Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 10

Kapitelinhalt 4. Kapitel: Raphael rettet Perser und Inder.

   01] Die fünf Tage hindurch, die Ich zugleich mit den nun bekannten und vollends bekehrten Römern bei Markus zubrachte, geschah nichts von irgendeiner besonderen Erhebung (Bedeutung). Wir machten kleine Bereisungen in der Umgegend, und Ich heilte hie und da einen Kranken, und am zweiten Tage hatte Markus eine große Fischerei auf Mein Wort unternommen und einen überreichen Fang gemacht.
   02] Am sechsten Tage näherte sich frühmorgens ein Schiff dem Bade. Wir waren vor dem Morgenmahle, wie gewöhnlich, am Ufer des Meeres versammelt und betrachteten die mannigfachen Morgenszenen und Erscheinungen, und Raphael erklärte sie den Jüngern und dem noch anwesenden Kisjona und Philopold, worüber bis auf Judas Ischariot alle eine übergroße Freude hatten.
   03] Das sich dem Ufer nahende Schiff hatte Perser und sogar etliche Indier an Bord und hatte mit den ziemlich stark gehenden Wogen seine Not. Die Schiffer waren Gadarener und kannten unser stark klippiges Ufer, darum sie denn auch ein paar hundert Schritte vom Ufer entfernt herumlavierten, wo und wie sie sich dem Ufer gefahrloser nahen könnten. Da aber der ziemlich heftige Morgenwind nicht nachließ, so gaben die Schiffer Zeichen ans Ufer herüber, daß sie Not hätten, und verlangten Hilfe.
   04] Hier fragte Mich Markus, was da zu tun sein werde, so Ich da aus irgendwelchem Grunde kein Wunder wirken wollte.
   05] Sagte Ich: »Bis wir das Morgenmahl werden zu uns genommen haben, können sich die Perser und Indier mit ihren Tieren und Zauberdingen schon von den Wogen ein wenig ängstigen lassen; so wir dann wieder ans Ufer zurückkehren werden, dann wird es sich schon zeigen, wie dem Schiff zu helfen sein wird.«
   06] Mit dem war Markus denn auch zufrieden, und wir begaben uns darauf denn auch sogleich ins Haus zum wohlbereiteten Morgenmahle.
   07] Nach einer Stunde Zeit gingen wir alle wieder ans Ufer und fanden das vorbezeichnete Schiff in der gleichen Not und Bedrängnis. Nun erst gab Ich dem Raphael einen Wink, das Schiff ans Ufer zu befördern. Dieser bestieg nun, um den Ankommenden nicht auffällig zu werden, ein Boot und ruderte rasch hinaus zum großen Schiff.
   08] Als er dort ankam, da fragten ihn die Schiffer, ganz erstaunt über seinen Mut: »Was willst denn du schwacher Junge hier? Bist du uns zu Hilfe gekommen? Da wird uns wenig geholfen sein; denn du hast ja nicht einmal ein Seil, noch einen Haken in deinem Boot! Womit wirst du da unser starkes und großes Schiff an deinem leichten Boot befestigen und es uns dann über eine sichere Tiefe ans Ufer bringen helfen?«
   09] Sagte Raphael mit lauter Stimme: »Das wird meine Sache sein! So ihr wollt und euch mir anvertraut, da kann und werde ich euch wohl helfen; so ihr mich aber dazu für zu schwach haltet, dann lasset euch bei diesem starken Wogengang von wem andern helfen!«
   10] Sagte ein Schiffer: »So zeige uns denn deine Kunst und Stärke, und das sogleich, so wir dich darum bitten; denn sonst müssen wir bald zugrunde gehen!«
   11] Hier ergriff Raphael einen vom großen Schiff hervorstehenden Balken und zog dasselbe pfeilschnell ans Ufer; und da er dadurch, wie auch durch seinen Willen eine große Masse Wasser gewisserart dem Ufer zuschob, so berührte des Schiffes Boden auch die Seichten des Bodens nicht und erlitt sohin auch keinen Schaden.
   12] Die Schiffer und die Reisenden konnten nicht zur Genüge erstaunen über die ihnen völlig unbegreifliche Kraft des Jünglings, der mit der Macht der Elemente derart spielend verfuhr, als hätte er es, statt mit dem Meer und dem starken Wind, mit einem an einem Grashalme hängenden Tautropfen und mit einem ganz leisen Morgenhauch zu tun.
   13] Nachdem sich die Schiffer nun am ruhigen und sicheren Ufer befanden, so belobten sie sehr den Mut, den guten Willen des Jünglings und ganz besonders seine seltene Kraft und Geschicklichkeit in der Anwendung derselben, die für sie alle ans rein Wunderbare reiche, und fragten ihn, wieviel Lohn sie ihm dafür zu geben hätten.
   14] Raphael aber sagte: »Ich für meine Person bedarf eures Lohnes nicht. So ihr aber irgendeinen noch ärmeren Menschen findet, als ihr selbst es zum größten Teile seid, so erweiset ihm dafür Liebe und Barmherzigkeit!«
   15] Das machte alle stutzen, und selbst die Fremden sagten: »Wahrlich, das ist ein seltener Jüngling!«
   16] Diese Begebenheit hatte ein großes Aufsehen gemacht, und alle Diener des Markus kamen ans Ufer, um nachzusehen, was sich da wieder Großes und Unerhörtes ereignet habe.
   17] Und als die Sache ihnen näher aufgeklärt wurde, sagten alle: »Ja, ja, so der Himmel und die Erde sich durch den Herrn vereinen, dann werden die Wunder beinahe schon zu ganz natürlichen Erscheinungen; wenn aber der Herr Sich einmal wieder hinter alle Sterne zurückbegeben wird, dann wird es wieder einen großen Mangel an derlei großartigen und seltensten Ereignissen auf der Erde unter den Menschen haben!«
   18] Darauf fingen die Reisenden an, ihre Sachen ans Land zu setzen, und erkundigten sich, wie sie zu Lande ihre Reise weiter bis an das große Meer fortsetzen könnten. Das wurde ihnen denn auch angezeigt, und unser Raphael übernahm auf Meinen Wink die Weiterbeförderung, ohne den Reisenden irgend im geringsten zu verraten, daß er mehr als ein gewöhnlicher Erdenmensch sei. Wohl aber hat er die Reisenden dann in Tyrus darauf aufmerksam gemacht, in wessen Nähe sie sich dort befunden haben, wo er sie auf eine wunderbare Weise gerettet hatte.
   19] Als die Reisenden das vernommen hatten, da wollten sie wieder umkehren, um Mich Selbst persönlich kennenzulernen, und boten dem Raphael große Summen darum. Da aber verschwand Raphael urplötzlich vor ihren Augen und befand sich wieder bei uns.


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