade niedergekommen?
   11] Ich selbst als Jude bin jedenfalls sehr glücklich darüber, ein Sproß dieses beglückten Volkes zu sein; anderseits kann ich aber in meinem freigeistigen Gemüte mir auch nicht verhehlen, daß heutzutage gerade die Juden, trotz ihrer Erwartung des Messias, weitaus den ungeeignetsten Boden bieten dürften zur Ausbreitung irgendeiner geistigen Seelenlehre, wie Du sie bietest. Dafür dürften die Römer und Griechen, die doch längst durch ihre Philosophie kundgegeben haben, wie sehr sie nach etwas Besserem schmachten, als ihre Götterlehren bieten, weit eher geeignet sein. Auch dürfte zum Beispiel von Rom aus eine weit schnellere Verbreitung Deiner Lehren zu erhoffen sein als von dem verstockten Jerusalem. Den Juden dürfte wohl anders, als mit der äußersten Machtstellung, die sie sicher wünschen, nicht gedient sein, und alle wahre Seelenerkenntnis ist ihnen feil um den Preis, Jerusalem mit Rom vertauscht zu sehen.
   12] Dir in Deiner Allwissenheit ist das doch gewiß schon lange vor Deinem Herniedersteigen bekannt gewesen! Was ist da wohl der ureigenste Grund, weswegen Du trotzdem dieses undankbare Volk erwählt hast?«

Krit. Anmerkungen zur Person und den Werken von Leopold Engel


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