Leopold Engel (1858-1931): 'Das große Evangelium Johannes', angeblicher 'Band 11', Achtung! krit. Anmerkungen

Kapitelinhalt 009. Kapitel

   01] Nachdem das Mahl beendet war, sagte der Wirt Mucius zu Mir: »Herr und Meister, ich bin nun schon recht begierig, einige Fragen zu stellen, die mir durch unser gestriges Gespräch so recht auf dem Herzen liegen. Jetzt sind keine uns belauschenden Pharisäer mehr zugegen, so daß ungehindert Frage und Antwort gestellt und gegeben werden kann. Wenn Du also erlaubst, o Herr, so würde ich Dich um Beantwortung meiner Fragen bitten.«
   02] Sagte Ich: »Frage nur immer zu und lasse dich auch durch die Gegenwart des Phoikas in nichts behindern; denn er soll nun auch eingeführt werden in das Reich des wahren Lebens, als Lohn dafür, daß er, nur halbwegs ahnend und fühlend, hier wehe die Luft des reinen Geistes der Wahrheit, seine Weltgeschäfte hintansetzte und seinem Herzen folgte. -
   03] Ich sage dir, Phoikas, du hast Meinem Herzen dadurch wohlgetan und hast dadurch einen Weg betreten, der zu dem ewigen Heile führt. -
   04] Doch frage du, Mein lieber Mucius, nur frisch drauflos, damit dir eine rechte Antwort werde!«
   05] Sagte Mucius: »Da Du, o Herr und Meister, es mir erlaubt hast, so bitte ich Dich um eine rechte Aufklärung, warum wir Menschen denn leben, was aus uns nach dem Tode wird, und wie wir am besten in alle Weisheit des Lebens eingeführt werden können.
   06] Du sagtest mir gestern, daß durch Halten Deiner beiden Gebote, welche mir Dein Jünger auch näher auseinandersetzte, die rechte Erkenntnis im Herzen des Menschen selbst erwache, - aber das Wie ist mir doch noch sehr verschleiert geblieben, und so bitte ich Dich um ein rechtes Licht darüber.«
   07] Sagte Ich zu dem Wirte: »Mein lieber Mucius, gerade diese drei Fragen, welche du stellst, fassen in sich ja die ganze Weisheit aller Himmel und die Gründe Meines Lehramtes auf dieser Erde. Soviel daher auch schon von Mir darüber geredet worden ist, so kann doch nie genug immer wieder von neuem die Grundlehre wiederholt werden, damit das geistige Herz des Menschen diese ewigen Wahrheiten völlig in sich aufnehme, recht in sich verdaue und völlig in Fleisch und Blut in sich verwandle. Ich will daher deinet- und Phoikas' wegen in erster Linie, als noch fremd in Meiner Lehre, und dieser Meinen wegen, welche schon längere Zeit um Mich sind, trotzdem aber in alle Wahrheit noch nicht völlig eingedrungen sind, in zweiter Linie, deine Fragen ausführlich beantworten. - Höret also wohl zu!
   08] Der Mensch lebt aus zweierlei Gründen, die er als eine Mittelperson in sich zu vereinen hat. Einmal als Schlußstein der äußeren, materiellen Schöpfung, in der er als die Krone der Schöpfung gepriesen und genannt wird, das andere Mal als der Anfangspunkt der rein geistigen Welt, die mit ihm die erste Stufe der vollständig freien Selbsterkenntnis erreicht hat. Er ist nach einer Seite hin also der Anfang, nach der andern Seite das Ende einer Kette und hat in sich, durch sein geeignetes Leben und die freie Entwicklung, das rechte Bindeglied zu finden, diese beiden Ketten zu einen. Ich werde euch das klarer auseinandersetzen.
   09] Alle Wesenheit von dem kleinsten Geschöpf an bildet eine aufsteigende Stufenreihe, und zwar in der Art, daß eine Stufe stets die andere ergänzt, größere Vollkommenheiten bietet und dadurch auch eine stets größere Intelligenz entwickeln kann.
   10] Sehet an die Tiere, wie es da niedere Arten gibt, die nichts anderes zu bezwecken scheinen, als ihren Leib zu erhalten und andern zum Fraße zu dienen! Kommt ein Feind ihres Leibes und Lebens, so ergeben sie sich stoisch in ihr Schicksal und wehren sich nicht, sind es auch nicht imstande; sehet da an viele Insekten und niedere Amphibien!
   11] Weiter hinauf findet ihr jedoch schon die Intelligenz so weit entwickelt, daß sich diese Tiere der Gefahren, die ihrem Leibe drohen, mehr bewußt sind und sich ihnen auch zu entziehen wissen durch allerhand, manchmal listige Streiche.
   12] Bei den noch höherstehenden Tieren findet ihr diese Eigenschaft noch mehr entwickelt, und sie sind daher auch mit geeigneten Waffen versehen, wie scharfen Krallen und Zähnen, um sich ihrer Feinde zu entledigen und damit aber auch gleichzeitig Feinde anderer Tierarten zu werden. Es entsteht nun ein gegenseitiger Kampf, in dem List und Schlauheit angewandt werden, allerdings zum Töten der Leiber, aber zum Fortschreiten des Intellekts, damit der allmählich sich entwickelnde Charakter, der mit immer höher steigenden Tieren deutliche Vielgestaltigkeit erlangt, sich bilden kann.
   13] Es naht sich nun eine Grenze, von der aus die Tiere geneigt sind, sich dem Menschen anzuschließen, die ihr dann Haustiere nennt. Diese sind durchweg gesitteter oder zahmer, wie ihr sagt. Sie können sehr weitgehende Intelligenz entwickeln und abgerichtet werden. Sie werden dadurch gewisserart dem Menschen, zwar nicht in der äußeren Form, aber wohl in gewissen Charaktereigentümlichkeiten ähnlicher. Ihr könnt hier oftmals recht verblüffende Handlungen der Tiere beobachten, welche von einer Überlegung zeugen und auch von einer gewissen Urteilskraft, so daß ihr staunt und geradezu sagt: dem Tier fehlt nur die Sprache. Sehet, das sind solche, die in ihrer geistigen Entwicklung nur noch den Schritt bis zum Menschen zu tun haben, ähnlich wie ein unmündiges Kindlein auch nur noch einen gewissen Schritt der Jahre zu tun hat, um ein verständnisvoller Mensch zu werden! Beim Tier kann das Ziel aber nicht erreicht werden, da die Seelenform noch nicht vollendet ist, während im Kinde, das doch oft viel dümmer und unbeholfener erscheint, die entwicklungsfähige Seelenform vorhanden liegt, wie in jedem Samenkorn das Bild der zukünftigen Pflanze.«

Krit. Anmerkungen zur Person und den Werken von Leopold Engel


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