Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 204. Kapitel: Die Tierwunder Raphaels.

   01] Es war darauf über mehr natürliche Dinge die Rede und im Verlaufe solcher Unterredung bemerkte unser Wirt, daß jetzt diese Gegend in weitem Umkreis wohl den herrlichsten Graswuchs wie nicht leicht auf einem andern Punkte der Erde aufzuweisen habe, - aber die Herden der Bewohner dieser Stadt und der Umgegend seien sehr klein, und man könnte jetzt die Herden wohl ums Hundertfache vermehren, so würden sie des Futters noch in Überfülle finden.
   02] Sagte darauf Ich: »Es könnten zwar wohl eure Herden ebenso wunderbar vermehrt werden wie alles andere, aber es würde das für die Menschen noch auffallender sein als alles andere; denn es würde ein jeder, der jetzt zehn Schafe an der Weide hat, überaus große Augen machen, wenn sein Hirte statt zehn Schafe gleich tausend nach Hause brächte, die der Besitzer der Schafe auch nicht einmal unterbringen könnte, indem sein Schafstall höchstens für zwanzig Schafe Raum hat. Darum suchet euch Schafe und andere Tiere in gerechter Anzahl anzukaufen; in zwei Jahren, von jetzt an gerechnet, werden sie sich schon in einer rechten Weise vermehren! Das Getreide, wenn ihr es eingeerntet haben werdet, werdet ihr leicht aufbewahren können - denn dazu habt ihr des Raumes genug -; aber mit dem Haustierstande ginge es euch schlecht, - und so lassen wir es bei dem, was nun da ist, bewendet sein!
   03] Den einen bedeutend großen Teich sehet ihr von hier aus; aber es sind in der ganzen Umgegend noch sechs, durch welche die ganze Gegend zur Genüge bewässert werden kann. In ihren Tiefen werdet ihr auch eine rechte Menge Fische finden, welche die Bewohner dieser Stadt und der Umgegend zu ihrer Notdurft (Bedarf) nutzen können; die Fische des Teiches aber, den wir von hier aus sehen, sollen ein Eigentum des Oberstadtrichters, des Wirtes, der Apollopriester- und der einigen (etlichen) Juden sein, und so hat jeder von euch von Mir Benannten das Recht, den vierten Teil des Teiches zu fischen, aber keiner im Übermaß, sondern nach seinem Bedarf, damit niemand durch die größere Habsucht des andern benachteiligt werde. Die Fische in dem Teiche aber sind eine ganz edle Gattung, durch die das Wasser des Teiches nie verunreinigt wird.«
   04] Die vier Parteien dankten Mir darauf für dieses Geschenk und beteuerten auch, daß sie dies Gebot in der Hinsicht auf das genaueste halten würden, und der Oberstadtrichter werde auch für die gleiche Ordnung bei den andern Teichen sorgen und sie auch aufrechterhalten.
   05] Als sich mehrere noch untereinander über dieses Wunder besprachen, wie es denn möglich gewesen sei, die Teiche gleich mit den Fischen zu bevölkern, da stand Raphael auf und sagte zum Oberstadtrichter und zum Wirte: »Das ist ebenso leicht möglich dem allmächtigen Willen des Herrn in uns, wie eine Wüste im Augenblick grünen zu machen; denn es ist einerlei, Tiere was immer für einer Gattung augenblicklich ins fertige Dasein zu rufen oder zahllose Gräser, Pflanzen, Getreidesorten und Fruchtbäume.
   06] Denn was ein Geist aus dem Willen des Herrn in sich denkt und will, daß es da sei, das ist auch schon da; aber freilich ist das Denken eines reinen Engelsgeistes ein bei weitem anderes als das Denken eines Menschen.
   07] Der Mensch kann sich nur die äußeren Formen denken und vorstellen und darüber allerlei Phantasien machen; aber was die Formen inwendig vom Kleinsten bis zum Größten enthalten, und wie sie gebaut sein müssen, um lebensfähig zu werden, das kann sich kein Mensch denken und darauf seinen Willen dahin richten, daß durch seines Willens Geist die Formen belebt und tätig werden. Das kann aber ein vollkommener Engelsgeist, und in einem geringeren Grade auch ein eben noch nicht so vollkommener.
   08] Es ist darunter - um mit dir irdisch zu reden, mein lieber Oberstadtrichter - nahezu derselbe Unterschied wie zwischen einem nach allen Regeln der Kunst ausgebildeten Bildner und einem andern Menschen, der zur Not wohl auch aus einem Stück Holz ein höchst ungeschicktes Bild zu schnitzen imstande ist; aber welch ein Unterschied zwischen solch einem Bilde und dem aus der Hand eines vollendeten Künstlers!
   09] Gibt es aber schon auf dieser Erde gar mannigfache Grade in der Bildung der Menschen, um wieviel mehr ist das erst im Reiche der Geister der Fall!
   10] Siehe, ein Elefant ist gegenwärtig wohl das größte, aber zugleich auch das intelligenteste Tier auf der Erde und kann bei rechter Bildung von seiten der Menschen zu allerlei knechtlichen Arbeiten brauchbar werden, und es gab eine Zeit, in welcher diese Tiergattung auch diese Gegend bewohnte.
   11] Da aber mit der Zeit diese Gegenden ob des vielen Unfuges der Menschen stets unfruchtbarer geworden sind, so zog sich dieses Tier weiter gegen Süden in jene Gegenden, wo es für sich den rechten Futterreichtum fand; aber diese Gegenden haben infolge der Auswanderung dieses Tieres gar viele bedeutende irdische Vorteile eingebüßt.
   12] So du, mein lieber Freund und Bruder und Oberstadtrichter, es aber wünschest, so kann ich dir im Augenblick mit einem Männchen und Weibchen dienen, und für diese wirst du schon des Futters genug finden, - und siehe nun hinab in die Gegend des Teiches, und du wirst alldort schon ein Männchen und ein Weibchen erblicken!
   13] Entsende später deine Knechte mit etlichen Brotlaiben dahin, und sie werden den Knechten folgen in den Stall, der dein eigen ist und für diese Tiere hinreichenden Raum hat! Mähe dann das Gras auf deinem großen Wiesenanteile ab, und laß es trocken werden und darauf in Büschen zusammenbinden: dann sollen die Knechte mit den beiden Tieren hinausgehen, und die Tiere selbst werden das Heu in deine Scheuer bringen, und so wirst du sie nach und nach noch zu verschiedenen andern Arbeiten abrichten können.«
   14] Der Oberstadtrichter dankte dem Raphael für dieses wunderbare Geschenk und sagte: »Mit dem Abrichten dieser Tiere verstehen sich ein paar Knechte von mir sehr wohl, denn sie haben derlei Tiere aus Indien sogar nach Rom gebracht, und der Kaiser behielt sie eine Zeitlang für die Pflege dieser Tiere; dann kamen sie zu meinem Vater in Dienst und sind auch hier meine treuesten Diener.«


Home  |    Index Band 10  |   Werke Lorbers