Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 230. Kapitel: Der unhöfliche Wirt und Jesus.

   01] Ich reichte dem Wirte darauf einen Becher voll des Wassers, und er verwunderte sich über alle Maßen, daß er statt des Wassers einen außerordentlich wohlschmeckenden Wein in den Mund bekam, und sagte darauf: »Soviel ich merke, seid ihr Magier und Hexenmeister; mit solchen Menschen ist nicht gut umgehen!«
   02] Sagte Ich zu ihm: »Mit Magiern unserer Art magst du wohl auskommen, aber mit Magiern, die dir bekannt sind, nicht so leicht; denn diese haben böse Absichten und sind voll Betruges. Ich aber bin die Wahrheit Selbst, und jede Art des Betruges ist endlos ferne von Mir. In der Folge wirst du das noch klarer einsehen als jetzt; aber nun bringe uns mehr Brot!«
   03] Sagte der Wirt: »Ich besitze nur einen Laib noch, und den brauche ich morgen für meine Leute, und meine Nachbarn schlafen alle, daß ich hinginge und bei ihnen einen Laib Brotes entleihete!«
   04] Hierauf segnete Ich die noch etlichen Stücke Brot auf unserem Tische, und wir hatten alsbald Brot in Übergenüge, und es blieb davon noch so viel übrig, daß der Wirt von den übriggebliebenen Stücken einen ganzen großen Korb anfüllen konnte.
   05] Dieses Wunderwerk machte ihn stutzen, und er sagte, das Wasser in den Wein verkehren, sei nicht etwas gar so Unbekanntes, denn er wisse, daß etwas Ähnliches auch die Bacchuspriester zustande gebracht hätten; aber die Vermehrung des Brotes stehe bei ihm höher. Denn wo etwas sei, könne ein Mensch, der die Geheimnisse kennt, schon etwas machen, - aber wo nichts sei, etwas schaffen, das scheine ihm göttlicher Art zu sein; denn das vermöchten nur die Götter, aber die Menschen nie und niemals!
   06] Sagte Ich zum Wirte: »Du bist zwar ein Grieche und hast auch mehrere Städte Griechenlands bereist; aber um die Wahrheiten, die hie und da doch noch unter den Menschen waltend zerstreut sind, hast du dich eben nicht gar zu sehr bekümmert, und als Wirt gehörst du zu den gefälligsten nicht! Du bist zwar sehr habsüchtig, aber dessenungeachtet hast du dir noch wenig Vermögen erworben. Wenn es heute nicht so spät an der Zeit gewesen wäre, hätte Ich es wohl vermieden, in deinem Hause zuzusprechen (einzukehren).«
   07] Sagte darauf der Wirt: »Höre, du mein sonderbarer Freund und Gast! Ich wäre dir schon auch artiger entgegengekommen, aber es war dein Benehmen gegen mich auch ein wenig von einer abstoßenden Art. Denn ich habe euch Fleisch und Fische angetragen; du aber hast darüber eine Bemerkung gemacht, die mich nicht freuen konnte. Ich konnte zwar nicht erraten, woher du wußtest, daß meine Fische nicht frisch sind, und daß ich euch auch nur Schweinefleisch aufzuwarten hätte. Deine Bemerkung war zwar richtig, aber ich mußte mich darob doch ärgern; denn das wirst du einsehen, daß sich kein Mensch - sei es ein Jude, Grieche oder Römer - gern beschimpfen läßt. Ich erkenne es jetzt wohl, daß du etwas Außerordentliches sein mußt - dein ganzes Wesen scheint von einem höheren Geiste beseelt zu sein -, aber dessenungeachtet kann ich dir in der späten Nachtzeit nur das bieten, was ich besitze. Mein einziger Fehler, den ich dir gegenüber begangen habe, wird wohl der sein, daß ich euch nicht den besten Wein aus meinem Keller vorgesetzt habe; aber diesen Fehler kann ich ja gutmachen und will dir sogleich einen Krug von meinem allerbesten Wein auf den Tisch bringen.«
   08] Sagte Ich: »Alles dessen ist nicht vonnöten; denn so Ich es wollte, müßten der ganze Jordan und das Tote Meer sich im Augenblick in den besten Wein verwandeln! Aber wir haben nun des Brotes und Weines zur Genüge, und somit kannst du mit uns halten und brauchst deinem Keller keinen Nachteil zu bringen!«
   09] Darauf setzte sich der Wirt zu uns, nahm Brot und Meinen Wein, aß und trank und ward darauf recht guten Mutes und bat Mich dabei mehrere Male um Vergebung, daß er Mir nicht mit der gehörigen Artigkeit entgegengekommen sei, indem er meine, daß Ich ein weiser Mann sei und als solcher wohl wissen werde, daß man die Unwissenheit keinem Menschen zu einem außerordentlichen Fehler anrechnen kann.
   10] Sagte darauf Ich: »Nun, nun, es ist schon alles wieder gut! Iß und trink, und sei heiteren Mutes; denn am morgigen Tage wirst du Mich viel unlieber weiterziehen lassen, als du Mich heute mit diesen Meinen Begleitern aufgenommen hast!«
   11] Darauf nahm auch Ich ein Stück Brot, bestreute es mit Salz, aß es und trank auch den Wein dazu. Meine Jünger taten das gleiche, wie auch der Wirt.


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