Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 14. Kapitel: Raphael als Lehrer der Astronomie.

   01] Im Freien führte sie Raphael auf einen großen, freien Platz am See, der den Römern als Kriegsübungsstätte diente und in der Abendzeit von keinem Menschen mehr betreten ward.
   02] Auf dieses Platzes Mitte angelangt, sagte Raphael zu den dreien: »Der Weg, durch den jemand zu irgendeiner großen und wichtigen Erkenntnis gelangen will, ist immer ein zweifacher: Der erste ist der lange, langweilige und schwere durch die weitwendigen und nahezu nie enden wollenden und könnenden Erklärungen und Besprechungen; der zweite, kurze und wirksame, ist der durch die Beispiele. Und diesen will und kann ich nun bei euch in Anwendung bringen!«
   03] Sagte der Hauptmann: »Das wird hier wohl etwas schwer werden, uns von dem Beispiele wirksamer Art zu geben, wovon uns jeder wahre Vorbegriff völlig mangelt.«
   04] Sagte Raphael: »Das ist meine Sache, weil ich das in meiner vom Herrn mir verliehenen Macht habe, - und so gebet denn wohl acht auf alles, was ihr nun sehen werdet! Ich werde euch vorerst die ganze Erde, das heißt ihre Oberfläche, ganz so, wie sie nun ist, in einer solchen Größe vor eure Augen stellen, daß ihr sie leicht überschauen werdet können.«
   05] Als Raphael solches ausgesprochen hatte, da schwebte schon ein kleiner, doch bei dritthalb Mannslängen im Durchmesser habender Erdball vor den Augen der über alles erstaunten Römer und war von einem eigenen Lichte so gut erleuchtet, daß man auf seiner Oberfläche trotz der vorgerückten Abenddämmerung alles wohl ausnehmen und das Bekannte auch sogleich als das, was es darstellte, der Lage nach erkennen konnte.
   06] Der Erdball drehte sich auch um seine Achse, aber wegen des schneller möglichen Überschauens natürlich im Verhältnis bei weitem schneller als die wirkliche Erde. Alle Festlande, nebst einer beinahe zahllosen, verschieden großen Menge Inseln, das gesamte Meer, ebenso auch alle Seen und Ströme und Flüsse und Berge und Täler waren getreu zu ersehen, und das davon den dreien Bekannte ward auch sogleich von ihnen als das erkannt, was es darstellte.
   07] Als sich die Römer diesen Erdball bei einer Stunde lang alleraufmerksamst angesehen hatten, wobei Raphael ihnen alles mit wenigen Worten verständlich erklärte, und sie so von der Erde denn auch einen vollwahren Begriff bekommen hatten, da sagten alle drei: »Oh, wie blind sind doch noch die Menschen, und welch lächerlich dümmste Begriffe haben sie von der Erde, die sie trägt und nährt!«
   08] Hierauf sagte Raphael: »Seht, wie ihr durch dieses Beispiel schneller zur richtigen Erkenntnis der gesamten Erde gelangt seid, als so es euch ein Wohlerdkundiger mit langen Reden noch so klar dargestellt hätte, und so werde ich euch nun auch das Verhältnis der Erde zum Mond, zur Sonne und zu den andern Planeten darstellen! Wir wollen nun den Erdball weiter von uns hinauf in die Luft stellen, und in einer verhältnismäßigen Entfernung soll der Mond als ihr Begleiter hier vor euren Augen dargestellt werden.«
   09] Als Raphael solches ausgesprochen hatte, war der Mond auch schon - aber als ein verhältnismäßig kleiner Ball - vor den staunenden Augen der Römer ins wohl sicht- und leicht erkennbare Dasein gerufen.
   10] Zuerst ward die der Erde stets zugekehrte Seite von oben bis unten genau in Augenschein genommen und auch insoweit, als nötig war, erklärt, und dann erst die Kehrseite, bei der es an der rechten Erklärung auch nicht mangelte.
   11] Da sagte der Hauptmann: »Das ist im Verhältnis zu unserer Erde wohl eine traurige Welt! Die nach deiner Erklärung nur auf dieser Seite lebenden Menschen können zu keiner großen Weisheit gelangen, da sie auf einer so kleinen höchst magern Welt nur eine sehr beschränkte Anschauung von dem von Gott Geschaffenen erhalten können, und weil sie durch der Erde völligst ungleiche und unähnliche Tagesordnung auch beinahe keine Zeit gewinnen können, auch nur das Wenige auf dieser kleinen Welt mit Aufmerksamkeit zu betrachten, zu studieren, Vergleiche zu machen und daraus die nötigen Erfahrungen zu ziehen. Sie müssen mit unseren Affen die meiste Ähnlichkeit haben?«
   12] Sagte Raphael: »Da irrst du dich gewaltig, wenn es für deinen Verstand auch also den Anschein hat! Ich möchte dich nicht mit einem Mondbewohner verkehren lassen; denn da würde deine innere Weisheit sehr den kürzeren zu ziehen bekommen!
   13] Ihr Menschen dieser Erde habt wohl viele äußere Erfahrungen und also auch viele äußere Erkenntnisse; aber die inneren Lebenserkenntnisse fehlen euch, die unbeschreibbar wichtiger sind denn all der äußere, marktschreierische, eitle Tand.
   14] Die Mondmenschen aber stehen dafür stark im inneren, beschaulichen Leben, in dem sie auch euch Bewohner dieser Erde gar wohl kennen, aber nur selten ein Wohlgefallen an euch haben, weil ihr durch euer äußeres Sinnen und Trachten euch von der inneren Lebenswahrheit zu weit entfernt habt. Sie sagen von euch, daß ihr tote Seelen seid. Wenn es aber mit den Mondbewohnern also steht, da sind sie sicher auf einer höheren Lebensstufe denn deine Erdaffen.«
   15] Sagte der Hauptmann: »Wenn die Sache mit den Bewohnern des Mondes sich also verhält, da nehme ich mein Urteil freilich sogleich zurück und bitte sie durch dich viele Male um Vergebung.«
   16] Sagte Raphael: »Lassen wir das nun gut sein, und kehren wir zu unserer Sache wieder zurück! Wir haben nun nach der Erde den Mond wohl kennengelernt. Wie sieht es aber mit diesen beiden Weltkörpern im Verhältnis zur Sonne aus? Bevor ich euch aber das völlig begreiflich machen kann, muß ich euch in Kürze auch noch mit den euch wenigstens dem Namen nach bekannten Planeten bekannt und vertraut machen.
   17] Es gibt zwar noch einige Planeten, die als Erdkörper auch zu dieser Sonne, die der Erde Licht und Wärme spendet, gehören und von ihr, gleich dieser Erde, Licht und Wärme erhalten. Aber ich werde mich nur auf die euch dem Namen nach bekannten beschränken und sie euch in ihrer wahren Gestalt einmal sonderheitlich vor Augen stellen. Da ist einmal der Merkur als der der Sonne nächste Erdkörper!«
   18] Sogleich erblickten die drei Römer diesen Erdkörper und bewunderten seine ziemliche Ähnlichkeit mit so manchem auf unserer Erde, und Raphael ließ es dabei an Erklärungen nicht fehlen.
   19] Als die drei mit dem Merkur so bald im reinen waren, da kam die Venus an die Reihe, nach ihr der Mars, den die drei anfangs mit einer Art Scheu betrachteten. Da sie aber an ihm, statt ihres Kriegsgottes, auch nur einen der Erde ziemlich ähnlichen Erdkörper ersahen, so wurden sie mit ihm denn auch bald vertraut. Auf den Mars kam in entsprechender Größe der Jupiter mit seinen vier Monden an die Reihe, über den sich die drei Römer nicht genug verwundern konnten. Raphael erklärte ihnen in Kürze das Wichtigste davon, worüber sie seine Weisheit und Macht nicht genug rühmen konnten. Darauf ließ er den Saturn zum Vorschein kommen, der den Römern noch mehr Bewunderung entlockte denn alle die früheren Planeten. Und Raphael hielt sich bei diesem seltenen Erdkörper mit seinen Erklärungen auch länger auf als bei einem der früheren, mit Ausnahme unserer Erde.


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