Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 199. Kapitel: Jesus über das Wirken der Engel.

   01] Raphael aber blieb und bekleidete sich plötzlich mit einem dunkelgrauen Rock, und seine Füße waren versehen mit Schuhen. Sein Haupt wurde bedeckt mit einem jüdischen Hute, der wie gewöhnlich aus Seide oder Kamelhaaren in einer beliebigen, gewöhnlich aber lichteren Farbe verfertigt war. Und so konnte seine Gestalt niemandem mehr auffallen.
   02] Und Ich sagte zum Oberstadtrichter: »Gehe hin, reiche ihm die Hand, grüße ihn als Freund und Bruder, und überzeuge dich, daß nun auch er Fleisch, Haut und Knochen hat!«
   03] Der Oberstadtrichter tat sogleich, was Ich ihm geraten hatte, und konnte sich nicht genug verwundern, daß nun dieser Engelsgeist sich in der Wirklichkeit ganz als ein vollkommener Erdenmensch unter ihnen befinde. Er bat Raphael denn auch, sich ganz in seine Nähe zu begeben, was Raphael auch sogleich tat, indem er neben ihm auf einer Rasenbank Platz nahm.
   04] Hier kam auch der Apollopriester zu Raphael hin, grüßte ihn und sagte: »Du wirst an mir zwar keine große Freude haben, da ich seit langem schon ein Götzenpriester war, - nun habe auch ich den einen und allein wahren Gott und Herrn wohl erkannt und werde in der Folge dahin arbeiten, daß das ganze Götzentum, soweit es sich in meinem Bereiche befindet, so bald als möglich zunichte wird.«
   05] Sagte zu ihm Raphael: »Und ich werde dir helfen und dich mit meiner Kraft unterstützen, so es dir irgend an derselben gebrechen sollte, dessen du ganz versichert sein kannst; denn auch bei dir war ich schon zuvor, ehe du den Herrn noch erkanntest, und habe dein Herz gefügig gemacht, und ich werde später wieder mit dir sein und für dich unter deinen Heiden einen Vorarbeiter machen. Denn glaube es mir, daß wir da nicht müßig sind, wo der Herr Selbst Seine Hände ans Werk legt, und wir vollkommenen Engelsgeister sind da gewisserart gleichwie die Finger an der Hand des Herrn, - die Finger aber sind sicher jederzeit bei jedermann tätig, solange er mit seinen Händen eine Arbeit unternimmt. Verlaß dich denn auf des Herrn Verheißung, und ich werde dich nicht im Stiche lassen! Glaubst du das?«
   06] Hierauf sagte der Oberstadtrichter: »Vermagst du auch alles - das versteht sich von selbst: mit der Zulassung des Herrn! -, was der Herr Selbst vermag?«
   07] Sagte Raphael: »Mein lieber Freund und Bruder, das war wohl noch eine sehr menschliche Frage aus deinem Munde! Wir alle, Engel des Himmels, vermögen aus uns ebensowenig wie ihr Menschen auf Erden etwas zu bewirken; aber ich habe dir ja schon gesagt, daß wir gewisserart die Finger an Seiner Hand sind und die Auswirker Seines Willens, und wir sind eben dadurch als durch nichts beschränkte freie Wesen selbst Ausflüsse der göttlichen Kraft und vermögen daher denn auch alles zu bewerkstelligen, was diese Kraft uns offenbart und in uns will, und es ist dann das, was wir bewerkstelligen, nicht unser, sondern allein nur des Herrn Werk.
   08] Wir sind zwar vollkommen selbständig und in allem ebenso vollkommen frei; da aber die größte Vollständigkeit einzig und allein nur in der Weisheit und im Willen des Herrn besteht, so versteht sich das schon von selbst, daß sowohl der Mensch als auch ganz besonders ein Engelsgeist, der im Grunde auch nur ein Mensch ist, sich eben dadurch in der stets größeren Selbständigkeit und Freiheit befindet, je mehr er sich von der Weisheit und von dem Willen des Herrn zu eigen gemacht hat. Ich kann dir damit sogar mit einem irdischen Beispiele dienen, - und so siehe:
   09] Du bist hier ein hoch angesehener Oberstadtrichter und hast nicht nur über diese eine Stadt, sondern über noch vierzehn Städte deine dir vom Kaiser verliehene Gewalt, sogar über Leben und Tod der Menschen, ganz frei und ohne alle Verantwortung auszuüben; ja, wie bist du denn zu dieser bedeutenden irdischen Gewalt gekommen?
   10] Siehe, ich werde es dir erklären! Du hast durch deine Rechtsstudien bei den strengen Prüfungen in Rom vollends an den Tag gelegt, daß du dir des Kaisers Willen, den du durch die Gesetze genau hast kennengelernt, derart zu eigen gemacht hast, daß du deinen eigenen Willen dem Willen des Kaisers vollkommen untergeordnet hast, wodurch du denn auch ein ganz neuer Mensch geworden bist, der du zu Anfang deiner Studien nicht warst. Und weil du dir hernach des Kaisers Gesetz, und also auch seinen Willen, lebendig eingeprägt hast, daß dein alter, scheinbar freier Wille durch den neuen Kaiserwillen in dir völlig in unauflösbare Fesseln und Ketten gelegt wurde, so hast du dabei nicht nur nichts verloren, sondern nur außerordentlich vieles gewonnen; denn mit deinem eigenen, alten Willen wärest du für immerhin ein Sklave des kaiserlichen Willens geblieben. Da du aber des Kaisers Willen zu dem deinigen gemacht hast, so bist du dadurch selbst vollkommen frei geworden und kannst nun tun, was du willst, und du unterliegst keiner Verantwortung; und sollte sich jemand deinem Willen nicht fügen wollen, so hast du vom Kaiser aus das jus gladii (Schwertrecht, Recht über Leben und Tod) in deiner Hand und kannst die Widerspenstigen zum Gehorsam treiben durch des Kaisers Macht und Gewalt.
   11] Und siehe, je mehr du dich bestreben wirst, des Kaisers Willen auf das allergenaueste zu erfüllen - wovon der Kaiser in kurzer Zeit in Kenntnis gesetzt werden kann -, ein desto höheres und im Wirkungskreise viel ausgedehnteres Amt wird dir vom Kaiser verliehen werden, in welchem Amte du noch um vieles freier wirst handeln können als jetzt; und so kannst du dich noch gleichfort höher und höher derart hinaufschwingen, daß du am Ende selbst an den Hof des Kaisers gezogen wirst und von dort aus gebietest und handelst also, als wärest du schon nahezu der Kaiser selbst. Frage dich aber nun selbst, wie du zu einer solchen Machthöhe gelangt bist, - und die Antwort wird in dir selbst unmöglich eine andere sein als die also lautende: 'Ich habe meinen alten Menschenwillen derart gänzlich verleugnet, daß von ihm nichts übriggeblieben ist als das einzige, daß ich eben durch den alten Willen mich auf das fleißigste bestrebt habe, mir des Kaisers Willen vollkommen zu eigen zu machen.'
   12] Und siehe nun, geradeso geht es uns vollkommensten Engelsgeistern! Wir haben auch unseren eigenen, allerfreiesten Willen; aber der ist dessenungeachtet unendlich beschränkter als der allerfreieste Wille des Herrn Selbst.
   13] Und je mehr wir uns dann des Herrn Willen also vollkommen aneignen, als wäre er unser eigenster Wille selbst, desto mehr freie Macht, Kraft und Gewalt wird uns dadurch vollkommen zu eigen, und wir können denn auch alles das bewirken und hervorbringen, was der Herr Selbst bewirkt und hervorbringen kann.
   14] Aber du wirst es nun auch selbst einsehen, daß nicht wir es sind, die das vermögen, sondern nur der Herr in uns und durch uns.
   15] So jemand in deinem Bezirk jemanden beraubt und ermordet hat und wird dann gefangen und vor dich gebracht, so wirst du ihn richten und auch töten lassen, und du hast dabei recht gehandelt, weil du nach dem Willen des Kaisers gehandelt hast, und bist dabei so gut wie der Kaiser selbst Ex Lege (außerhalb des Gesetzes, an kein Gesetz gebunden); der Räuber und Mörder aber hat nach seinem eigenen Willen gehandelt und ist dadurch zugrunde gegangen.
   16] Verstehst du nun, wie auch wir Engelsgeister die Macht und Gewalt besitzen, alles das frei und ohne alle Verantwortung zu tun, was der Herr Selbst tut?«


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