Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 45. Kapitel: Einwände eines Dieners.

   01] Ein Unterdiener, auch ein gelehrter Römer, sagte dennoch nach einer Weile tieferen Nachdenkens: »Herr und Meister, Ich sehe die Wahrheit Deines uns hier erteilten, weisesten Rates wohl ein, kann aber doch nicht umhin, hier eine kleine Gegenbemerkung zu machen!
   02] Wenn man bei der Weiterverbreitung Deiner Lehre von Deinen Zeichen und Taten, die zu bewirken nur einem Gott möglich sind, kein Aufheben machen soll, so erscheinst Du dem gewöhnlich nur natürlich denkenden Menschen auch nur als ein wohl recht weiser Volkslehrer, der aus den besten Vernunftgründen schöpfend den Nebenmenschen auch die besten Lehren gibt, ohne darum ein Gott zu sein. Denn es hat ja unter allen uns bekannten Völkern, besonders in den lange schon vergangenen Zeiten, gar sehr weise Lehrer gegeben, welche die Menschen in allerlei nützlichen Dingen unterrichtet und ihnen auch die Begriffe von einem Gott beigebracht haben, die mit der Zeit freilich sehr verunstaltet worden sind.
   03] Diese Lehrer sind sicher auch von Deinem Geiste für ihr Amt unterwiesen worden, aber sie waren darum doch nicht Du unmittelbar Selbst, und so war es denn auch leicht möglich, daß ihre Lehren nicht als ein lebendiges Gotteswort betrachtet worden sind, sondern nur für aus der Erfahrung und aufmerksamen Beobachtung der Natur und ihrer wechselweisen Erscheinungen vieler Menschen durch viele Jahrhunderte als ein weises Menschenwort angesehen und zum Nutzen der Menschen ins praktische Leben so oder so aufgenommen wurden.
   04] Der Bergmann lernte die Metalle kennen und bearbeiten; der Landmann fing an, die Felder mit Getreide anzubauen; der Gärtner veredelte die Obstbäume, die Reben und noch andere Früchte und heilsame Kräuter; der Hirte fing auf eine geordnete Weise an, seine Herden zu pflegen; man fing an, bessere Wohnhäuser und am Ende große Städte zu erbauen, und fing auch an, den Leib stets zweckmäßiger zu bekleiden.
   05] Und alle diese Lebensvorteile und viel anderes hatten die Menschen einzelnen urweisen Lehrern zu verdanken, und wir selbst sind ihnen sicher auch noch vielen Dank schuldig, indem wir ohne sie noch jenen höchst rauhen und ganz überbarbarisch wilden Skythenhorden glichen, die mit ihren wilden Tierherden in den Erdhöhlen und alten, hohlen Bäumen wohnen, keine eigentliche Sprache haben, sondern den Tieren des Waldes gleich heulen und von einer Gottheit keinerlei Begriff haben und ebenso nicht von einer sonstigen Bildung.
   06] Bei diesen Völkern ist sicher noch nie ein weiser Lehrer aufgestanden, weshalb sie sich denn auch noch in einem Zustande befinden, der sich von dem der wilden Tiere des Waldes wenig unterscheidet. Wenn unter ihnen auch einmal ein oder mehrere weise Lehrer aufstehen werden, so werden sie auch nach und nach zu einer höheren Menschenbildungsstufe gelangen; aber wenn so ein Lehrer für sein Volk auch noch so weise Lebensgrundsätze aufstellen und dadurch sein Volk erheben wird, - wird er darum Dir gleich ein allein wahrer Gott sein, und wird er vermögen, bloß durch seinen Willen und durch sein lebendiges Wort Kranke zu heilen, leere Schläuche mit dem festen Weine und die Teiche mit Fischen zu füllen in einem Augenblick?!
   07] Es ist daher nun ein himmelhoch großer Unterschied, ob die Menschen von einem erweckten Menschenlehrer oder - wie es nun hier der augenscheinlichste und handgreiflichste Fall ist - unmittelbar von Gott Selbst über alles belehrt werden!
   08] Darum sollten aber die Menschen nach meiner menschlich vernünftigen Ansicht nicht nur allein Deine allerweiseste und wahrheitsvollste Lehre überkommen, sondern auch (erfahren), daß diese Lehre nicht aus dem Munde eines weisen Menschen, wie in den Urzeiten, sondern unmittelbar aus dem Munde Gottes kam, der nach Seinem ewigen Ratschlusse die Menschennatur und -gestalt körperlich annahm, aber dabei durch diese nur Gott allein möglichen Taten, für welche Tausende von Zeugen bürgen können, mehr als handgreiflich klar bewies, daß er kein Mensch, sondern der vollsten und unbezweifeltsten Wahrheit nach der allein eine Gott Selbst war!
   09] Um den blinden Menschen, die von der eigentlichen Lebenswahrheit noch lange nicht einen leisesten Begriff haben, das begreiflich und anschaulich zu machen, kann und darf man Deine Wundertaten nicht verschweigen, sondern (muß) sie auch treu und wahr, wie, wo und bei welchen Gelegenheiten sie von Dir gewirkt worden sind, den Menschen mit der Heilslehre verkünden.
   10] Ich will gerade auch nicht behaupten, daß man gar alles den Menschen überliefern soll, was Du gewirkt hast an den vielen Orten, die Deine göttlichen Füße betreten und besucht haben; aber der Haupttaten darf nicht vergessen werden!
   11] Ob die gar späteren Menschen sie auch vielleicht nur als pure fromme historische Mythen betrachten werden, so macht das nach meiner Ansicht eben nicht viel der Wahrheit der Lehre Nachteiliges aus. Denn wer in der Lehre die Göttlichkeit Deiner Person herausfinden wird, dem werden Deine Taten auch als wahr und wohlbegreiflich vorkommen; wer aber Deine, Lehre Deiner vor uns gewirkten Taten wegen, weil sie ihm etwa zu unglaublich vorkämen, (nicht annehmen wird), der wird auch ohne die Wissenschaft von Deinen Taten die Lebenswahrheit in Deiner Lehre ebensowenig finden, wie sie bis jetzt die Templer zu Jerusalem und die Pharisäer an andern Orten gefunden haben! Herr und Meister, habe ich recht oder nicht?«


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