Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 95. Kapitel: Jesus erzählt den Bildungsgang des Priesters in Aphek.

   01] Sagte Ich: »Du hast ja auch der Juden Schriften durchstudiert, und das einmal schon in Rom und um fünf Jahre später, als du nach Oberägypten als Priester des Zeus, des Mars, der Minerva und des Merkur unter Kaiser Augustus bist beordert worden, zu Theben, wo du dich auch in die alten Mysterien hast einweihen lassen.
   02] Von Moses an hast du besonders den vier großen Propheten deine Aufmerksamkeit gewidmet; da sie dir aber trotz deines Lesens und Grübelns unverständlich geblieben sind, so hast du dich abermals um fünf Jahre später, als du als Volks- und Militärpriester hierher bist übersetzt worden, geheim an einen jüdischen Schriftgelehrten gewandt und verlangtest von ihm die Aufhellung dessen, was dir dunkel war. Da aber der Schriftgelehrte sie dir nicht zu geben vermochte, so schobst du der Juden Schrift ebenso zur Seite, wie du eure Schriften schon lange vorher zur Seite geschoben hattest.
   03] Aber da du der Juden Schrift dennoch stets im Gedächtnis behalten hast, so müssen dir ja doch die Taten des Moses, Aaron, des Josua, des Elias und der andern Propheten gezeigt haben, daß diese Menschen nur durch die Hilfe des einen, allein wahren Gottes der Juden solche Dinge und Taten zu bewirken imstande waren, die auf der ganzen Erde bei keinem Volke je gewirkt worden sind.
   04] Wenn du Mich nun auch also wirken siehst, so werde Ich sicher auch durch und mit Gott wirken. Saget ihr Römer denn nicht selbst, daß es ohne einen göttlichen Anhauch keinen großen Weisen gäbe? Und so werde auch Ich von dem einen, allein wahren Gott der Juden schier sehr angehaucht sein!«
   05] Sagte der Priester: »Ja, ja, du magst da schon ganz recht haben, und du bist in die Mysterien eurer Schriften sicher tiefer eingeweiht denn jener weise tuende Schriftgelehrte, von dem ich ein rechtes Licht zu erhalten suchte und den ich am Ende noch als der Weisere verließ.
   06] Aber da du mich früher ebensowenig irgend hast sehen und kennenlernen können, als ich dich je zuvor irgend gesehen und gekannt habe, - wie ist dir mein geheimes Streben durch eine ziemlich große Reihe von Jahren also bekannt, als hätte ich selbst dir das erst vor kurzem irgend eröffnet? Denn du müßtest es nur von mir erfahren haben, was ich im geheimen tat und nach was ich strebte, da ich als ein Priester wohl niemals jemandem das verriet, was ich für meine höchsteigene Beruhigung tat und unternahm!
   07] Wie also weißt du, als für mich ein totaler Fremdling, das, was ich in Rom, dann in Theben und endlich hier in Asien tat?«
   08] Sagte Ich: »Siehe, auch solches vermag Ich durch die Hilfe des einen, allein wahren Gottes der Juden, der allmächtig und auch allwissend ist von Ewigkeit, ohne Anfang und ohne Ende!«
   09] Sagte der Priester: »Ich will dir das nicht in Abrede stellen, und du wirst nun wie ehedem schon ganz recht haben; aber sonderbar ist es von eurem einen und nach deiner Aussage allein wahren Gott dennoch, daß Er Sich nur höchst selten von einem Juden also finden und sogar gebrauchen läßt, wie nun von dir!
   10] Ich gestehe es aufrichtig, daß ich für mich an die eine wie die andere Gottheit sehr wenig glaube und vertraue; denn je mehr man sie mit dem möglichsten Eifer sucht, desto mehr entfernt man sich auch von ihr, und es ist dem Menschen wahrlich nützlicher und dienlicher, den Schleier der Isis niemals zu lüften zu versuchen, als durch solch ein eitles Mühen sich in den finstersten Abgrund aller erdenklichen Zweifel zu stürzen. Besser ist es, gleich den Affen blind und dumm zu bleiben, als nach einer oder nach der andern Gottheit zu forschen, die wahrscheinlich sonst nirgends als in der Phantasie solcher Menschen bestand und noch besteht, die über die andern herrschen wollten.
   11] Du magst aber deine Gottheit wohl irgend gefunden haben; doch wie und wo, das wirst du ebensogut für dich behalten, wie es die Alten für sich behalten haben und haben dann ihre Lehre über einen oder auch mehrere Götter in ein solches Dunkel gehüllt, das von keiner Sonne je mehr erhellt werden kann.
   12] Warum hat denn mir, der ich doch auch ein Mensch hin und mich schon von meiner Jugend an gesehnt habe, nur einmal einer Gottheit näherzukommen, sich bis jetzt, wo ich schon an die siebzig von Jahren stehe, noch immer keine Gottheit genaht und mich mit irgendeiner besonderen Fähigkeit angehaucht, und warum außer dir, du wundersamer Freund, auch allen mir bekannten Juden nicht? Darum, Freund, halte ich auf alle Götter für mich wenig; das andere kannst du dir wohl selbst denken!«


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