Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 242. Kapitel: Die römische Toleranz.

   01] Sagte Ich: »Mein lieber Freund, in der weltlichen Anschauungsweise der Menschen hast du vollkommen recht, aber in der geistigen durchaus nicht; denn für den Geist gibt es nur eine alleinige Wahrheit, und diese besteht darin: den einen, wahren Gott erkennen, Ihn über alles lieben und seinen Nächsten wie sich selbst. Dies ist besser als alle diese Wissenschaft der Erde, und dazu ist das Menschenleben immer lang und gut genug.
   02] Wer in diese eine Wahrheit eingeweiht wird durch den Geist der Liebe in seinem Herzen aus Gott, der wird auch in kürzester Zeit mehr Weisheit und Wissenschaft in sich besitzen als alle Büchersammlungen auf der ganzen Erde, wofür Ich dir bürgen kann. Aber heute ist nicht die Zeit dazu, um dich in dieser Sphäre weiterzuführen; morgen aber sollst du in allem, besonders aber in dieser Sphäre, näher eingeweiht werden, - und wirst du in dieser Sphäre vollends eingeweiht sein, so wirst du um wenig andere Dinge mehr zu fragen haben!«
   03] Während Ich und der römische Wirt solches miteinander besprachen, machte ein Pharisäer die Tür auf und trat ins Zimmer, trat sogleich an unseren Tisch und sagte: »Meine Freunde, es fehlen noch eine und eine halbe Stunde nach unserer Sanduhr bis zur Mitternacht, und da wir euer Gespräch vernommen haben über Moses und die Propheten und über noch allerlei andere Dinge, und wir Pharisäer auch wissen, daß die Römer nicht selten sehr gescheite und erfahrene Menschen sind und unsere jüdischen Geschichten nicht selten besser verstehen als wir selber, so habe ich mir die Freiheit genommen, zu euch hereinzugehen, um hier mit euch auch hie und da ein Wörtchen zu reden. Ihr könntet mich zwar einer besonderen Keckheit beschuldigen; aber ich weiß, daß die Römer artige Menschen sind und auch einen Pharisäer reden lassen werden, wenigstens fragend, wenn auch nicht belehrend!«
   04] Das war dieses Pharisäers Rede.
   05] Sagte der Wirt: »Wir Römer hören alles an, was jemand hervorbringt - vorausgesetzt wir merken, daß in seiner Rede Geist und Verstand vorhanden ist -, und sind auch eines jeden Menschen Freunde, der es überhaupt mit uns sowie auch mit allen andern Menschen redlich meint, und er hat in unserer Gesellschaft auch das Recht zu reden, ob er ein Grieche, Jude, Araber, Perser oder Indier ist.
   06] Aber eure Begriffe zu Jerusalem über den wahren Wert und über die wahre Würde der Menschen sind von den unsrigen oft himmelhoch verschieden; denn ihr haltet alle Menschen, die nicht euch gleich Erzjuden sind, für von eurem Gott verachtete Sünder. Wir Römer sind von solch einem Grundsatze überaus weit entfernt; denn bei uns heißt es: "Lebe ehrbar, gib jedem das Seinige, und beschädige niemanden!" - In dieser Denkungs- und Handlungsweise ist uns demnach jeder Mensch gleich, aus welcher Gegend der Erde, ob nah oder fern, er auch her sei. Wir halten niemanden für einen Sünder, außer Diebe, Räuber und Mörder und den auch, der mutwillig wider das Gesetz handelt.
   07] Was übrigens aber den Glauben an irgendeinen Gott betrifft, so lassen wir jeden Menschen bei seinem Glauben, ob im selben Wahrheit oder Lüge daheim ist, - denn jeder Mensch soll seines Glaubens leben, sterben und selig sein; alles andere überlassen wir denjenigen Mächten, die die Erde, die Sonne, den Mond und alle andern Gestirne geschaffen haben, und wider solche unsere Grundsätze hat noch nie ein weiser Mann eine Stimme gegen uns erhoben.
   08] Wir sind wohl allgemein bekannt als ein kriegerisches und äußerst tapferes Volk, und das römische Zepter gebietet jetzt mehr denn über halb Europa, halb Afrika und halb Asien; aber wir sind niemals mit unseren Waffen wider ein Volk ausgezogen, das uns in Ruhe gelassen hat. Aber so ein Volk uns zu bedrohen sich unterfangen hatte und Störungen bei uns in unserer Ruhe und Ordnung anzurichten begann, - über solch ein Volk fielen wir her mit einem wahren Löwenmut, besiegten es und machten es uns untertänig und zinsbar, so wie euch Juden und andere asiatische Völkerschaften bis an die Grenzen des großen Indien; aber was ihre Gottesverehrungen anbelangt, so haben wir sie alle, wie auch euch Juden, bei ihren Lehren belassen, und haben sogar in Rom, wie auch in Athen, Tempel für ihre Götter erbaut, was ihr Juden nicht getan habt.
   09] Wir können mit unserer großen Toleranz auch gefehlt haben; aber mir kommt es immer vor, daß auch unsere Toleranz in dieser Hinsicht in das Gebiet unseres Grundsatzes gehört, demzufolge man jedem das Seinige leisten und lassen soll. Alles, was darüber hinausgeht, soll einer höheren, göttlichen Weisheit anheimgestellt sein und verbleiben.
   10] Bist du, Jerusalemer, mit dieser meiner Ansicht einverstanden, so kannst du in unserer Gesellschaft reden, wie es dir gefällt; denn wir Römer sind für jede echte Wahrheit und Weisheit zugänglicher als jedes andere Volk der Erde, und bei uns wird ein wahrhaft weiser und verständiger Mensch gleich geachtet, ohne Unterschied des Glaubens in den transzendentalpsychischen (übersinnlich-seelischen) Sphären.«
   11] Sagte darauf der Pharisäer: »Mein lieber, freundlicher Wirt, ich habe schon mit so manchem Römer auch gesprochen, - aber ein freierer und vernünftigerer als du ist mir noch nicht untergekommen! Aber was möchtest du über unsere, in dieser Zeit sehr bedrohte Glaubenssache sagen?
   12] Es ist nämlich in Galiläa ein Mann aufgestanden, der sich bereits nahe an drei Jahre herumtreibt und überaus schmählich über uns drauflospredigt, dabei auch gewisse Zeichen nach Art der Essäer wirkt und alles Volk zu seiner Lehre bekehrt, indem er sich für einen Sohn Gottes ausgibt und etwa sogar aus der Schrift klar beweist, daß er der verheißene Messias sei. Und wir wissen nun nicht, was wir anfangen sollen.«


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