Leopold Engel (1858-1931): 'Das große Evangelium Johannes', angeblicher 'Band 11', Achtung! krit. Anmerkungen

Kapitelinhalt 008. Kapitel

   01] Ich unterwies nun Meine Jünger, wie sie hier ein rechtes Beispiel hätten, wohin die Weltlust und Herrschsucht führe, und wie nötig es sei, stets auf der Hut zu sein und nicht zu glauben, schon alles Wissen und Licht in sich aufgenommen zu haben, wie jene drei Pharisäer vermeinten, die so rechte Wissenschaftler genannt werden könnten, weil sie alles mit kritischem Verstande untersuchen und nur das glauben wollen, was sie sehen, dabei aber von einem Zweifel in den andern fallen, weil bei dem Sehen nun wieder später Zweifel auftreten, ob sie auch recht gesehen hätten, und sie so schließlich ihren eigenen Taten und Worten mißtrauten. Dabei sei ihr Streben sogar ein ernstes, aber dennoch verkehrtes, weil es sich nur nach dem Äußerlichen, nicht nach dem Innern richte, und dieses allein bilde doch den genießbaren Kern, wie bei einer Nuß, während man an dem rein Äußeren sich die Zähne gewaltig ausbeißen kann. Deswegen war es auch noch lange nicht möglich, sich ihnen zu erkennen zu geben.
   02] Ein Wunder hier zu wirken, hätte keinen Zweck gehabt, da sie nur die Art seiner Vollbringung nicht verstanden zu haben geglaubt hätten, den innern Kern jedoch - als zu sehr Anhänger griechischer Wissenschaft, mit der sie sich heimlich befaßten - verworfen hätten. Erst bei Aphek, welche Gegend ihnen von früher wohlbekannt war, werden sie sich sehr verwundern und zu begreifen anfangen, daß hier das Natürliche nach ihren Begriffen aufhört, werden sodann eifrigst nachforschen und von ihrer Wissenschaftlichkeit, die sie gründlich im Stiche lassen wird, allmählich befreit werden.
   03] So wird ihnen auch ein Licht aufgehen, wer Ich denn gewesen sei, zumal sie erfahren, daß Ich dieses Weges gezogen bin, und sie werden nun aus sich selbst heraus geklärt (klarer) werden. Freilich wird bis zur vollen Erkenntnis noch eine längere Zeit vergehen, da sie sehr bald von Jerusalem fortgesandt werden sollen, damit ihre Seelen sich in Ruhe und Beschaulichkeit reinigen können und das gestreute Samenkorn nicht in dem dortigen Schlamme ersticke.
   04] Wir sprachen noch mehreres über den Tempel und seine Diener, sowie auch über das Schicksal desselben, als Mucius mit dem Kaufmann zurückkam und uns mitteilte, die Pharisäer hätten sich bereits mit ihren Leuten nach der östlichen Richtung zu aufgemacht, auch die übrigen Kaufleute hätten ihre Maultiere und Kamele schon bepackt und seien abgezogen. Dieser Kaufmann aber hätte sie ziehen lassen und sei willens, sich noch weiter mit Mir zu besprechen.
   05] Ich ging nun auf diesen zu und fragte ihn freundlich: »Phoikas, was ist es denn, was dich hier zurückgehalten hat?«
   06] Sagte ganz verwirrt der Kaufmann: »Herr, woher weißt du denn diesen Namen, den ich nur in der Jugend führte? Ich bin ein Grieche von Geburt und wurde Phoikas genannt. Da ich jedoch früh verwaiste, nahm mich ein barmherziger Jude zu Tyrus bei sich auf und sogar später an Sohnes Statt an, da dieser ohne Kinder blieb. Ich wurde Jude, erhielt auch die Beschneidung und wurde Agamelom genannt. Nie ist der Name Phoikas seit Jahrzehnten in meine Ohren gedrungen, ich selbst hatte ihn fast vergessen, - und jetzt nennst du mich so?«
   07] Sagte Ich: »Wundere dich deswegen nicht, denn Mir ist noch gar viel mehr bekannt als nur ein einfacher Name, mit dem dich in frühester Jugend deine Eltern benannten. So ist auch deine ganze Jugendzeit, die du anfangs in Athen und dann später mit deinem Vater allein in Tyrus verbrachtest, Mir gar wohl bekannt. Doch dein Vater starb an einer bösen Erkältung, die in ein arges Fieber ausgeartet war, als er bei einer Bootsfahrt, die er zur Bergung gestrandeter Waren unternommen hatte, ganz durchnäßt zurückkam. Und so wurdest du eine Waise, da deine Mutter schon in Athen gestorben war. Der Jude aber, bei dem du aufgenommen wurdest, war ein Geschäftsfreund deines Vaters, der Handel nach Jerusalem führte, und hieß Maliesar. - Sage, ist es so oder nicht?!«
   08] Der Kaufmann erstaunte immer mehr und sagte: »Ja, auf ein Haar ist es so, und ich staune darüber um so mehr, als diese Ereignisse schon vor dreißig und mehr Jahren spielten (stattfanden), also zu einer Zeit, wo du augenscheinlich noch nicht geboren sein konntest. Woher sind sie dir da bekannt? Denn der Kreis, der von meinem Vater und jenem Adoptivvater wissen kann, ist auch schon längst ausgestorben.«
   09] Sagte Ich zu ihm: »Ich sagte dir schon, daß Mir noch sehr viel mehr bekannt ist. Kümmere dich aber vorläufig nicht darum, denn das wird dir schon noch alles klarwerden. Jetzt aber lasse uns ein rechtes Mittagsmahl einnehmen, damit auch unsere Leiber gestärkt werden, und nach dem Mahle wird dir schon eine rechte Erklärung werden!«
   10] Wir gingen nun hinein ins Haus und nahmen das Mittagsmahl zu uns, das Mucius für uns hatte zubereiten lassen.

Krit. Anmerkungen zur Person und den Werken von Leopold Engel


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