Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 9

Kapitelinhalt 193. Kapitel: Gründe der geistigen Überlegenheit der Heiden über die Juden.

   01] Sagte einer aus der Zahl der bekannten Judgriechen aus Jerusalem, der ehedem ein Schriftgelehrter war: »Eure Ansicht über diese Sache, obschon dem Weltverstande so ziemlich annehmbar vorkommend, scheint mir denn doch ein wenig zu naturgemäß zu sein, da sie jedes geistigen Hintergrundes entbehrt.
   02] Wir sahen ja auch nicht nur Gegenden, Orte, Berge und das große Meer mit seinen vielen Schiffen, sondern auch die Sonne mit einigen Wölkchen, die um sie schwebten. War denn diese auch nur ein pures Abbild auf dem von euch recht wohlbeschriebenen Luftspiegel?«
   03] Sagte der eine der beiden Griechen: »Du scheinst ehedem, als der Geist, namens Raphael, uns die Erde, den Mond und die Sonne genau dargestellt hat und so auch alle die Verhältnisse dieser Weltkörper zueinander, eben nicht besonders aufmerksam gewesen zu sein. Vielleicht hast du bei seinen Erklärungen etwa auch einen zu geringen geistigen Hintergrund entdeckt?
   04] So der Untergang der Sonne, des Mondes und aller Sterne nur dadurch bewirkt wird, daß unsere Erde als eine große Kugel sich in etwa 24 Stunden und etwas darüber von Westen nach Osten um ihre Achse dreht, so muß ja die Sonne scheinbar auch stets tiefer unter unseren sichtbaren Horizont zu stehen kommen. Da aber der Luftspiegel sicher sehr hoch über unseres Westhorizontes Berge zu stehen kommt, so wird er die in solcher Höhe sicher noch um eine Stunde länger sichtbare Sonne als Abbild auf seiner Fläche ebensogut wiedergeben können wie alle andern tiefer liegenden Dinge. Verstehet ihr solches?«
   05] Die Judgriechen sahen einander groß an, und der Schriftgelehrte sagte: »Es ist nahezu ärgerlich, daß uns die Heiden nicht nur physisch beherrschen, sondern auch geistig; denn sie überflügeln uns bei allen Gelegenheiten mit ihrem Verstande, mit ihren Kenntnissen und Wissenschaften und vielfachen Erfahrungen hoch, und wir können ihnen keine Gegenrede stellen, die so beschaffen wäre, daß sie uns dieselbe nicht widerlegen könnten.
   06] Zwar hat weder der Herr noch Raphael über diese Erscheinung eine Erklärung gegeben; aber, wie ich die Sache nun beurteile, so wird der Grieche ganz sicher recht haben!«
   07] Sagte nun Ich: »Da hast du einmal auch richtig geurteilt, so du dem Griechen sein Recht zuerkennest; denn er hat nach dem, was er selbst von einem helldenkenden Naturkundigen hier angeführt hat, diese Erscheinung ganz richtig beurteilt, und was nach ihr bald folgen wird nach seiner Anzeige, davon werden wir in ein paar Stunden den Beweis bekommen.
   08] Weißt du als ein Schriftgelehrter denn noch nicht, wie es in der Schrift also geschrieben steht: "In jener Zeit wird den Juden die Macht und das Licht genommen und den Heiden gegeben werden"?
   09] Und sieh, auf Grund dessen herrschen nun die Heiden über euch und übertreffen euch an Verstand und allen Künsten, Kenntnissen und allerlei Wissenschaften himmelhoch und werden euch, so ihr nicht vollkommen in Meiner Lehre verbleiben und nach ihr leben und handeln werdet, noch mehr und über alle Maßen gänzlich übertreffen und in Staub zertreten das ganze, große Gelobte Land. Das schöne, große Jordantal mit seinen vielen Städten, Flecken und Dörfern wird zu einer Wüste werden, in der neben Dieben und Räubern wilde Tiere wohnen werden.
   10] Ich bin gekommen in diese Welt und als Selbstjude zu euch Juden, um euch zu retten aus jeglicher Not; zählet aber die Juden, die an Mich glauben, - wie klein und gering ist ihre Zahl gegen die, so Mich hassen und allenthalben verfolgen! Zählet aber nun die Heiden, die von nah und fern stets hierher kommen und mit vieler Freude Meine Lehre annehmen und Mich auch als Den, der Ich bin, bald und leicht anerkennen und Mich gleich über alles lieben!
   11] Und so liegt es ja auch handgreiflich vor euren Augen, wie und warum die Macht und das Licht den Juden genommen und den Heiden gegeben wird.
   12] Es wird zwar in der Folge das Licht auch unter den Heiden sehr getrübt und verfinstert werden. Sie werden sich wohl mit großem Pomp Meine Gesalbten nennen und hochpreisen lassen, aber in der Tat werden sie um vieles ärgere Heiden sein als nun die Römer, Griechen und andere Heiden von ganz Europa.
   13] Doch selbst unter solchen Heiden wird es stets eine Menge geben, die in Meiner Lehre verbleiben werden und sich von der Welt und ihren flüchtigen Reizen nicht blenden und verlocken lassen.
   14] Zählet aber nun die Juden, wie viele es etwa gibt, die sich von dem Mammon dieser Welt nicht haben verführen und verlocken lassen! In allen Städten Galiläas, Judäas, Palästinas, Kanaans und Samarias und noch anderer Landschaften werdet ihr nicht hundert finden, die von alters her die Wahrheit nach Moses und den Propheten im Herzen und in der Tat befolgt und bewahrt haben. Nur in dieser Zeit hat sich eine größere Anzahl durch Meine Lehre wieder zur alten Wahrheit zurückgewandt, und das zumeist nur aus der Klasse der Armen.
   15] Vergleiche Ich aber die große Zahl der bekehrten Heiden aus allen Teilen und Gegenden der Erde, so ist diese schon jetzt um tausend Male größer als die der Juden, unter denen Ich in diese Welt kam und nun unter ihnen als ein wahrstes und hellstes Licht umherwandle und sie allenthalben laut rufe, daß sie alle zu Mir kommen sollen.
   16] Wenn aber nun vor euren Augen und Ohren solches geschieht, wie verwundert ihr euch denn nun in eurem Gemüte geheim, so Ich sage der Wahrheit nach, daß die Macht und das Licht den Juden genommen und den Heiden gegeben werden wird, und daß es am Ende selbst unter den überaus verfinsterten Christheiden dennoch immer viele geben wird, die bei der Urwahrheit verbleiben werden und sich von der Welt nicht also betören lassen?« -


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