Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 9

Kapitelinhalt 207. Kapitel: Der schöne Morgen am Meer.

   01] Ich war, wie allzeit, der erste auf den Beinen; aber auch die Jünger erwachten nahezu gleich mit Mir und gingen mit Mir ins Freie, und zwar an das Ufer des Meeres, über das bei der sich dem Aufgange nahenden Sonne ein stärkender Morgenhauch wehte und der Oberfläche des Wassers eine anmutige Bewegung verschaffte. Auf dem Spiegel des Meeres zeigten sich hie und da ganze Scharen von allerlei schwimmenden Vögeln größerer und kleinerer Art und suchten sich ihr ihnen wohlschmeckendes Morgenmahl.
   02] Und es sagte zu Mir der auch schon anwesende Römer: »Herr und Meister! Solch ein Morgen in einer so herrlichen Gegend erquickt und stärkt des Menschen Herz und Gemüt über alle Maßen wohl, aber ich habe dabei nur das ausstellend (beanstandend) zu bemerken, daß eben der Morgen als des Tages schönste und angenehmste Zeit stets am allerkürzesten dauert; denn sowie die liebe Sonne den Horizont überstiegen, so fängt der Tag mit seiner stets zunehmenden langweiligen Einförmigkeit auch schon an und dauert dann bis an den Abend mit wenig Abwechslungen fort. Oh, wenn es auf der Erde doch irgend ein Land gäbe, in dem der Morgen gleich ewig fortbestehen würde, so möchte ich in einem solchen leben und mich gleichfort des Lebens freuen! Aber diese unsere kurz andauernden Morgen haben mein Gemüt schon gar oft, statt mit Freude, nur mit einer Art Wehmut erfüllt. O Herr und Meister, gibt es denn auf dieser Erde nirgends ein Land, wo der Morgen wenigstens länger andauert denn hier bei uns?«
   03] Sagte Ich: »jetzt hat wohl noch so ein wenig der Heide mit seiner ewigen Aurora (Morgenröte) aus dir geredet! Hast du denn gestern die Belehrungen Raphaels über die Erde und ihre verschiedenen Erscheinungen nicht vernommen und der notwendigen Wahrheit nach aufgefaßt? Bei der für diese Erde festgesetzten Ordnung kann es ja doch unmöglich irgend ein Land mit einem ewigen Morgen geben!
   04] Ja, in Meinem Reiche im andern Leben wird es wohl einen ewigen Lebensmorgen geben; worin aber dieser bestehen wird, das könntest du nun auch noch um gar vieles weniger fassen, als du des Raphaels Erklärungen aufgefaßt hast. Willst du aber auf dieser Erde den Morgen länger genießen, so gehe allzeit um ein paar Stunden Zeit früher ins Freie, und du wirst den Morgen über drei Stunden lang genießen können!
   05] Dazu hat ja auch ein jeder Tag zu jeder Zeit sein Angenehmes und auch Unangenehmes, so auch der Abend, und ebenso die Nacht; es kommt beim Menschen nur darauf an, mit welchen Augen des Gemütes er eine jede Zeit des Tages betrachtet.
   06] Siehe, es geht nun soeben die Sonne auf, und des Morgens Herrlichkeit dauert noch fort und wird noch über eine Stunde Zeit fortdauern, und du kannst dich daher auch noch der Anmut des Morgens fortfreuen! Dann wird der Morgen allmählich in den vollen Tag übergehen, und du wirst dich am Tage des Lebens ebenso freuen wie nun am jungen Morgen; daher laß auf dieser Erde nur fein die alte Einrichtung unbeanstandet fortwalten, die ganz gut und sehr zweckmäßig ist.
   07] Wären auf dieser Erde nur auch die Menschen aus ihrem freien Willen heraus so gut, wie da ist die alte Einrichtung der Erde, da gäbe es für viele schon hier einen wahren, geistigen Lebensmorgen, nach dem vor allem ein jeder Mensch streben sollte! Hast du diese Meine ganz natürliche Rede wohl verstanden?«
   08] Sagte der Römer: »Ja, hoher Meister und Herr, ich danke Dir für diese Belehrung! Nun freut mich auch der Tag mit seinen oft sehr vielfach abwechselnden Erscheinungen.«


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