Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 7. Kapitel: Störung des Mahles durch römischen Hauptmann und seine Krieger.

   01] Als Ebal vor dem Hauptmanne stand, da herrschte dieser ihn gleich mit zornglühenden Augen folgendermaßen an: »Ist das bei dir die Art und Weise, wie meine Gebote hier beachtet werden, und weißt du noch nicht, welche Folgen den Nichtbeachter der Gesetze Roms zu treffen haben?! Warum hast du es diesmal unterlassen, mir von der Ankunft einer bedeutenden Anzahl Fremder alsogleich Anzeige zu machen, auf daß ich durch diese meine Diener mich hätte überzeugen können, ob die Angekommenen hier auf eine bestimmte Zeit Aufnahme finden können und dürfen oder nicht?«
   02] Sagte hierauf Ebal: »Gestrenger Herr und Gebieter, seit du hier deine Gesetze mit aller von uns Bewohnern dieser Stadt ungewohnten Strenge ausübst, habe ich wegen einer Nichtbeachtung deines Willens von dir noch nie eine Rüge bekommen, und ich habe auch diesmal nicht aus irgendeinem Widerwillen gegen deine stets härter zu ertragenden Anordnungen die von dir verlangte alsogleiche Anzeige der Ankunft nicht irgend von fremden Gästen, sondern von meinen altbekannten und ehrlichst besten Freunden unterlassen, sondern nur infolge meiner höchsten Freude über ihre Ankunft rein vergessen, meiner mir nun wohlbewußten Pflicht nachzukommen, und ich glaube, an dich keine Fehlbitte zu richten, so ich für dies alleinige Mal um eine gnädige Nachsicht dich anflehe.«
   03] Sagte der Hauptmann: »Das Gesetz kennt da keine Rück- und Nachsicht! Du hast mein Gesetz, ob infolge einer Vergessenheit oder infolge eines Widerwillens gegen dasselbe - was bei mir eins ist -, übertreten und bist sohin denn auch unnachsichtlich strafbar. Die Strafe nur will ich pur in Berücksichtigung dessen, weil du ein erster und angesehenster Bürger dieser Stadt bist, in keine Körper- aber in eine bedeutende Geldstrafe umwandeln; und solltest du meinem gerechten Verlangen nicht nachkommen, so lasse ich dir deine Kinder als Geiseln gefangennehmen, und du wirst so lange nicht zu ihrem Besitze kommen, bis du mir die verlangte Summe bis auf den letzten Stater wirst bezahlt haben! Die Strafe aber beträgt tausend Pfunde Goldes und zehntausend Pfunde Silbers und ist binnen dreier Stunden an mich zu bezahlen! Du weißt nun, was du für dich zu tun hast, und ich bin mit dir zu Ende. Und jetzt geht meine Amtshandlung an deine angekommenen Freunde über, und so führe mich nun alsogleich in deinen neuen Saal!«
   04] Ebal ward über die rücksichtslose und allerungebührlichste Strafe in Geld, dessen er bei weitem nicht in der geforderten Menge besaß, ganz kleinmütig, vertraute aber dabei gleich lebendigst auf Mich, und daß Ich ihm auch sicher helfen würde, und führte in solchem Vertrauen den Hauptmann und seine finsteren Helfershelfer denn auch sogleich zu uns in den Saal, -welchen eben der Hauptmann auch von außen mit seinen Soldaten wohl besetzen ließ.
   05] Wir waren noch voll heitern Mutes am großen Tische, als der Römer mit einer wahrhaft zornglühenden Herrschermiene in den Saal mit großer Barschheit und Arroganz hereintrat und sogleich mit Heftigkeit die Frage an uns stellte: »Ist ein jeder von euch für sich oder einer Herr für alle, wie das oft bei Reisenden vorkommt?«
   06] Sagte Ich: »Ich bin für alle ein wahrer und alleiniger Herr! Was willst du von uns noch ein Weiteres über deine ausgesprochene unmenschliche und in keinem römischen Gesetz begründete Geldstrafe für unseren biedersten Freund Ebal? Willst du etwa auch uns mit derlei Strafen belegen?«
   07] Sagte der Hauptmann: »Die, über die du Herr bist, sind straffrei; du aber, der du vor mir wenig Achtung zu haben scheinst, weil du über meine Strafbemessung ein böses Urteil aussprachst, wirst mir in drei Stunden dieselbe Summe erlegen, die du für deinen Freund Ebal als für zu unmenschlich und in keinem römischen Gesetz begründet gefunden hast! Ich werde euch Juden die Gesetze Roms schon als wohlbegründet zeigen und sehr begreiflich machen! Ich habe geredet, und ihr wisset, was ihr zu tun habt!«
   08] Sagte Ich: »Was aber dann, so wir deinem allerungerechtesten Verlangen erstens nicht nachkommen können und zweitens auch nicht nachkommen werden? Denn wo steht es geschrieben, daß ein römischer Hauptmann das unbedingte Recht habe, in Freundesland also Erpressungen zu machen wie in den Ländern der Feinde?
   09] Zeige Mir deine Vollmacht als vom Kaiser selbst ausgehend oder von seinem Oberstatthalter Cyrenius! Hast du solch eine Vollmacht nicht, dann wirst du es mit Einem zu tun bekommen, der eine allerhöchste Vollmacht in Sich vor deinen Augen birgt; und hätte Ich diese nicht, da würde Ich nicht also mit dir reden!
   10] Du bist zwar hier nun ein stolzer, harter und beinahe nicht mehr erträglicher Gebieter; aber darum sind doch andere über dich, bei denen die von dir zu unmenschlich Bedrückten sicher mehr Gerechtigkeit finden werden denn bei dir. Darum weise Mir deine Instruktionen entweder vom Kaiser selbst oder vom Oberstatthalter vor, sonst werde Ich dir Meine Vollmacht vorweisen!«
   11] Diese Meine ernsten Worte machten den Hauptmann stutzen, und er sagte nach einer kleinen Weile Nachdenkens: »Eine geschriebene Vollmacht habe ich nicht, weil sie in meiner Stellung kein römischer Hauptmann vonnöten hat; ein jeder aber steht unter dem Eid der Treue für den Kaiser und für das ausschließliche Wohl Roms. So ich diese zwei Punkte durch mein Handeln im Auge behalte, kann mich niemand wegen meiner Strenge zu irgendeiner Verantwortung ziehen! Wo hast denn hernach du deine allerhöchste Vollmacht?«
   12] Sagte Ich: »Verlange du sie nicht vor der Zeit kennenzulernen!«
   13] Sagte der Hauptmann: »Meinst du denn, ein Römer ist ein furchtsamer Hase, der gleich vor einem schlauen jüdischen Fuchs die Flucht ergreift? O nein, ein Römer ist wie ein Löwe, der auf alle Tiere ohne Scheu und Furcht seine Jagd macht!«
   14] Hierauf gab er einem seiner Diener einen Wink, und dieser öffnete die Tür, durch die alsbald bei dreißig bis an die Zähne bewaffnete Krieger eindrangen.
   15] Als diese unseren Tisch in einer gewissen Ordnung umringten, da sagte der Hauptmann mit einer sehr herrischen Stimme: »Siehe, du höchst bevollmächtigter Jude, das ist meine effektive Vollmacht, die euch so lange gefangenhalten wird, bis ihr meiner Forderung Genüge leisten werdet! Kennst du diese Vollmacht?«
   16] Sagte Ich: »Ja, Mein stolzer und bis jetzt noch sehr blinder Römer samt deinen Helfershelfern und Kriegern, diese deine Vollmacht kenne Ich schon seit gar lange her; aber sie wird dir für diesmal nichts nützen! Denn weil du Mir nun die volle Schärfe deiner Zähne gezeigt hast, so werde auch Ich dir - aber nur so ein Sonnenstäubchen groß von Meiner Allvollmacht zeigen, und es wird dir daraus vollends klar werden, daß nicht du Mein, sondern nur Ich für immerhin dein Herr sein und bleiben werde!
   17] Siehe, dieses Saales Raum ist hoch und weit, sieben Manneslängen erreichen kaum die Decke, bei zwanzig ist er lang und bei zwölf breit! Ich will aber nun, daß ihr von Meiner inneren Allvollmacht samt euren scharfen Waffen über die halbe Höhe des Saales frei in der Luft schweben sollet, und wir wollen dann sehen, was euch eure scharfe und löwenartige Vollmacht nützen wird, und bis du von deiner ungerechtesten Forderung an Ebal und Mich nicht völlig abstehen wirst, wird dein Fuß keinen festen Boden berühren! Es geschehe, da nun Ich geredet habe!«


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