Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 206. Kapitel: Jesus über den Grund der Seligkeit der vollkommenen Geister.

   01] Wir machten uns dann über unser Abendmahl her, das alsbald bereitet werden konnte, und waren dabei voll guter und heiterer Dinge, und Meine Jünger wußten viel zu erzählen von all den Orten und Städten, von Meinen Lehren und Taten. Auch Raphael bekam aus dem Munde Meiner Jünger ein gutes Zeugnis; denn es ward auch von seinem Tun und Wirken an Meiner Seite gar vieles gesprochen.
   02] Und der Römer und Oberstadtrichter, wie auch der Wirt und dessen Sohn, die zwei Pharisäer und etlichen Juden, unterhielten sich dabei so gut, daß der Oberstadtrichter sagte: »O Herr und Meister! Wenn ich es wenigstens für meinen Teil auf dieser Erde gleichfort so haben könnte wie jetzt in Deiner Gesellschaft und in der Gesellschaft Deines himmlischen Dieners, so leistete ich gleich auf die sicher bei weitem noch größeren Seligkeiten Deiner Himmel Verzicht; denn ich halte nun das für den höchsten Himmel, in Deiner allernächsten Nähe mich zu befinden und mit Dir Zwiesprache führen zu können.
   03] Wenn man Dich Selbst hat, da braucht man die Dinge der Natur gar nicht weiter näher kennenzulernen; denn man weiß es ja ohnehin, daß sie alle, vom Kleinsten bis zum Größten, vom Ersten bis zum Letzten und vom Alpha bis zum Omega nur Deine festgehaltenen Gedanken und Ideen sind, belebt durch Deinen Willen und durch Deinen Geist.«
   04] Sagte Ich: »Du hast ganz recht und wahr gesprochen, und es ist das auch im Himmel aller vollkommensten Geister höchste Seligkeit, so sie bei Mir sich aufhalten, mit Mir reden und Umgang pflegen können.
   05] Aber diese übergroße Seligkeit rührt denn eigentlich doch nicht von Meiner ganz einfachen und schlichten Persönlichkeit her, der Ich ebensogut ein Mensch bin wie Du und als Geist ebenso ein Geist wie dieser Urerzengel Raphael, sondern die Hauptseligkeit der vollkommenen Geister liegt darin, daß sie Meine endlosen Vollkommenheiten aus Meinen endlos vielen Werken ohne Zahl und Maß stets vollkommener, lichter und tiefer erkennen.
   06] Siehe, Freund, es geht das ungefähr also, wie es schon zuweilen auf dieser Erde bei Menschen zugeht, die für höhere Künste und Wissenschaften einen rechten Sinn haben und dafür eingenommen sind! Du hättest zum Beispiel von einem großen Baukünstler und Bildner gehört, daß seine Werke bei allen Menschen die größte Bewunderung erhalten. Als du solches hörtest, da hatte dich auch die Lust angewandelt, den großen Künstler selbst persönlich kennenzulernen, und weil dir die Mittel zur Reise nicht ermangelten, so machtest du dich auch bald auf und begabst dich in jenes ferne Land hin, in welchem sich der Künstler aufhielt und seine Werke in großartigem Maßstabe auf- und ausführte.
   07] Du erlangst nach einer Zeit deiner Reise den Ort, wo sich der Künstler aufhält, und kommst alldort auch mit leichter Mühe bald mit dem Künstler zusammen, von dem du dir während deiner Reise allerlei großartige Vorstellungen machtest, darunter auch die, daß er als Mensch unter den anderen Menschen auch durch eine besonders erhabene Gestalt sich erkenntlich mache. Wie du aber an seinem Orte mit ihm zusammenkommst, da findest du den Künstler als einen ganz schlichten und einfachen Menschen, dessen Persönlichkeit nicht im geringsten merken läßt, was er in seinem Innern birgt. Du unterhältst dich dann mit ihm sehr freundlich, denkst dir aber dabei dennoch heimlich: "Es ist kaum möglich, daß in dieser höchst einfachen und schlichten Persönlichkeit eine solche schöpferische Größe vorhanden sein soll, von der du so ungeheuer Großartiges dir sogar von den allerverständigsten Menschen hast erzählen lassen!" Aber du bist dennoch ganz glücklich, dieweil du in dir die Überzeugung hast, daß du mit dem größten Baukünstler und Bildner in Gesellschaft dich befindest und dich mit ihm über allerlei besprechen kannst, was er geschaffen hat.
   08] Endlich aber sagt der Künstler zu dir: "Weil du dir schon die Mühe genommen hast, mich aufzusuchen und mich persönlich kennenzulernen, so will ich dich denn auch von diesem meinem Wohnorte, der nur weniges von mir aufzuweisen hat, in eine von hier nicht ferne, sehr große Stadt führen, in der du Gelegenheit in Übergenüge finden wirst, dich an meinen Werken zu ergötzen!"
   09] Du gehst darauf voll der brennendsten Neugierde an der Seite deines dir sehr freundlich gewordenen Künstlers hin, der dir auf der ganzen Reise noch immer als ein ganz einfacher und schlichter Mensch vorkommt. Wie du aber immer mehr näher und näher mit dem großen Künstler dich der großen Stadt näherst und schon in einer noch ziemlichen Ferne die großartigsten Gebäude, Tempel, Paläste und Burgen zu erschauen anfängst, da fängt sich auch deine Phantasie über den dich begleitenden Künstler ebenso zu vergrößern an, wie sich seine Werke in jener Stadt stets mehr und mehr zu vergrößern anfangen, je mehr du dich der Stadt näherst. Seine persönliche Schlichtheit fängt an zu schwinden in dem Grade, als dir seine innere, geistige Größe durch seine Werke immer klarer vor die Augen gestellt wird.
   10] Nun kommst du erst ganz in die Stadt, und ein Bauwunder nach dem andern, stets größer, kunstvoller und kühner, macht dich vor Verwunderung ordentlich sprachlos, und deine Bewunderung über den dich begleitenden Künstler wird auch dadurch noch hinzu außerordentlich erhöht, so du ersiehst, wie in dieser großen Stadt alle Menschen, groß und klein, ihn auf das allerfreundlichste und ehrfurchtsvollste begrüßen.
   11] Sag du, mein lieber Freund, Mir nun, ob deine früheren Begriffe bei der Betrachtung seiner großen Werke eben über den Künstler selbst nicht ganz anderer und für dein Gemüt viel beseligenderer Art geworden sind!«


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