Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 9

Kapitelinhalt 196. Kapitel: Ein Sturm und seine Entsprechung.

   01] Als sie sich in solcher Besprechung mehr und mehr erschöpft hatten, da vernahm man von außen her ein stets heftiger werdendes Toben des Windes, und es kamen zwei Schiffer des Kisjona zu uns und fragten, was sie bei solch einem Sturme tun sollten; denn das Meer treibe unerhört mächtige Wogen an das Ufer und drohe sogar - so es noch ärger werde mit dem Sturmwind, der nun plötzlich von Osten her zu wehen begonnen hatte -, sein Gewässer bis in dieses Haus zu treiben. Sie hätten die Schiffe wohl dreifach stärker denn ehedem am Ufer befestigt, hätten sich auch gläubig an Mich gewandt und um Abhilfe gebeten, aber der Sturm werde dennoch immer heftiger.
   02] Hier bat Mich Kisjona, daß Ich dem Sturme, über den Ich auch der einzige und alleinige Herr und Gebieter sei, gebieten möchte, daß er minder heftig werde und den vielen Uferbewohnern nicht einen zu empfindlichen Schaden zufüge.
   03] Sagte Ich: »Ich bin wahrlich wohl auch der Herr des Sturmes, und er würde nun nicht also gewaltig wehen, so eben Ich es nicht also haben wollte; warum aber eben Ich das so haben will, das wird euch in einer Stunde schon noch ganz klar werden!
   04] Laß darum den Sturm nur immerhin seine Pflicht und Schuldigkeit tun; er wird deinen Schiffen keinen Schaden zufügen, und deine Schiffer sollen keine Furcht vor ihm haben, so er auch noch heftiger wird. Des Sees Wasser wird er dennoch nicht weiter als jetzt über die Ufer treiben. Laß aber den Schiffern etwas Brot und Wein geben, und sie werden dann schon mutiger dem Sturm ins Antlitz schauen, als das nun der Fall ist!«
   05] Das geschah denn auch alsbald, und die beiden Schiffer bekamen etliche Krüge Wein und ebenso auch etliche Laibe Brot und trugen es zu Ihren Gefährten, die sich in der am Ufer erbauten Schifferhütte befanden. Als diese eine solche Labung vor sich hatten, da machten sie sich aus dem Sturm auch nicht mehr gar so viel.
   06] Es fragten sich untereinander alle die Anwesenden, was etwa doch dieser Sturm zu bedeuten habe, und was er bewirken werde.
   07] Unser Philopold wandte sich sogar an den ganz ruhig am Tische sitzenden Raphael.
   08] Dieser aber sagte (Raphael): »Freund, so es des Herrn Wille wäre, würde ich es dir wohl sagen; aber das ist nun noch nicht Sein Wille, und so kann ich jetzt deinem Wunsche auch noch nicht entsprechen! In ein paar Stunden Zeit aber wird sich diese Sache vor euren Augen schon von selbst aufzuhellen anfangen.
   09] Es hatte aber der Grieche bei seiner ganz richtigen Erklärung der Luftspiegelung auf dem Berge ja ohnehin beigesetzt, daß nach derlei seltenen Erscheinungen, die stets einer großen Ruhe der Luft bedürfen, stets und bald bedeutende Stürme sowohl in der Luft als auch im Wasser folgen, und siehe, er hat da in weltnatürlicher Hinsicht auch vollkommen recht geurteilt, weil er das schon mehrere Male erfahren hat.
   10] Warum aber urgründlich der Herr derlei Erscheinungen werden und kommen läßt, das ist freilich eine ganz andere Frage, die ich dir aus dem schon gesagten Grunde noch nicht beantworten kann und darf.
   11] Siehe aber an das Gemüt eines Menschen, das oft in eine völlig sorglose Ruhe versinkt, bei der sich der Mensch ganz glücklich und selig fühlt! Aber je ruhiger, sorgloser, glücklicher und seliger sich ein Mensch irgend eine kurze Zeit lang gefühlt hat, desto stürmischer wird es darauf bald in seinem Gemüte zu werden anfangen, wenn dasselbe anfänglich nur ein wenig durch irgend etwas Unbehagliches in seiner süßen Ruhe gestört worden ist.
   12] Ein Mensch aber, dessen Gemüt stets mit allerlei Stürmen zu kämpfen hat, macht sich aus abermaligen irgend neu auftauchenden Stürmen wenig und behält leichter seine Fassung und bei allen Vorkommnissen die nötige Ruhe.
   13] Wäre es heute den ganzen Tag, vom Morgen angefangen bis zum vollen Abend hin, in der ganzen Natur etwas unruhiger hergegangen, als das der besonders naturruhige Fall war, so hätten Kisjonas Schiffer auch keine solche Angst vor den hochgehenden Wegen bekommen. Diese haben sie nun aus ihrer vollen, ganztägigen Ruhe aufgeweckt, und sie wußten sich nicht mehr zu helfen, jetzt aber ist ihr Gemüt schon mitstürmisch geworden, und sie haben darum nun auch schon beinahe gar keine Angst mehr vor den hochgehenden Wogen.
   14] Und siehe, Freund, das ist auch eine gute Lehre für alle jene, die sich gerne der gewissen süßen und sorglosen Trägheit ergehen! Wer stets tätig ist, dem genügt leicht eine kleine Ruhe zur Stärkung seines ganzen Wesens; und ist er gestärkt, so sehnt er sich gleich wieder nach der Tätigkeit und findet nur in ihr sein wahres Behagen.
   15] Wer aber die Tätigkeit scheut und sich nur in einer stets zunehmenden tätigkeitslosen Trägheit glücklich und selig fühlt gleich den vollgemästeten Pharisäern und andern reichen Müßiggängern, der wird in eine völlige Raserei verfallen, so seine ihn so selig stimmende Trägheit nur im geringsten irgend bedroht wird.
   16] Daher hat der Herr aber auf dieser Erde denn auch allerlei Wesen, Dinge und Erscheinungen verordnet, durch die die trägheitssüchtigen Menschen stets aus ihrer arbeitsscheuen Ruhe aufgerüttelt werden und sie auch erkennen müssen, daß erstens nicht sie - wie sich das die trägen Reichen oft nur zu gewaltig einbilden - die Herren der Welt und all der Wesen und Dinge auf und in ihr sind, sondern der gewisse Jemand Andere, den derlei Menschen freilich nicht kennen und von Ihm auch nicht irgend etwas Wahres erfahren wollen, wie ihr das an den vielen Pharisäern und andern Juden nur zu wohl beobachten könnet.
   17] Sehet, dieses von mir nun zu euch Gesagte ist einer größeren und tieferen Beachtung wert, als gleich zum voraus zu erfahren, was dieser Sturm zu bedeuten hat!«


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