Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 109. Kapitel: Die Allmacht Jesu und ihre Einschränkung durch die menschliche Willensfreiheit.

   01] Sagte der Wirt: »O Herr, es war das, da ich und der Priester Dich um eine Bewässerung dieser Gegend gebeten haben, doch wohl nichts Ungerechtes, Ungutes und Unwahres?«
   02] Sagte Ich: »Nun, durchaus nicht; aber so ihr Mich fürder um pur irdische Dinge bitten würdet, so wäre das dann nach Meiner Ordnung eben nicht zu sehr gerecht, gut und wahr, weil zu große irdische Vorteile stets Nachteile für die Seele sind.
   03] Ich aber bin nicht gekommen zum Nutzen des Leibes, sondern zum Nutzen der Seele des Menschen nur bin Ich in diese Welt gekommen; darum sollt ihr Mich auch vor allem nur um das bitten, was eurer Seele zum wahren, ewig währenden Nutzen gereicht. Denn was nützte es dem Menschen, so er gewinnen möchte alle die toten Schätze dieser Welt, an seiner Seele aber dadurch sicher den größten Schaden erlitte? Wie wird er diese wohl retten können vom Tode und Gerichte der Weltmaterie?
   04] Ihr saget in euch nun wohl: "Herr, bei Dir sind alle Dinge gar wohl möglich, und auch die Materie dieser Erde ist Dein Werk!" Da habt ihr wohl recht, - aber dennoch sage Ich es euch, daß Mir eben beim Menschen nicht alles möglich ist und möglich sein darf; denn wäre Mir beim Menschen alles möglich, so hätte Ich es niemals nötig gehabt, zu euch in diese Welt als Selbst ein vollkommenster Mensch zu kommen und euch zu belehren mit Meinem höchsteigenen Munde.
   05] Denn darum habe Ich dem Menschen den freien Willen gegeben und seinem Verstande gezeigt Wahres und Gutes und daneben Falsches und Böses, auf daß er sich selbst prüfe, richte und bilde, und daß er eben infolgedessen erst ein Mensch und kein von Meiner Macht gehaltenes und gerichtetes Tier ist, das nach Meinem Mußgesetze also tun muß, wie es in dasselbe gelegt ist, und somit in sich keine Freiheit, Selbstbestimmung und keine ihm anheimgestellte Selbständigkeit hat.
   06] Der Mensch aber hat außer seinem Leibe kein Mußgesetz von Mir, sondern ein ganz freies (Gesetz) in seinem Willen und einen völlig unbeschränkten Verstand, mit dem er alles erforschen, prüfen, begreifen und behalten und dann zu seiner Handlungsrichtschnur nehmen kann, was er als wahr und gut erkannt hat.
   07] Darum prüfet auch ihr alles, und das, was ihr als wahr und gut erfunden habt, behaltet und handelt und lebt danach, und ihr werdet dadurch euch zu wahren, Mir allzeit und ewig lieben Kindern bilden und gleich Mir, frei und selbständig werden!
   08] Wenn ihr dadurch Meinen euch nun bekannten Willen werdet völlig zu dem eigenen gemacht haben und also auch stark im lebendigen Glauben an Mich werdet geworden sein, dann wird auch euch alle Kreatur, gleichwie Mir Selbst, untertänig sein, und ihr werdet euch gegen Meine ewige Ordnung, welche der Grund alles Werdens, Seins und Bestehens ist, nimmerdar verstoßen und versündigen können. Darin aber wird dann auch bestehen das wehre und allerseligste ewige Leben eurer Seele, und wo Ich sein werde, da werdet auch ihr als Meine lieben Kinder bei Mir sein und wirken gleich Mir.
   09] Auf daß der Mensch aber zu solch einer höchsten Seligkeit gelangen kann, muß er zufolge seines vollkommen freien Willens und unbeschränkten Verstandes und seiner Vernunft sich nach Meinem ihm bekanntgegebenen Willen selbst richten, bestimmen und bilden, und Ich kann und darf mit Meiner Allmacht nicht ergreifen seinen freien Willen und ihn zum Handeln wie eine andere, noch gerichtete Kreatur zwingen, was ihr alle nun vom wahrsten Grunde aus wohl einsehen werdet.
   10] Und so ist in der Art, wie ihr es euch irrig vorgestellt habt, Mir bei dem Menschen nicht alles möglich, weil Ich mit Meiner Allmacht in die volle Freiheit des Menschenwillens nicht eingreifen kann, so der Mensch als ein Mensch nach Meiner ewigen und unwandelbaren Ordnung werden und bleiben soll für ewig.
   11] So ihr das nun wohl begriffen haben werdet, da wird es euch auch leicht und bald vollends klar und sehr einleuchtend werden, um was ihr Mich vor allem zu bitten haben werdet, und so ihr Mich um etwas Rechtes volltrauig werdet gebeten haben, da wird es euch auch gegeben werden im rechten Maße. Bittet sonach vor allem stets um das, was zum wahren Wohle eurer Seele dienlich ist, und sehr selten und wenig um das, was eurem Leibe dienlich ist!
   12] Mit dem aber will Ich gar nicht gesagt haben, als dürftet ihr in euren Leibesnöten nicht zu Mir um Hilfe flehen. Ja, Ich sage es euch noch hinzu, daß ihr, so ihr euren Nächsten aus Liebe zu Mir und in Meinem Namen leibliche Wohltaten erweisen werdet, dafür mit geistigen Gütern zum Wohle für eure Seelen reichlichst werdet belohnt werden, und daß euch, so ihr durch die Werke der Liebe im lebendigen Glauben an Mich verbleiben werdet, von Mir die Kraft erteilt wird, die Kranken durch die Auflegung eurer Hände zu heilen und die von argen Geistern Besessenen, deren es besonders in dieser Zeit viele gibt, von solcher Quälerei zu befreien.
   13] Doch solches werdet ihr nur im vollsten und lebendigst festen Glauben an Mich zu bewirken imstande sein. Kurz, mit Mir werdet ihr alles vermögen, ohne Mich aber nichts! Darum bleibet gleichfort durch die Liebe und durch den Glauben in Mir, und Ich werde also bleiben mit Meiner Liebe, Wahrheit, Macht und Kraft in euch!«


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