Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 137. Kapitel: Die Gäste erkennen Jesus.

   01] Als die drei Juden solches vom Wirte vernommen hatten, da wurden sie ganz verlegen und wußten nicht, was sie nun darauf sagen und tun sollten, ob bleiben oder weitergehen.
   02] Nach einer kleinen Weile erst fragte der Älteste den Wirt, der eben beschäftigt war, den dreien Brot und Wein zu geben: »Wie sieht er denn aus, - auf daß wir ihn alsbald, so er kommt, begrüßen können?«
   03] Sagte der Wirt: »Da nehmet nun Brot und Wein zu euch, und so Er hier eintreten wird, werdet ihr es nicht schwer haben, Ihn bald zu erkennen! Haben wir Heiden Ihn gar bald erkannt, so werdet ihr echte und alte Juden Ihm wohl noch eher zu erkennen vermögen!«
   04] Hierauf nahmen die drei sogleich Brot und Wein zu sich und fanden beides rein und gar vortrefflich, und sie fragten den Wirt, woher er Brot und Wein erhalten habe, da sie wohl wüßten, daß er ihnen zuvor noch nie mit dergleichen habe aufwarten können.
   05] Sagte der Wirt: »Ich habe es euch ja schon zuvor gesagt, daß uns eben der Messias mit allem auch für den Leib reichlichst versehen hat. Dem es möglich ist, eine Wüste mit Seinem Willen erblühen zu lassen, dem wird es wohl auch möglich sein, uns als jene Armen, die wir uns schon lange nach Ihm sehnten, mit Brot und Wein zu versehen! Ihr genießet nun ein wahres Brot aus den Himmeln und also auch den Wein, der auch keine Frucht dieser Erde ist!«
   06] Als die drei Juden auch das vernommen hatten, da sagte der Älteste: »Moses hat in der Wüste auch von Gott das Manna für die Israeliten erhalten, und der Fels, an den er mit seinem Hirtenstabe schlug, gab alsbald ein süßes und reinstes Trinkwasser; doch solch ein Brot und solch einen Wein bekam Moses nicht aus der Hand Jehovas, und die Wüste wollte auch nicht grünen in den ganzen vierzig Jahren für Israel und seine mageren Herden. Da ist demnach offenbar mehr als Moses, Aaron, Josua, Elias und all die andern Propheten!«
   07] Als der Älteste solches von sich gab, da trat Ich mit den drei Jüngern denn auch in die Herberge und sagte zu den dreien: »Der Friede sei mit euch! Lasset euch nicht beirren durch uns, sondern esset und trinket und stärket euch mit dem Weine; denn solch ein Brot und solch einen Wein habt ihr in Bethsaida und in Gadara nicht!«
   08] Als Ich solche Worte an die drei ausgesprochen hatte, da erhoben sie sich sogleich von ihren Sitzen, verneigten sich tiefst vor Mir und sagten: Herr! Du bist es, dem alles möglich ist, und Du bist auch der verheißene große Messias, der neue große König der Juden, der ein Reich gründen wird, das kein Feind uns bis ans Ende der Welt je mehr zu entreißen imstande sein wird! Darum Heil Dir, dem großen Sohne Davids!«
   09] Sagte Ich: »Ein endlos großes Reich gründe Ich wohl, aber kein diesseitiges, sondern ein wahres Gottesreich für Seele und Geist des Menschen, das ewig bestehen wird; in ihm werden alle das ewige Leben haben, die an Mich glauben und nach Meiner Lehre leben werden.
   10] Ihr verstehet die Schrift wohl dem Buchstaben nach, aber dem inneren Geiste der Wahrheit nach habt ihr sie noch nie verstanden, so ihr da meinet, daß Ich als der verheißene und nun in diese Welt gekommene Messias als der ewige Sohn des ewigen Vaters auf dieser Erde für die Juden ein vergängliches Reich gründen werde, wo doch alles samt dieser Erde zeitlich und vergänglich ist. Denn nicht nur diese ganze Erde, sondern auch der ganze euch sichtbare Himmel wird vergehen; wie sollte dann auf dieser Erde für die Juden ein ewig dauerndes Reich gegründet werden können? Darum stärket euch nun, auf daß ihr den inneren Geist der Schrift fassen und greifen möget!«
   11] Nach diesen Meinen Worten sahen die drei einander groß an, und der Älteste sagte: »Höret, das klingt ganz anders als im Tempel zu Jerusalem! An was sollen wir uns halten? Im Tempel sitzen und lehren auf den Stühlen Mosis und Aarons die Pharisäer, Schriftgelehrten um den Hohenpriester und lesen und erklären vor dem Volke die Schrift ganz nach dem Buchstaben; aber auf ihr Wort und nach ihrem Willen ergrünet keine Wüste, und kein kahles Gestein wird mit fruchtbarem Erdreich überdeckt.
   12] Dieser Meister lehrt ganz anders und zeigt, daß wir die Schrift dem Geiste nach noch nie verstanden haben, und Sein Ausspruch ist dem des Tempels schnurstracks entgegen, - aber auf Sein Wort und Seinen Willen erblüht die Wüste, und ihr Gestein ist mit fetter Erde überdeckt in rechtem Maße; also muß denn auch nur in Ihm die volle Wahrheit zu suchen sein!
   13] Wir wollen darum denn auch bei diesem Meister bleiben und dem Tempel für alle Zeiten den Rücken zuwenden, und so trinken wir auf das Wohl aller, die das schon getan haben, was wir nun erst tun!«
   14] Hierauf erhoben die drei ihre Becher und leerten sie bis auf den letzten Tropfen.


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