Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 82. Kapitel: Rückkehr Jesu zur Herberge in Golan.

   01] Jetzt ging das verwundern erst vollends an, und die Heiden unten um den Hügel fingen an, sich zu befragen, wer und was Ich wäre, woher Ich gekommen sei, und was der Hauptmann zu Mir wäre, da Ich doch kein Römergewand trüge!
   02] Einige, die mit der Gotteslehre der Juden vertrauter waren denn ihre Nachbarn, hielten Mich für einen Propheten; denn diese Art von Halbgottmenschen hätten auch derlei gewirkt. Andere hielten Mich für einen in jüdischer Tracht verkleideten größten Magier. Wieder andere bestritten das, da sie an Mir keine Magierzeichen und in Meinen Händen keinen Zauberstab entdeckten. Noch andere hielten Mich für einen Halbgott in Menschengestalt, der sich dem allzeit streng gerechten Hauptmanne offenbarte und nun zur Beglaubigung dessen diese keinem Menschen möglichen Zeichen wirkte.
   03] Und so gab es unter diesen Menschen noch eine Menge Meinungen über Mich; aber keiner von ihnen getraute sich, auf den Hügel zu uns zu kommen und allda jemanden zu fragen, wer Ich wäre. Wir aber fingen an, uns von unseren etwas unförmigen Steinsitzen zu erheben und uns zum Rückzuge in die Herberge anzuschicken.
   04] Als die um den Hügel noch weilenden und allerlei ratenden Heiden das merkten, da überfiel sie eine Furcht vor Mir, und sie zogen eiligen Schrittes vor uns in die Stadt und begaben sich denn auch alsogleich in ihre Wohnungen, in denen ihre Angehörigen schon auf sie warteten. Daß es darin des Fragens und Erzählens nahe kein Ende nehmen wollte, das läßt sich leicht von selbst denken.
   05] Als die besagten Heiden sich in der Stadt befanden, da verließen auch wir den Hügel und begaben uns gemächlichen Schrittes in unsere Herberge, in der schon das wohlbereitete Morgenmahl unser harrte.
   06] Als wir in die Stadt kamen, da fanden wir die Heidenpriester schon in der vollsten Tätigkeit, den Menschen zu sagen, wie sie es nur ihnen zu verdanken hätten, daß diese Stadt vor dem Untergang bewahrt wurde und der des frühen Morgens noch so schrecklich und gefahrdrohend aussehende werdende Tag auf einmal durch die durch ihre priesterlichen geheimen Bitten und Gelöbnisse besänftigten Götter in einen herrlichen und jedes Menschen Gemüt erfreuenden urplötzlich verwandelt worden sei, - wogegen sich die Bewohner dieser und auch der andern Städte aber auch ohne Säumens mit allem Eifer bemühen sollten, die Tempel mit den reichlichsten Opfern wohl auszustatten.
   07] Nicht minder bemühten sich auch die beiden Judenpriester, in ihrer Synagoge die Juden zu bearbeiten. Aber weder die Heiden noch die Juden zeigten eine große Willfährigkeit, das zu tun, was die Priester von ihnen verlangten.
   08] Wir harrten noch eine kleine Weile vor der Herberge und sahen dem Treiben der Priester und des Volkes zu, und die beiden Nachbarn unseres Wirtes sagten: »Hatten wir unrecht, so wir schon ehedem zum voraus sagten, was die Priester, die selbst gar keinen Glauben haben, tun werden, wenn der Tag sich derart aufheitern würde, daß man keinen Nachsturm mehr zu befürchten hätte? Der Tag hat sich durch die Wundermacht des mit offenbar göttlicher Macht begabten Galiläers auf ja und nein völlig aufgeheitert, und wir sind kaum in die Stadt hereingekommen und trafen die während des Sturmes in der Nacht so überaus furchtsamen und allen Glaubens und Vertrauens auf eine göttliche Hilfe baren Priester schon in der größten selbstsüchtigen Tätigkeit!
   09] So aber eben die, welche auf dieser Erde die Vertreter der Götter - ob mehrerer oder bloß des einen, allein wahren, was vorderhand eins ist - sein wollen, bei einer Gefahr, in der sie sich am meisten glaubensstark zeigen sollten, die ersten beim Durchgehen und Davonlaufen sind, - wie soll da ein nur ein wenig heller denkender Mensch ihren Worten bei schönem und ruhigem Wetter irgendeinen Glauben schenken?
   10] Wir sehen es nur zu klar ein, daß da niemand anders als eben nur die Priester durch ihre übermäßige Herrsch -und Habsucht das Volk notwendig um allen wahren Glauben und um jedes lebendige Vertrauen auf ein allwaltendes und allmächtiges Gottwesen gebracht haben.
   11] Steht aber das arme Volk einmal völlig glaubens- und vertrauenslos da, - wer soll es dann wieder in den wahren Glauben und in das alte Vertrauen auf eine übersinnliche göttliche Hilfe zu heben vermögen?
   12] Menschen ist das nicht leicht oder schon gar nicht möglich, sondern da müssen die - ob einer oder viele - Götter die Hände aus Werk legen; denn nur durch große Zeichen könnten ganz blinde Menschen wieder in den Glauben und ins Vertrauen auf eine Hilfe von einer Gottheit gesetzt werden.
   13] Daß ihr euch in dieser Nacht von keiner Angst und keiner Furcht vor einer Gefahr in der Herberge habt aus dem Hause treiben lassen, das begreifen wir auch erst jetzt klar; denn wer solch einen Menschen in seinem Hause beherbergt, dem alle Elemente auf einen Wink gehorchen, weil er voll göttlicher Kraft und Macht ist, da ist es leicht, zu glauben und zu vertrauen. Aber auf wen hätten denn wir glauben und vertrauen sollen? Etwa auf unsere etlichen halbzerbrochenen steinernen Götterstatuen, auf unsere Hauslaren (Hausschutzgeister) oder auf die aus der höchsten Großangst und Furcht zuerst aus ihren Wohnhäusern und Tempeln entlaufenen Priester, die dann ihren Schutz auf dem Platze suchten und um gar keinen Preis mehr in einen Tempel hineinzubringen gewesen wären?
   14] Wir suchten denn auch im Freien Schutz, weil ihn unsere Göttervorsteller auch lieber da suchten, wo ihn die Natur dem Menschen noch am ehesten gewährt und finden läßt.
   15] Aber es sollte dieser Großmeister in der wahren Gottesmacht und -weisheit diesen großschreienden Priestern auch den Meister zeigen, dann ginge es bei uns bald ganz anders mit dem wahren Glauben und Vertrauen auf den einen, allein wahren, lebendigen Gott; auch die beiden Judenpriester würden sich bald eines andern besinnen und vielleicht wieder zum alten Glauben der ersten Väter zurückkehren.«
   16] Sagte Ich nun zu den beiden Nachbarn: »Gehet nun mit eurer Familie in unsere Herberge und haltet mit uns das Morgenmahl! Diese Priester aber lasset nur ihr Geheul forttreiben; denn von den Reichen werden sie wenig der gewünschten Opfer erhalten, und die Armen, die bei uns um den Hügel waren, werden es ihnen schon zu erzählen wissen, wie Der ausgesehen hat, dem die ganze Natur der Erde gehorchte, und es wird sich dann schon noch der Zeit zur Genüge ergeben, in der ihnen ihr Handwerk gelegt wird!«
   17] Damit waren die beiden Nachbarn sehr zufrieden, beriefen ihre Familien, begaben sich mit uns in die Herberge und nahmen auch ganz voll guten und heiteren Mutes mit uns das reichlich und wohlbereitete Morgenmahl ein.


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