Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 70. Kapitel: Jesu Ankunft in Golan.

   01] Als das alles also abgemacht war, erhoben wir uns vom Tische und begaben uns auf den Weg nach Golan. Wir machten aber einen kleinen Umweg außerhalb der Stadt, um in der Stadt nicht ein unnötiges Aufsehen zu erregen, auf welchem Wege uns denn auch der Bürgeroberste begleitete; denn auch er wollte den vielen, auf ihn wartenden Fragern vorderhand ausweichen. Am andern Ende der Stadt, auf dem Wege nach Golan hatte der Oberste einen alten Freund; diesen besuchte er, trennte sich also von uns, und wir zogen ruhig unseren Weg weiter.
   02] Der Weg von Abila nach Golan ist ziemlich beschwerlich, und wir kamen erst gegen Abend in den benannten Ort. Als wir da vor das Tor der Stadt kamen, da begegneten uns mehrere Juden, die zwar wohl in der Stadt wohnten, aber da sie des Sabbats wegen noch keinen Ausgang gemacht hatten, weil sie nach strenger Satzung erst nach dem (Sonnen)Untergange solches tun durften, so benutzten sie diese Zeit dazu.
   03] Als sie uns ankommen sahen und uns als Juden erkannten, da ging sogleich ein Ältester auf uns zu und fragte uns, woher wir gekommen seien, und ob wir nicht wüßten, daß ein wahrer Jude den Sabbat nicht entheiligen solle, auch nicht durch einen nötig zu machenden Weg im Freien, solange die Sonne am Himmel steht und leuchtet.
   04] Hier trat der Hauptmann dem Ältesten entgegen und sagte mit ernster Stimme: »Es sind hier nicht nur Juden, sondern es sind auch wir machthabenden Römer bei und unter ihnen; uns aber gehen eure Gesetze nichts an, und so wir es wollen und für notwendig erachten, da müssen auch die blöden Juden an einem Sabbat das tun, was wir wollen, und ihr habt kein Recht, einen eurer Glaubensgenossen in unserer Gesellschaft anzuhalten und zu fragen, warum er dies oder jenes an einem eurer Sabbate tue oder nicht tue. Denn hier und noch weithin bin ich der Gebieter im Namen des Kaisers und habe das scharfe Schwert der Gerechtigkeit in meiner Hand! Wer wider dasselbe zu handeln sich unterfängt - ob Jude, Grieche oder Römer, ob an einem Sabbat oder an einem andern Tage, das ist eins -, der wird dessen Schärfe zu verkosten bekommen!«
   05] Als die Juden, den Hauptmann wohlerkennend, solch eine Anrede aus seinem Munde vernahmen, da erschraken sie sehr und baten ihn mit der Entschuldigung um Vergebung, daß sie ihn unter den ankommenden Juden und etwelchen Griechen nicht gesehen und so denn auch nicht erkannt hätten; denn hätten sie ihn gesehen und erkannt, so hätten sie die Juden, weil sie am Sabbat eine Reise gemacht haben, sicher nicht angehalten und befragt; denn auch sie seien stets treue Untertanen der Römer und hätten eine hohe Achtung vor ihren weisen Gesetzen.
   06] Sagte nun der Hauptmann: »Diesmal ist es euch vergehen; aber künftighin fraget mir ja auch an einem Sabbat zugereiste Juden nicht mehr, warum sie solchen Tag nicht auf eine gebührende Art und Weise feiern! Denn werdet ihr das noch einmal aus eurem blinden Eifer tun, so werde ich euch darum zu züchtigen verstehen; und nun ziehet weiter, oder kehret wieder in eure schmutzvollen Wohnhäuser zurück!«
   07] Auf das machten die Juden eine tiefe Verbeugung vor dem Hauptmanne und zogen sich ganz behende in die Stadt zurück; denn sie meinten bei sich, daß in kurzer Zeit dem Hauptmanne bei hundert Soldaten folgen dürften, denen sie nicht begegnen wollten, und so fanden sie es für ratsamer, sich wieder in ihre Wohnhäuser zurückzubegeben.
   08] Als diese Juden sich in ihre Wohnhäuser verkrochen, da fragte Mich der Hauptmann, wo Ich in dieser Stadt die Nachtherberge nehmen werde.
   09] Sagte Ich: »Freund, am andern Ende dieser Stadt befindet sich eine Judenherberge; dahin werden wir uns begeben und die Nacht über denn auch verbleiben. Der morgige Tag wird uns schon bringen, was da Weiteres zu tun sein wird. Und so denn begeben wir uns zu der genannten Judenherberge!«
   10] Wir zogen bei schon ziemlicher Dämmerung durch die ganz bedeutende Stadt und erreichten denn auch bald die angezeigte Herberge.
   11] Als wir vor dieser Herberge, die freilich eben nicht sehr ansehnlich war, anlangten und stehenblieben, da kam alsbald der Wirt an die Hausflur und fragte uns, was wir da wünschten.
   12] Da sagte Ich: »So da Reisende vor einer Herberge abends anlangen, so wollen sie für die Nacht eine Unterkunft haben; und das wünschen denn hier auch wir.«
   13] Sagte der Wirt: »Freund, ihr seid euer sicher bei vierzig an der Zahl, und für so viele wird sich in meinem Hause wohl schwer ein nur halbwegs genügender Raum finden lassen! Da weiter oben ist eine große Griechenherberge; in der könnet ihr eine ganz gute und bequeme Aufnahme finden. Zudem habe ich leider auch ein krankes Weib, das mit der Küche umzugehen versteht, was meine beiden Töchter, die heute auch etwas unwohl sind, auch im ganz gesunden Zustande noch lange nicht vermögen, weil ihnen dazu die nötige Kraft und Kenntnis mangelt. Ich kann euch daher nur eine sehr magere Unterkunft bieten, während ihr in der oberen Herberge alles haben könnt, dessen ihr bedürfet.«
   14] Sagte Ich: »Das weiß Ich auch, und das schon seit lange her; Ich will aber eben darum in deiner Herberge übernachten, auf daß du von uns erhalten und haben sollst, dessen du bedarfst. Laß uns bei dir Herberge nehmen!«
   15] Als der Wirt das vernahm, da sagte er: »Ja, so ihr euch mit meiner in jeder Hinsicht höchst mager bestellten Herberge begnügen wollt, da könnet ihr immerhin eintreten und euch die innere Bestellung dieser meiner Herberge ansehen. Gefällt sie euch, so möget ihr denn auch bleiben! Etwas Wein und Brot kann ich euch schon noch bieten, und etliche Tische, mit zum größten Teil Steinbänken umstellt; aber mit Ruhestätten wird es sehr mager aussehen.«
   16] Auf das traten wir sogleich in das Herbergshaus, allwo wir ein ziemlich geräumiges Speisezimmer antrafen und ebenso auch viele Tische, Stühle und Bänke, daß wir alle so ziemlich bequem Platz hatten.
   17] Der Wirt ließ alsbald Lichter in den Speisesaal bringen und erstaunte nicht wenig, als er unter uns auch den ihm sehr wohlbekannten Hauptmann Pellagius ersah. Er fing nun an, sich noch mehr mit seiner Armut zu entschuldigen, womit er solchen Gästen nur sehr schlecht würde dienen können, und zugleich sei heute auch der Sabbat zu halten gewesen, an dem es den Juden nicht gestattet sei, sich für den Abend nach Gebühr vorzubereiten.
   18] Der Hauptmann aber beruhigte ihn und sagte: »So ich hier so gut und bequem als möglich eine Herberge hätte haben wollen, so hätte ich die mir stets zur Verfügung stehende Burg benutzen können; aber da mir an dieser Gesellschaft endlos mehr gelegen ist als an all dem eitlen und vergänglichen Weltprunk, so bleibe auch ich mit dieser meiner Tochter und diesen meinen ersten Unterdienern bei dir. Und ich bleibe auch darum bei dir, weil der eine wahre Herr und Meister, der mir alles in allem ist, schon vor der Stadt den Wunsch laut ausgesprochen hat, heute eben in dieser deiner Herberge zu übernachten.
   19] Wer aber solcher Herr und Meister so ganz eigentlich ist, das wirst du schon noch näher erfahren und dadurch auch dein Heil finden und bewahren für dich und für dein ganzes Haus. Aber nun laß uns etwas Brot und Wein auf die Tische bringen!«
   20] Hier berief der Wirt sogleich seine eben nicht zahlreiche Dienerschaft und gebot ihr, Brot, Salz und Wein auf die Tische zu setzen, was denn auch alsogleich bewerkstelligt wurde.
   21] Wir nahmen denn auch gleich etwas Brot und Wein zu uns, und der Wirt selbst, der ein ganz ehrwürdiges Aussehen hatte und auch sonst ein rechtlicher Mann war, beteiligte sich an dem dargereichten Abendmahl.


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