Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 192. Kapitel: Jesus über die Entstehung des Götzentums.

   01] Sagte Ich: »Die Ureinwohner Ägyptens, als Nachkömmlinge Noahs, haben auch die Erkenntnis des einen, allein wahren Gottes in dieses Land gebracht und haben den allein wahren Gott über siebenhundert Jahre lang verehrt, und es besteht noch ein aus einem großen Granitfelsen gemeißelter Tempel, den vier aufeinanderfolgende Haupthirten zur Verehrung des allein wahren Gottes errichtet haben.
   02] Im tiefsten Hintergrunde dieses Tempels hat man eine bedeutungsvolle Inschrift in die Steinwand gemeißelt, und zwar mit den wenigen Worten Ja bu sim bil, - was soviel heißt als: 'Ich war, bin, und werde sein!'
   03] Und so nach diesem Begriffe von der Gottheit verehrten die Ureinwohner, gleichwie Abraham in diesem Lande, den einen- und nur ganz allein wahren Gott, und der Geist Gottes war mit ihnen und lehrte sie große Dinge.
   04] Aber später fingen diese vom Gottesgeiste belehrten Ureinwohner an, über das Wesen der Gottheit tiefer nachzudenken, und das um so tiefer, je mehr sie mit den Kräften der Natur sich vertraut machten.
   05] Eine jede solche von ihnen erkannte Kraft wurde als eine eigentümliche Eigenschaft der einen Urkraft in der Gottheit dargestellt. Um das Volk über das leichter zu belehren, fing man an, diese aus der einen Gottheit ausfließenden Kräfte mittels entsprechender Bilder dem Volke anschaulicher zu machen, und sagte zum Volke darum auch, daß eine jede solche Kraft, als von dem einen und allein wahren Gott ausgehend, ebenfalls heilig und der göttlichen Verehrung würdig sei.
   06] Man stellte Lehrer auf und errichtete auch Schulen, und es ward dann in den Schulen anfänglich zwar wohl von der Haupturgottheit gelehrt, aber hauptsächlich ging dann die Lehre auf die göttlichen Sonderkraftausflüsse über, und es wurden dann bald darauf für jede Kraft wieder eigene Lehrer und Schulen errichtet, die ein jeder Schüler vorerst durchzustudieren hatte, bis er erst nach abgelegten Prüfungen in die Hauptschule aufgenommen wurde.
   07] Mit der Zeit wurden diese Lehrer Priester der einzelnen göttlichen Kräfte oder Eigenschaften, und ein jeder solcher Priester wußte dem am besten vorzustehen, was er zu lehren hatte.
   08] Als aber das Volk mit der Zeit sehr anwuchs, da wurden die anfangs nur wenigen Schulen zu wenig. Man erbaute dann mehrere Schulen und Tempel und versah die Tempel mit den entsprechenden Gotteskraftbildern und entdeckte auch fort und fort mehrere einzelne Kraftausflüsse aus der einen Gottheit, errichtete ebenfalls wieder kleinere Schulen und versah die Tempel mit neuen, entsprechenden Gottheiten als entsprechenden Bildern aus der einen, allein wahren Gottheit und stellte am Ende für die Lehrer und Priester bequeme Lehren auf, danach es genüge, nur eine solche Kraft, die irgend in einem Tempel vorgestellt war, als göttlich anzuerkennen und zu verehren; denn dadurch erkenne und verehre man auch die Urhauptgottheit nach allen ihren Einzelkraft- und -wirkungsausflüssen.
   09] Dadurch aber blieb die eigentliche Haupterkenntnis der einen und allein wahren Gottheit nur noch unter den stets träger und herrschsüchtiger werdenden Priestern. Das Volk aber wurde je nach seiner Arbeit nur zur Anerkennung und Verehrung der vielen Einzelkraftausflüsse der einen Gottheit angehalten, und nur wenigen wurde es mehr gestattet, sich in den hohen Schulen in die tieferen Geheimnisse einweihen zu lassen.
   10] Es kamen denn auch Fremde von allen Seiten nach Ägypten und begehrten, in die Weisheit der Ägypter eingeweiht zu werden. Allein die Ägypter, das heißt die Priester, führten sie wohl von Tempel zu Tempel und von Schule zu Schule, belehrten sie aber nur über die mit der einen Hauptgottheit in Entsprechung stehenden Bilder in den Tempeln. Die Fremden nahmen mit einiger Lehre auch die vielen Bilder, die sie um Geld haben konnten, in ihre Heimatländer und erbauten ihnen auch Tempel und Schulen, die sie mit Lehrern und Priestern versahen.
   11] Und siehe, so entstand dann das Götzentum und die Bilderverehrung, und die Menschen wurden in den Glauben geführt, alles getan zu haben, wenn sie nur ein oder auch mehrere solche Bilder, die ihnen in ihren Tempeln vorgestellt wurden, wahrhaft verehrten und ihnen nach ihren Kräften fleißig Opfer darbrächten!
   12] Die eine und allein wahre Gottheit hat man unter einer gewissen Furcht und Scheu als das unerbittliche Schicksal verehrt, und die Griechen haben diesem Fatum sogar einen Tempel errichtet, und zwar unter der Benennung: 'Dem allein allen Menschen gänzlich unbekannten Gott geweiht'. In diesem Tempel war denn auch gar kein Bild aufgerichtet, sondern nur ein Kreis, der mit dem 'Schleier der Isis' bedeckt war, hinter den niemand blicken konnte und durfte.
   13] Und da hast du nun in diesen Meinen wenigen Worten eine vollkommene Erklärung, was hinter den vielen heidnischen Götzenbildern steckt.«


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