Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 171. Kapitel: Jesus über das Wirken der Kräfte.

   01] (Jesus:) »Hast du schon in deinem Leben je einmal eine wirkende Kraft gesehen?
   02] Du sagst: "Mitnichten! Die Kräfte sieht und fühlt man zwar immer wirken, - aber sie selbst zu sehen, ist noch niemandem geglückt. Wir sehen wohl, daß große Stürme und Orkane eine große Gewalt ausüben, - worin aber diese Kraft und Gewalt besteht, das wissen wir nicht. Es muß uns Menschen auch eine gewisse Kraft an den Boden der Erde fesseln, ansonst könnten wir uns ja auch, wo wir nur wollten, ohne Anstand frei in die Luft - erheben, - was aber nicht der Fall ist, wie uns die tägliche Erfahrung lehrt. Diese Kraft wirkt in einem fort; aber noch keines Menschen Auge hat je gesehen, wie sie aussieht, und wie sie wirkt."
   03] Gut; nun weiter frage Ich dich, ob du schon je einen Träger gesehen hast, der das Licht von der Sonne bis zu dieser Erde herabbringt! Oder hast du schon das Band gesehen, mit welchem die Weltkörper derart miteinander verbunden sind, daß sie sich gleichfort in den gleichen Distanzen um ihre größeren Weltkörper bewegen müssen? Oder hast du schon einmal jene Kräfte gesehen, welche in den Pflanzen wie in den Tieren wirken und allerlei produzieren?
   04] Siehe, das sind dir alles weltfremde Dinge, lauter Fragen, die du dir an der Seite deiner Rechtsphilosophie schon lange hättest geben können, und auf die du vielleicht auch schon irgendeine viel gescheitere Antwort bekommen hättest, denn auf deine philosophisch kritischen Rechtswitzeleien!
   05] Siehe, keine noch so kunstvoll konstruierte Lebensmaschine kann aus mehrfachen Gründen für eine ewige Dauer geschaffen werden; denn solche dauerhaften materiellen Lebensmaschinen erschaffen, hieße für den Schöpfer, Sich Selbst in unendlich viele Teile zerteilen, nach und nach schwächer und schwächer werden und sich des weiteren Schöpfens unfähig machen!
   06] So Er aber eine Lebensmaschine nur zu dem Behufe schafft, auf daß sich ein Funke Seines Urlebens für die eigene gottähnliche Freiheit und Selbständigkeit stärke und festige, dann die Lebensmaschine ablege und sich durch die Liebe und Weisheit in ihm vollkommen einige, so geht dadurch von dem urschöpferischen Grundleben nicht nur nichts verloren, sondern der Schöpfer und das Geschöpf gewinnen dadurch Unendliches, für dich jetzt freilich Unbegreifbares.
   07] Wenn du aber in deiner Seele in dem wahren Geiste Gottes wiedergeboren wirst, so wird dir das klarwerden, wie die Liebe Gottes durch die Liebe Ihrer Kinder zu Ihr in Sich stets mächtiger wird, und ebenso auch die Liebe Gottes in den Kindern.
   08] Gott aber war von Ewigkeit ein reinster und vollkommenster Geist und kann daher nichts anderes wollen, als daß mit der Zeit alle Seine Geschöpfe auf den vom Schöpfer vorgesehenen Wegen wieder das werden, was Er Selbst ist, - nur mit dem Unterschied, daß sie vor ihrer gewisserart materiellen Ins-Dasein-Rufung nichts anderes waren als pure große Gedanken und Ideen des Schöpfers, die Er dann mit den Zeiten der Zeiten mit der Macht Seines Willens gewisserart wie außer Sich als für sich bestehend hinausstellte und ihnen eine Umhülsung gab, innerhalb welcher sie sich nach und nach selbst mehr und mehr beschauen und erkennen mußten und den Sinn für die Selbständigkeit und für die Freiheit in sich durch Meine sie dennoch noch immer durchdringende Kraft erkeimen lassen mußten.
   09] Freund, wenn solch ein Keim nicht auch in dir bestünde - von dem du als äußerer Sinnenmensch freilich wohl nichts weißt -, so würdest du dem Schöpfer deine Vorwürfe nicht gemacht haben; denn nur der unzerstörbare Lebenssinn in dir hat dich, dir unbewußt, dazu aufgefordert, und Ich bin darum auch hauptsächlich deinetwegen in diese Gegend gekommen, um dir mit Wort und Tat zu zeigen, wie weit und tief du dich noch hinter dem Lebens- und Lichtpfeiler befindest! Und nun haben wir vorderhand gegenseitig an den Worten zur Genüge und wollen deinetwegen auch zu einigen Tatsachen übergehen.«


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