Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 208. Kapitel: Wunderbare Speisung in der Herberge.

   01] Das Lamm wurde in ebenso viele Teile geteilt, als der Gäste beim Tische saßen, und es fielen die Teile selbstverständlich etwas knapp aus.
   02] Und der Wirt selbst bemerkte die Sache und fragte Mich, sagend: »Herr und Meister, dies eine Lamm ist offenbar zu wenig für die bedeutende Anzahl von Gästen! Wie wäre es denn, wenn ich in der Schnelligkeit noch zwei oder drei Lämmer herrichten ließe? Denn wie ich es bemerkt habe, so ist das eine Lamm für den wunderbaren Gast Raphael allein kaum genügend!«
   03] Sagte Ich: »Lasse du das gut sein; denn Ich habe schon, wie es Meine Jünger wohl wissen, mit sehr wenigen Broten und noch wenigeren Fischen mehrere Tausende von Menschen derart gesättigt, daß sie alle zur Übergenüge satt wurden und nach dem Mahle immer noch mehrere Körbe voll von den übriggebliebenen Stücken Brotes aufgesammelt wurden, - und so werden wir an diesem einen Lamme mehr als genug haben!«
   04] Sagte der Wirt: »Was Dir, o Herr und Meister, recht ist, das ist sicher auch mir recht; allzeit geschehe nur Dein Wille!«
   05] Darauf setzte sich auch der Wirt - wie immer - zu uns an den Tisch, getraute sich aber dennoch nichts für sich von dem Lamme zu nehmen, weil er fürchtete, es könne für die andern doch etwas zu wenig ausfallen.
   06] Da nahm Ich ein Stück aus der großen Schüssel und legte es auf seinen Teller und sagte dabei zu ihm: »Freund, glaube, was Ich dir gesagt habe! Wir werden das Lamm noch nicht derart aufgezehrt haben, daß wir bis zur Übergenüge dabei satt werden, und es wird am Ende noch für dein ganzes Hausgesinde zur Übergenüge übrigbleiben.«
   07] Darauf wurden alle Gäste mit dem geteilten Lamm versehen und aßen davon nach den Bedürfnissen ihres Magens, und je mehr sie aßen, desto mehr erblickten sie auf ihrem Speiseteller vorrätig liegen; am Ende blieb bei allen so viel übrig, daß die übriggebliebenen Stücke in der großen Schüssel, in der das Lamm auf den Tisch gesetzt wurde, nicht mehr Platz fanden, und es mußte noch eine zweite, ebenso große Schüssel hereingebracht werden, damit in derselben noch die andern Stücke Platz fanden und vom Tische in die Küche überbracht werden konnten. Darauf wurden die beiden Schüsseln zurückgetragen, und des Wirtes Weib mit ihren etlichen Töchtern und andern Küchendienerinnen konnten sich abermals nicht genug verwundern, wie das eine gebratene Lamm so viele Überbleibsel hatte abgeben können; sie dankten alle auch Mir und aßen darauf von den übriggebliebenen Stücken, und es blieben von diesen auch für den nächsten Tag eine ganze Schüssel voll übrig.
   08] Als wir nach dem genossenen Lamm noch bei unseren vollen Bechern Weines an den Tischen saßen, da fragte Mich der Oberstadtrichter und sagte: »O Herr und Meister, ich begreife nun schon so ziemlich, wie es Dir möglich ist, und auch dem Raphael durch Dich, eine ganz wüste Gegend in eine an allen Früchten und Gewächsen reiche zu verwandeln und für mich zwei Elefanten und - wie es gestern am Abend der Fall war - für die etlichen Juden und Pharisäer vierzehn grimmigste Löwen als Wächter hinzustellen, so wie es mir eben nicht so unklar ist, wie es Dir möglich ist, das Zisternenwasser alsogleich in den besten Cypernwein zu verwandeln; denn das alles sind Dinge, die Deiner Allmacht leicht möglich sind.
   09] Denn ich dachte dabei also: Du darfst es Dir nur denken und darauf mit Deinem Willen sagen: "Es sei!", und es ist schon da, was Du durch Deinen Willen als schon vollendet ins Dasein gerufen hast; denn das alles mußtest Du ja damals auch tun, als Du die ganze Erde aus Dir ins Dasein gerufen hast und mit ihr nach und nach auch alles, was in ihr, auf ihr und über ihr da ist. Und als alles, was Du auf der Erde haben wolltest, schon fertig und vollendet da war, so war es Dir ein ebenso Leichtes, in alle Pflanzen, Tiere und Menschen die Fortzeugungs- und Vermehrungsfähigkeit jeder Art Deiner belebten Geschöpfe zu legen.
   10] Aber mit diesem Lamm verhält es sich ganz anders. Es war nur ein Lamm und schon wohlzubereitet und gebraten auf den Tisch gebracht, und bei der Teilung zeigte es sich klar, daß die Stücke aller Gäste offenbar ganz klein ausfallen mußten. Als man aber das kleine Stück an den Mund brachte, da konnte man mit demselben nicht mehr fertig werden; denn es wuchs sichtbar in der Hand des Essenden.
   11] Wie konnte denn das schon an und für sich tote und durch Braten in seinem Organismus ganz zerstörte Lamm in einem gleichfort gut genießbaren Zustande sich derart vergrößern, wie sich da vergrößert eine junge Zeder von Jahr zu Jahr, bis sie zu einem riesigen Baume wird?
   12] Bei der Zeder ist das nicht zu verwundern - denn sie hat ihr Pflanzennaturleben, und ihr innerer Organismus ist also eingerichtet -; aber der Organismus eines gebratenen Lammes kann nach meiner Meinung doch nahezu unmöglich mehr die Eigenschaft besitzen, von innen aus zu wachsen und sich zu vergrößern. Da aber dieses Lamm, von dem wir genossen haben, sich doch alsosehr vergrößert hat, daß wir es unmöglich ganz hätten aufzuzehren vermocht, so muß ich offenbar gestehen, daß ich diese Deine Wundertat durchaus nicht verstehe.«
   13] Sagte Ich: »Siehe, lieber Freund, diese Meine Jünger sind schon so lange bei Mir und haben derlei außerordentliche Speisenvermehrungen schon zu öfteren Malen gesehen; aber sie sind Juden, und es ist keinem von ihnen auch nur ein einziges Mal eingefallen, Mich darüber besonders zu befragen! Und sie befragten Mich darum nicht, weil sie in ihrer noch mannigfachen echt jüdischen Blindheit keinen Unterschied zwischen dem einen oder dem andern Wunder, das Ich gewirkt habe, zu finden imstande waren; aber ihr scharfsinnigen Römer findet in Meinen Wundertaten einen richtigen Unterschied, der für die Schärfe eures Verstandes würdig ist, weiter besprochen zu werden.«
   14] Sagte einer Meiner Jünger, namens Philippus, der sonst nicht leicht seinen Mund auftat: »O Herr und Meister, wir hätten Dich schon so manches Mal bei Gelegenheiten über dies oder jenes näher befragt und haben das auch manchmal getan, aber wir kamen bei Dir noch nie ohne einen Verweis davon, und so ließen wir in der Folge lieber die andern fragen, und wir hörten dann zu, was Du darüber sagen wirst, und so kamen wir in gar vielen Stücken auch hinters große Licht von Dir und hatten dabei keinen Verweis von Dir zu erwarten!«
   15] Sagte Ich: »So ihr Mich um derlei Dinge gefragt hättet, so wäret ihr auch bei Mir ohne Verweis gleich allen andern Menschen durchgekommen; aber so fragtet ihr Mich immer um etwas, was Ich euch ohnehin schon mehrere Male erklärt hatte, und habt Mir dadurch die für euch etwas unliebsame Gegenfrage abgenötigt: "Wie lange werde Ich euch noch ertragen müssen, bis ihr verständig werdet?"
   16] Aber hier sehet, diesen Römern habe Ich nicht notwendig, eine solche Gegenfrage zu stellen, denn ihr Scharfsinn findet alles auf, worin irgendein Unterschied zwischen einer und der andern Tat von Mir bewirkt liegt! Habe Ich doch damals auch eine Speisenvermehrung im großartigsten Maßstabe bewerkstelligt, als Ich mehrere Tausende Menschen mit wenigen Broten und Fischen zur Übergenüge gesättigt habe und habe vor euren Augen auch eine Menge solcher Taten geleistet, die dieser unser Römer unter die mehr natürlichen und begreiflichen zählen würde. Und doch habt ihr damals nicht gesagt: "Herr und Meister, uns kommt es begreiflich vor, daß Du unsere Netze schon mehrere Male mit Fischen gefüllt hast, ganze wüste Gegenden in fruchtbare verwandelt, und bei der Hochzeit zu Kana in Galiläa und auch an vielen andern Orten das Wasser in Wein verwandeltest; aber wie konntest Du die an und für sich toten Brote und Fische alsosehr verwandeln, daß sich viele Tausende davon zur Genüge sättigen konnten?"
   17] Siehe, du Mein lieber Freund Philippus, hättet ihr Mich damals darum gefragt, so wäret ihr auch ganz sicher ohne Verweis von Mir durchgekommen; aber ihr habt Mich um nichts gefragt! Denn ihr macht keinen Unterschied zwischen Meinen Taten und werfet sie alle in einen Sack; aber unser Freund hier, ein echter Römer von reinstem Wasser, hat mit seines Verstandes Scharfsinn einen richtigen Unterschied gefunden, und Ich werde ihm diesen auch erklären, ohne ihm wegen seiner Frage einen euch lästig scheinenden Verweis zu geben!«


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