Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 222. Kapitel: Jesus über Notreife und vollreife Seelen.

   01] Es erhob sich aber hierauf der Oberstadtrichter und sagte: »O Herr und Meister, ich, der Wirt und sein ganzes Hausgesinde, wie auch diese drei Apollopriester und jene zwei Pharisäer und Juden sind vorderhand wohl zuerst durch Deine hier gewirkten Zeichen zum Glauben an Dich bekehrt worden, obschon ich in mir nun selbst überzeugt bin, daß mir Deine vielfachen Belehrungen um vieles mehr genutzt haben als Deine Zeichen; aber kurz und gut, wir sind zuerst dennoch nur durch Deine Zeichen auf Dich aufmerksam gemacht worden, und es war dann auch mit uns bald und leicht zu reden, weil wir einsahen, daß derlei Zeichen kein Mensch auf der ganzen Erde zu bewirken imstande ist.
   02] Sollen wir aber nun deshalb, weil wir zuerst durch Deine Zeichen zum Glauben an Dich erhoben wurden, auch in die Klasse der notreifen Früchte gehören, und sollte es wohl möglich sein, daß darum auch uns ein von irgendwoher kommender anderer, falscher Lehrer und Prophet durch seine allfälligen, ebenfalls falschen Wunder und Zeichen von unserem Glauben an Dich abwendig machen könnte?
   03] Von mir kann ich das behaupten, daß es solch einem falschen Lehrer und Propheten nimmer gelingen würde, indem ich alle die falschen Wunderzeichen ihrer Natur nach nur zu wohl kenne; denn ich habe derlei Magier, deren Geschäft es war, sich mit allerlei Wundern abzugeben, nur zu häufig gesehen und bin in ihre Wundertätigkeitsgeheimnisse eingedrungen, was für mich im Grunde sehr gut war, weil ich dadurch alles Aberglaubens ledig geworden bin und mich dadurch dann mit einer desto größeren Vorliebe zu den Werken der alten Weltweisen gewendet habe.
   04] Da Du aber hier Zeichen gewirkt hast - sowie auch Dein Diener Raphael -, die auf jedem natürlichen Wege unmöglich sind, so habe ich in Dir denn auch den einen und allein wahren Gott in aller Seiner Allmachtsfülle gefunden und glaube nun an Dich fester, als wie fest da ist ein Diamant, und bin aber nun noch mehr von der Kraft der Wahrheit in Deinem Worte in meinem Innern im Glauben an Dich gestärkt denn durch die zwingende Macht Deiner Zeichen, indem Du mir und allen die Gnade erwiesen hast, die Art und Weise, wie Du Deine Zeichen bewirken kannst, überaus hell zu erklären; aber es fragt sich nun dessenungeachtet, ob ich und auch die andern von hier zu den notreifen Früchten gehören.«
   05] Sagte Ich: »Mitnichten, Mein lieber Freund, denn ein gewirktes Zeichen ist nur für den gewisserart eine Notreifwerdung, der auf das gewirkte Zeichen alsogleich gläubig geworden ist und sich darauf um nichts Weiteres mehr bekümmert hat. Siehe, das war aber bei dir durchaus nicht der Fall, denn du bist Mir auch nach Meinem gewirkten Zeichen mit ganz kuriosen Einwürfen gekommen, und Ich habe dann mit Meinem Worte sogar eine rechte Not gehabt, dich auf den rechten Weg zu setzen, was wahrlich keine leichte Aufgabe war; denn du hast sogar dann noch, als du in dir schon an Mich glaubtest, eine scharfe Kritik über Mein Verhalten zu allen Geschöpfen, und so auch besonders zu den Menschen auf dieser Erde, Mir an den Hals geworfen, und hätte Ich mit der Wahrheit Meiner Rede nicht auf das kräftigste zu begegnen verstanden, so hätten dich alle Meine gewirkten Zeichen nicht dahin gebracht, daß du an Mich völlig geglaubt hättest. Du bist daher vielmehr durch die Kraft der Wahrheit in Meiner Rede zum wahren Glauben an Mich erhoben worden, und Meine vor- und nachher gewirkten Zeichen hast du da nicht mehr als eine Kräftigung deines Glaubens an Mich angenommen, sondern nur als eine dir und dieser Stadt erwiesene Wohltat, deren Bewirkungsmöglichkeit du nun selbst so gut einsiehst wie Ich und Raphael - und in der kurzen Folge noch besser einsehen wirst.
   06] Was aber ein Mensch in seinem Herzen und Geiste, gewisserart von Faser zu Faser analysiert, einsieht und begreift, das dient für ihn nicht mehr zu einer Glaubensnötigung, sondern nur zur Vollkräftigung seines Geistes in ihm, und er gehört darum nicht mehr in die Klasse der notreif gewordenen Früchte, sondern schon in die Klasse der vollreif gewordenen. Denn Ich sage es dir: Ein jeder Mensch, der in seinem Leben irgend eine Wahrheit vernimmt, aber ihre inneren Grundelemente noch nicht näher kennt, an die vernommene Wahrheit aber doch glaubt, ohne sich weiter um die inneren Elemente zu kümmern, der gehört noch sehr zu einer unreifen Frucht; wer aber über die vernommene Wahrheit so lange allerlei Zweifel in sich aufkommen läßt, bis er hinter alle ihre Grundelemente gekommen ist, der gehört wahrlich zu keiner notreifen, sondern zu einer vollreifen Frucht.
   07] Denn Mir gegenüber muß ein Mensch entweder ganz kalt sein oder schon ganz heiß in seinem Herzen, so er von Mir angenommen werden will, denn die Lauen sollen von Mir so lange ferne gehalten werden, bis sie entweder kalt oder heiß werden. Ein entschiedener Charakter ist Mir tausend Male lieber als tausend Unentschiedene; denn diese Unentschiedenen gleichen den rohen Töpfen auf der Drehscheibe eines Töpfers, die so lange zu nichts zu gebrauchen und zu verwenden sind, bis sie im Feuer gehärtet worden sind. Und so müssen auch diese lauen Menschen zuvor durch allerlei Prüfungs- und Versuchungsfeuer gehen, bis sie für Mich und Mein Reich geschickt und tauglich werden.
   08] Ich meine, dir nun damit alles gesagt zu haben, was zu deiner und euer aller Beruhigung vollkommen dienen kann. Ich könnte dir zwar noch so manches darüber sagen, aber wozu? Wer die Wahrheit einer kurzen Rede vollkommen einsieht, für den ist eine längere Belehrungsrede überflüssig;, wer aber die Wahrheit einer kurzen Belehrungsrede nicht einsieht, der wird dieselbe noch weniger einsehen in einer langen Belehrungsrede. Bist du mit dieser Meiner Belehrung einverstanden und zufrieden?«
   09] Sagte der Oberstadtrichter: »O Herr und Meister, - überaus, und ich möchte sagen, tausend Male mehr als vollkommen, und es bleibt mir und uns allen nichts anderes übrig, als Dir aus dem tiefsten Grunde unserer Herzen bis an unser diesirdisches Lebensende zu danken. Du, o Herr und Meister, - Du hast durch diese Deine uns erwiesene Gnade Dir in unseren Herzen einen Tempel erbaut, den alle Macht der Welt nimmer zu zerstören imstande sein wird; bewahre aber auch diesen Deinen Tempel vor zu großen Versuchungsstürmen!«
   10] Sagte Ich: »Um was ihr bitten werdet, das wird euch auch gegeben werden!
   11] Nun ist es aber schon gegen die Mitte der Nacht geworden, und so wollen wir denn auch unserem Leibe eine kurze Ruhe gönnen; am Morgen früh werden wir uns noch vor Meiner Abreise sehen und sprechen.«
   12] Darauf begaben wir uns alle zur Ruhe.


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