Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 9

Kapitelinhalt 197. Kapitel: Anwesenheit der Engel bei den Menschen.

   01] Diese gar triftige Rede und Belehrung Raphaels hatten auch die Joppeer mit der größten Aufmerksamkeit angehört, und sie verwunderten sich hoch über des scheinbaren Jünglings Weisheit.
   02] »Wer muß denn dieser gar herrlich aussehende Jüngling sein?« fragten einige von ihnen.
   03] Der Fischer aber sagte: »Wie möget ihr noch also fragen? Hatten nicht die beiden Jünger in Joppe uns genau erzählt, wie sich in der Gesellschaft des Herrn auch ein Jüngling befindet, allen Menschen sichtbar, der nach dem Willen des Herrn große Zeichen und Wundertaten wirkt und den Menschen auch überweise Lehren gibt?
   04] Dieser Jüngling sei ein Engel, der dem Herrn zu Diensten steht, auf daß die Schrift auch in diesem Punkte erfüllt werde, wo es heiße: "In jener Zeit aber werdet ihr sehen, wie die Engel Gottes aus den Himmeln zur Erde niedersteigen und dem Herrn und den Menschen dienen werden." Seht, meine lieben Freunde und Gefährten, das haben uns die beiden Jünger treulichst erzählt, und wir überzeugen uns nun persönlich von der Wahrheit dessen vollkommen, was uns die beiden Jünger erzählt haben!
   05] Es hat dieser Jüngling zwar vor unsern Augen noch kein Zeichen gewirkt, allein wir bedürfen dessen auch nicht, da uns die sehr weise Lehre, die er den etwas zu neugierigen Jüngern und Freunden am Tische des Herrn gegeben hat, genügt, um aus ihr zu erkennen, daß ein Jüngling, aus dessen Munde so viel Wahres und Weises hervorkommen kann, kein gewöhnlicher Mensch, sondern ein gar hoher Geist sein muß. Kennet ihr euch nun aus, was es mit jenem Jünglinge für eine Bewandtnis hat?«
   06] Sagten alle: »Ja, Freund, du hast völlig recht; also und nicht anders ist es, und wir danken dir, daß du unserem Gedächtnis zu Hilfe gekommen bist! Die beiden Jünger haben uns so vieles erzählt, daß wir des Jünglings nun gar nicht mehr gedachten; aber nun ist uns schon alles wieder klar.«
   07] Darauf erhob sich unser Raphael und ging an den Tisch der Joppeer hin, worüber diese in eine kleine Verlegenheit gerieten.
   08] Er aber beruhigte sie alsbald, indem er mit freundlicher Stimme zu ihnen sagte (Raphael): »Entsetzt euch darum ja nicht vor mir, weil ich auf eure Besprechung über mich nach dem Willen des Herrn zu euch herübergekommen bin; denn wo sich da irgend wahre Freunde des Herrn über das besprechen, was des Geistes der ewigen Liebe und Wahrheit ist, da sind auch stets die Engel des Herrn scharenweise um sie versammelt.
   09] Ich bin nun wahrlich nicht der einzige, der sich in eurer Nähe befindet, sondern noch gar viele meinesgleichen (sind hier). Machet eure Augen nur ein wenig weiter auf, und ihr werdet auf die gnädige Zulassung des Herrn es selbst sehen!«
   10] Hierauf wurde den Joppeern auf einige Augenblicke die innere Sehe eröffnet und sie erschauten wie in einem Lichtmeere zahllose Scharen von vollkommenen Geistern, und es ertönte von diesen Scharen der Engel Gottes eine mächtige Stimme wie aus einem Munde: »Glücklich, wer den Herrn, so er Ihn erkannt hat, über alles liebt und nach Seinem Worte treu handelt und lebt; denn der ist schon in seinem Fleische uns gleich, und wir sind allzeit bereit, ihm zu dienen in aller Bruderliebe!«
   11] Hierauf ward den über alles erstaunten Joppeern das Gesicht wieder benommen, da sie es vor zu großer Wonne im Fleische nicht länger hätten ertragen können.
   12] Als sie die Engel nicht mehr sahen, da sagte der Fischer: »O Freund! War das Wirklichkeit oder nur so eine Art Traum, bewirkt durch deine unbeschreibliche Schönheit? Denn noch nie habe ich eine so reizend schönste Menschengestalt gesehen, wie da ist die deine, die denen glich, die ich nun im Lichte der Himmel auf einige Augenblicke geschaut habe.«
   13] Sagte Raphael: »Freunde des Herrn, das war kein Traum, sondern, die nackteste Wahrheit, dessen ihr ganz versichert sein könnet! So ihr durch euren Glauben und ganz besonders durch die reine Liebe zum Herrn selbst im Geiste vollendeter werdet, dann auch werdet ihr das, was ihr nun geschaut habt, auch fortwährend in einem höheren Licht- und Lebensgrade gar oft und auf eine längere Zeit schauen können; für jetzt aber begnüget euch mit dem, was ihr gesehen und vernommen habt!«
   14] Sagte darauf der Fischer: »O du herrlicher Freund aus den Himmeln Gottes! Der Mensch lebt zwar schon von der Geburt an unter lauter Wundern, und er selbst ist sich noch eines der größten Wunder; aber weil die zahllos vielen Wunder ihn bleibend umgeben, so hat er sich an sie gewöhnt, achtet ihrer wenig und denkt noch weniger über sie nach, was sie sind und warum, und wer Der ist, der sie stets teils von neuem ins Dasein ruft und andere wieder länger, und wieder andere wie für ewig hin erhält, wie die Erde, ihre Länder, Berge und Ströme, Seen, Meere, den Mond, die Sonne und all die zahllosen Sterne.
   15] Aber wenn da neue Zeichen und Wunder - wie das jetzt bei der wundervollsten Gegenwart des Herrn der Fall ist, - vor den Augen der Menschen geschehen, da bekommen freilich auch die schon altbestehenden Wunderwerke des Herrn als das, was sie sind, wieder den rechten Wert, und die geweckten Menschen achten ihrer und loben und preisen den ewig großen Schöpfer solcher zahllos vielen Wunderwerke. Wir selbst schauen schon jetzt die ganze Natur mit ganz andern Augen an, als das je zuvor einmal der Fall war.
   16] Heute abend ersahen wir einmal wieder die uns schon bekannten Lufterscheinungen, die wir mit dem Namen Fata Morgana bezeichnen. Wir verstehen freilich nicht, wie und warum solche entstehen. Aber, daß auf sie bald Stürme folgen, das wissen wir aus der Erfahrung, und wir hielten sie bis jetzt für Mahnungen des Himmels, daß man sich bei ihrem Erscheinen in Sicherheit begeben soll. Es werden aber solche Erscheinungen sicher auch noch einen andern und tieferen Grund haben. So es für uns not tut, wird der Herr uns auch darüber ein Licht zukommen lassen, und tut es nicht not, so sind wir auch nicht lüstern darauf, denn von nun an walte über uns nur der Wille des Herrn! Wir danken dir für den Besuch.«
   17] Hierauf sagte Raphael: »Meine lieben Freunde und Brüder im Herrn, der unser aller Schöpfer und Vater ist von Ewigkeit, ich habe mit euch noch mehreres zu verhandeln, da es sich nun darum handelt, daß der alte, höchst blinde und dumme Aberglaube vollends verschwinde.
   18] Ihr kennet weder die Erde und noch weniger den Mond, die Sonne und all die andern Sterne. Ich bin darum zu euch herübergekommen, um euch darüber und noch über gar manches andere ein rechtes und wahrstes Licht zu erteilen; denn so jemand in den Dingen und Erscheinungen in der Naturwelt im Falschen steht, so kann er tiefere, geistige Dinge unmöglich je vollkommen fassen und begreifen. Da ihr aber nun auch berufen seid, das Wort und das Lebenslicht an andere Menschen zu übertragen, so will ich euch in die Geheimnisse der sichtbaren Naturwelt einweihen.«
   19] Über diesen Antrag Raphaels waren die Joppeer über die Maßen froh, und er stellte ihnen des leichteren und schnelleren Begreifens wegen, wie er das auch bei anderer Gelegenheit getan hatte, alles plastisch vor, worüber es am Verwundern und Überverwundern keinen Mangel hatte, und erklärte ihnen mit wenigen Worten alles auf das handgreiflichste. In einer Stunde begriffen die Joppeer alles und lobten Meine Weisheit.


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