Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 17. Kapitel: Raphael begründet seine enorme Macht.

   01] Die Gesellschaft, von der sich auch unser Ebal, Kisjona und Philopold nicht getrennt hatten, blieb samt dem auch unter ihr gegenwärtig gebliebenen Raphael nahe bis zum Morgen am Tische, und Mein Jakobus der Größere machte den Hauptredner, da er Mich schon von der Geburt an wohl kannte und am meisten stets um Mich war. Raphael aber erklärte dann wieder, was den andern irgend rätselhaft vorkam.
   02] Gegen Morgen hin fragte der Hauptmann den Raphael, sagend: »Da wir nun schon so viel Herrliches und Größtwunderbares aus deinem Munde vernommen haben, so wolle nur für uns drei Römer gütigst noch ein wenig erklären, was du für ein eigentliches Wesen bist, und was das für ein Stoff war, aus dem du für uns die Dinge des sichtbaren Himmels so überherrlich mit all dem, was unzählbar auf ihnen sich befindet, formuliert hast!«
   03] Sagte Raphael: »Fürs erste bin ich allem nach ein Mensch wie du, nur mit dem freilich bedeutenden Unterschied, daß ich nun diesen dir sichtbaren Leib in mein rein geistiges Wesen umwandeln kann, und daß ich als ein Mensch mit Fleisch und Blut schon vor nahe viertausend Jahren, noch vor der Noachischen Sündflut, treu Gott dem Herrn ergeben auf dieser Erde viele Jahre hindurch gelebt und gehandelt habe.
   04] Nun aber bin ich ein Bürger der Himmel Gottes und Sein Diener und Knecht für ewig. Meine Macht ist Gottes Macht; daher vermag ich denn auch alles, was der Geist in mir will. So du nun das weißt, so wirst du auch wissen, aus welchem Stoffe ich die Dinge des sichtbaren Himmels vor euch formuliert habe.
   05] Es gibt keinen andern Stoff in der ganzen Unendlichkeit als den Willen Gottes. Alles, was du siehst, vernimmst, fühlst und durch irgendeinen Sinn wahrnimmst, sind Gedanken Gottes, und so Er will, so sind sie auch schon wesenhaft da.
   06] Was aber Gott als dem urewigen Geist als in Ihm und durch Ihn möglich ist, das ist dem Geiste Gottes auch im Menschen möglich. Denn Gott Selbst in Sich ist die reinste Liebe, also in Sich auch das reinste Lebensfeuer, dadurch auch das reinste und hellste Licht und somit in Sich die höchste Weisheit und dadurch auch die höchste allwirkende Macht und Kraft.
   07] Dieser höchsten Macht und Kraft weiseste Ordnung ist das ewige Gesetz, nach dem sich alle Dinge zu richten haben. Dieses Gesetz herrscht auch über den Leib des Menschen; der Seele aber ist ein freier Wille gegeben, und das Gesetz ist ihr geoffenbart, auf daß sie es aufnehme in sich und ihren Willen danach richte, lebe und handle und dadurch zur vollen Gottähnlichkeit gelange, wozu sie bestimmt ist.
   08] Der Seele aber ist in dieser Bildungswelt nur ein kleinster Teil aus dem göttlichen Ordnungsgesetz zur Beachtung anvertraut; wird sie in diesem kleinen Teil treu sein, so wird sie dann auch über Großes gesetzt werden, - aber eher nicht, als bis sie es in der Beachtung des kleinen, ihr geoffenbarten Ordnungsgesetzteiles zu einer wie völlig eigens angeborenen größten Fertigkeit gebracht hat. Denn ohne dem kann sie in sich ja auch nicht zu dem inneren Bewußtsein ihrer freien Selbständigkeit und sonach auch nicht zur lebendigen Wahrnehmung dessen gelangen, was alles der göttliche Wille in ihr und durch sie vermag.
   09] Was ich, als auch nur ein Mensch, durch die volle Macht des göttlichen Willens vermag, davon brauche ich dir wohl keine weiteren Beweise zu geben. Wirst du es in der Befolgung des göttlichen Willens, den du hier vollkommen kennengelernt hast, und auch in allen dich weltlich lustreizenden Dingen zu einer vollkommen selbstverleugnenden, großen Fertigkeit bringen, so wirst du in dir selbst schon auch gewahr werden, zu welch einer Macht deine Seele gelangt ist.
   10] Die Übung in allem aber macht erst den Meister; durch eine zu geringe Übung aber bleibt der Mensch ein ewiger Stümper und kann zu nichts Großem und Außerordentlichem verwendet werden. Oder kannst und wirst du als ein römischer, in der Kriegführungswissenschaft durch und durch bewanderter Hauptmann einem Menschen eher ein wichtiges Amt anvertrauen, als du dich von allen seinen zu dem Amte erforderlichen Kenntnissen überzeugt hast?
   11] Gott braucht Sich beim Menschen nicht durch allerlei Proben und Prüfungen zu überzeugen, ob er eines großen und wichtigen Amtes wohl auch schon fähig ist; denn Er weiß es allzeit am klarsten, wie weit es eine Seele in der inneren Lebensvollendung gebracht hat. Aber die Seele prüfe sich selbst, inwieweit sie in aller Selbstverleugnung, was die Lustreizdinge dieser Welt betrifft, vorgedrungen ist, und inwieweit sie vollends eins mit dem erwählten und tatsächlich befolgten Willen Gottes geworden ist, ob in ihr noch etwas Stümperhaftes oder wohl schon recht Meisterhaftes sich regt, und Gott der Herr wird nicht säumen, in ihr Seines Willens Macht offenkundig werden zu lassen.
   12] Sieh an mehrere der Jünger des Herrn! So sie aus dem in ihnen schon sehr mächtig gewordenen Willen des Herrn etwas wirken wollten, da würde einer oder der andere auch etwas zu bewirken imstande sein, was dir sicher nicht minder wunderbar vorkäme als das, was ich vor euch gewirkt habe; aber ihre rechte Liebe zum Herrn und ihre wahre Demut vor Ihm sagt ihnen: "Oh, wie gar nichts sind wir als schwache Jünger noch vor Dir!" Und daher warten sie noch, bis ihnen der Herr sagen wird: "Nun gehet hinaus in alle Welt, und lehret allen Menschen Meinen Willen, und wirket in Meinem Namen!" Dann werden sie auch, wo es not tun wird, dieselben Zeichen wirken, die nun der Herr Selbst wirkt und auch ich zeitweilig durch des Herrn Willen in mir.
   13] Die Macht des göttlichen Willens aber wird dem Menschen nicht etwa wie einem Kinde die Milch eingegossen, sondern er muß sie selbst durch seine eigene Willenskraft, die bei jedem Menschen völlig frei ist, wie mit Gewalt an sich ziehen.
   14] Daß die Sache sich aber also und nicht anders verhält, ist ja leicht aus dem ersichtlich, daß der Herr, dem doch alle Dinge möglich sind, Seine Jünger Selbst gleichfort lehrt und zieht und ihnen zeigt, was sie zu tun haben, um sich Seines Willens als dann ihnen für ewig zu eigen angehörig zu machen.
   15] Was aber die eigens vom Herrn erwählten Jünger zu tun haben, um in sich zur vollen Gottähnlichkeit zu gelangen, das hat denn auch ein jeder andere Mensch zu tun, so er zu der Macht des göttlichen Willens in seiner Seele gelangen will.
   16] Ich habe dir nun ganz klar gezeigt, aus welchem Stoff ich euch die Dinge des sichtbaren Himmels geformt habe; ihr aber sehet nun, daß auch ihr mit der Zeit das werdet, was ich nun bin. Das Wie habe ich euch auch gezeigt. - Und nun möget auch ihr euch noch zu einer kurzdauernden Leibesruhe begeben; denn der Morgen wird nicht lange mehr auf sich warten lassen!«
   17] Nach diesen Worten Raphaels erhoben sich die drei Römer, dankten dem Raphael für diese Belehrung und gingen voll guter Vorsätze nach Hause, wo sie auch alles in der gewünschten Ordnung antrafen; doch alle drei ruhten wenig, da sie im Geiste ihres natürlichen Verstandes noch zu beschäftigt waren und nicht wußten, wie sie es anstellen sollten, um ihr weltliches Amt mit dem zu vereinen, was sie von Mir und auch von Raphael als Meinen Willen vernommen hatten.
   18] Unter manchem Hin- und Herreden brach der volle Morgen an, und der Hauptmann mußte den Kriegsknechten für diesen Tag Befehle erteilen. Die Kriegsknechte aber verwunderten sich heimlich, daß der sonst so überstrenge Hauptmann an diesem Tage nur ganz sanfte und menschenfreundliche Befehle erteilte, und sie meinten, daß da etwas ganz Besonderes vorgefallen sein müsse. Aber sie ließen weislich ja nicht merken, als wäre ihnen des Hauptmanns Sanftmut aufgefallen; denn ihnen war ein leichter Dienst ja auch lieber als ein schwerer.


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