Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 19. Kapitel: Frage des Hauptmanns nach dem Zweck des Kampfes in der Natur.

   01] Sagte Raphael: »Du hast mir da wohl eine recht wichtige Frage gegeben, und ich könnte sie dir auch sicher bestens beantworten; aber du bist in die Sphäre des rein Geistigen viel zuwenig tief eingedrungen und würdest in dieser Richtung die volle Wahrheit nicht fassen.
   02] Ich gebe dir aber die Versicherung, daß erstens auch in dieser Richtung die Jünger des Herrn schon lange völlig aufgeklärt sind, wie nebst ihnen auch viele andere Menschen, als Juden und Heiden, und daß zweitens auch du noch in dieser Richtung zu einer hellen Anschauung geführt werden wirst. Es werden sich aber heute schon noch Gelegenheiten ergeben, bei denen du auch in dieser Richtung die Liebe und Weisheit des Herrn wirst loben und preisen können.
   03] Glaube es mir, daß der Herr eben darum Sich auf diese kleine Anhöhe begeben hat, auf daß du beim Anblick der die kleinen Fischlein verzehrenden Wasservögel mit deinen alten Bedenken über die Liebe, Güte und Weisheit eines wahren Gottwesens zum Vorschein kommen solltest! Du bist damit zum Vorschein gekommen, wie auch ich das schon lange zum voraus gewußt habe, und es wird dir denn auch schon zur rechten Zeit in dieser Richtung ein rechtes Licht erteilt werden.
   04] Freund, das Leben ist in sich selbst ein Kampf! Wer kann aber als ein guter und frommer Mensch in das höchste und freieste Geistleben übergehen, so er nicht zuvor um dasselbe mit allem Ernste gekämpft hat? Von wem aber soll der Mensch sonst kämpfen lernen - als von den ihn von allen Seiten umgebenden Gefahren? Und diese sind auf dieser Erde vom Herrn eben darum gestellt und zugelassen, auf daß der Mensch sie erkenne und gegen sie den Kampf führe, und das so lange, bis er sie besiege. Doch nun genug von dem; nach dem Morgenmahle ein Weiteres davon!«
   05] Als unser Raphael solches ausgeredet hatte, da kam auch schon ein Bote und kündigte uns das bereitete Morgenmahl an, worauf wir unsere kleine Anhöhe verließen und uns ins Haus Ebals begaben und das Morgenmahl einnahmen.
   06] Nach dem Morgenmahl begaben wir uns gleich wieder ins Freie, doch auf eine andere, größere Anhöhe, von der aus man nicht nur die Bucht von Genezareth, sondern auch einen großen Teil des Galiläischen Meeres übersehen konnte. Auf dieser Anhöhe hatten die Römer eine Art Feste, um von da aus alles übersehen zu können, was sich auf dem Meere und in der nicht unbedeutenden Bucht von Genezareth bewegte und als etwas Fremdes sehen ließ, aus welchem Grunde auf dieser Anhöhe auch immer römische Wachen aufgestellt waren und nicht leichtlich jemanden diesen Punkt besuchen ließen, außer es war der Hauptmann selbst oder ein anderer zu befehlen habender Unterdiener bei der diese Anhöhe besuchen wollenden Gesellschaft als Führer zugegen.
   07] Da nun der Hauptmann selbst nebst seinen zwei Unterbefehlsdienern bei uns war, so hatten wir denn auch nicht den allergeringsten Anstand, von dieser schönen Anhöhe Gebrauch zu machen.
   08] Es waren da mehrere offene Zelte, mit Bänken wohlversehen, angebracht, die uns der Hauptmann sogleich zur Benutzung einräumte und auch noch ein paar neue Zelte für unseren Gebrauch herrichten ließ.
   09] Als wir uns in den Zelten gelagert hatten, da herrschte eine Zeitlang Ruhe, und alle betrachteten die Szenen am Meere und in der Bucht.
   10] Auf einmal ersah der Hauptmann mehrere große Adler vom höheren Gebirge herab den Niederungen der Ufer des Meeres zufliegen und sagte: »Da kommen von der Höhe herab schon wieder beinahe um dieselbe Zeit, wie sonst immer, etliche ungeladene Gäste, um sich an den Gestaden des Meeres ein ihnen wohlschmeckendes Morgenmahl zu holen!
   11] Die Wasservögel sind zwar auch Raubtiere, die sich von Fischen und allerlei andern Wassertieren ernähren; aber sie sind dabei für unser Gemüt doch sanfteren Aussehens, und ihr Rauben und Morden der unschuldigen Wassertiere macht auf unser Herz und dessen Gefühl keinen so störenden Eindruck, als wenn ein so mächtiger Adler auf einen der vielen Wasservögel aus der Höhe gleich einem Pfeil niederschießt, ihn mit seinen Krallen faßt und ihn dann in die Höhe auf irgendeinen Felsen trägt, dort zerreißt und sein Fleisch verzehrt!«
   12] Als der Hauptmann noch also seine humanen Betrachtungen machte, da stürzte schon ein Adler in ein Röhricht am Ufer des Meeres nieder und holte sich eine mit Fischen gesättigte große Kropfgans, die natürlich in der Luft, von den scharfen Krallen des Adlers festgehalten, viel Spektakel machte.
   13] Und es dauerte gar nicht lange, so folgten auch die andern Adler dem Beispiel des ersten nach, was den Römer so in einen ordentlichen Zorn versetzte, daß er zu Mir hintrat und sagte: »O Herr und Meister, hast Du es nicht gesehen oder nicht verhindern wollen, daß die gefräßigen Raubvögel sich an den viel sanfteren Wasservögeln auf eine alles bessere Menschengefühl empörendste Weise vergriffen? Sollen derlei täglich in der Naturwelt zu öfteren Malen vorkommende grauenerregenden Szenen wohl dazu beitragen, das Menschenherz zu sänften und es zur tätigen Nächstenliebe und Barmherzigkeit anzueifern?
   14] Nein, da bleibe ich bei meinem alten Grundsatze, wie ich solchen aus dem Munde eines alten griechischen Weisen vor etlichen Jahren in Alexandria vernommen habe: "Die ganze Erde ist ein Raubnest und ein Jammertal für den edlen Menschen; denn alles, was er ansieht und was ihm immer vorkommen mag, ist mit dem ewigen Fluche der Götter belastet. Nichts als ein fortwährendes Entstehen und In-ein-elendes-flüchtiges-Dasein-Treten; ein grausamer Tod ist die stete Folge des Werdens! Und doch soll der am meisten durch sein Dasein gequälte Mensch ein völlig gutes, edles, humanes Leben führen und die stets fluchenden Götter ehren? Wie kann er aber das, so er um sich nichts als ein grausamstes Wüten der gesamten Natur erschaut?! Darum werde auch der Mensch gleich einem Löwen, einem Tiger, einem Adler und räche sich an seinen Nebengeschöpfen - ob Menschen oder Tiere ist gleich - für den auch über ihn ausgegossenen Fluch der Götter; er suche ein König zu werden und genieße das ohnehin kurze Leben den Göttern zum Trotze!"
   15] Herr und Meister, ich sage nun ja nicht, daß der griechische Weise damit einen rechten und wahren Grundsatz zum Wohle der Menschen ausgesprochen hat, indem ich bei Dir einen ganz andern Lebensgrundsatz gefunden habe, demgemäß ich auch fortan leben und handeln werde; aber sage Du nun Selbst, ob der ganz natürliche Mensch von einer selbst besten Gemütsanlage - wie solche oft bei noch unmündigen Kindern leicht zu entdecken ist, besonders in einem Lande, in dem es von allerlei Raubtieren wimmelt -, mit einer gesunden Vernunft begabt, am Ende infolge seiner Beobachtungen und Erfahrungen zu einem andern Grundsatze fürs Menschenleben auf dieser Erde gelangen kann!
   16] Sehen wir hin in die Länder, in denen es von wilden Raubtieren aller Art und Gattung wimmelt und die Menschen, um von ihnen nicht gefressen zu werden, auf sie in einem fort Jagd machen müssen! Wie sind diese Menschen selbst? Wild wie die sie umgebenden Tiere! Sie rauben und morden, und es ist unter ihnen keine Liebe und noch weniger eine gerechte Barmherzigkeit anzutreffen und keine Lust und Neigung zu einer wohlgeordneten, friedlichen Beschäftigung.
   17] Sehen wir uns dagegen ein Volk an, wie ich eines in Armenien angetroffen habe! In dieses Volkes Lande hatte ein früherer, recht weiser König mit allem Fleiße alle wilden Tiere soviel als möglich ausrotten lassen durch viele und geschickte Jäger - auch der Adler und Geier ward nicht geschont; nur sanfte und nützliche Haustiere durften gehalten werden, und der Ackerbau machte die Hauptbeschäftigung jenes Volkes aus, - und ich sage Dir, o Herr und Meister, ich habe nicht leichtlich auf einem Festlande ein sanfteres und friedlicheres Völklein jemals angetroffen!
   18] Bei Tage und in der Nacht kann man in jenem Lande alle Wege und Straßen bereisen ohne Furcht, von einem wilden Tier und noch weniger von einem räuberischen Menschen angefallen zu werden. In welches oft noch so einfache Haus man einkehrt, man wird allerfreundlichst aufgenommen und mit allem, was es zur menschlichen Notdurft besitzt, mit aller Liebe und Freundlichkeit bedient.
   19] Und wem verdankt dieses erwähnten Landes Volk solch eine ausgezeichnete, gute, liebe und sanfte Gemütsbildung? Jenem weisen Könige, der sein Land von all den wilden Raubtieren zu reinigen verstand.
   20] Dir, o Herr und Meister, wäre es um so leichter möglich, die ganze Erde von allen den wilden Raubtieren zu reinigen, - und die Menschen, die mit keinen Löwen, mit keinen Panthern, Tigern, Hyänen, Bären, Wölfen, Füchsen und noch andern wilden Bestien mehr zu kämpfen hätten, würden bei einigem guten Unterricht bald den oberwähnten Armeniern gleichen!«


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