Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 9

Kapitelinhalt 182. Kapitel: Weg zur Rettung materiell gewordener Seelen.

   01] (Jesus:) »Aber wenn eine Seele, so sie die reine Lehre erhalten hat und die Wahrheit auch wohl begreift, sich denkt: "Ah, nun weiß ich, was ich Rechtens zu meinem Heile zu tun habe; aber bevor ich noch danach völlig tätig werde, will ich denn doch auch von den Reizen und Süßigkeiten dieser Welt, weil sie mir geboten sind, eine kurze Zeit nur genießen; denn da ich nun die Wege zur geistigen Vollendung klar und genau kenne, so wird es ja nicht gerade auf die bestimmte Zeit ankommen, wann ich sie dann vollernstlich betreten will, betrete ich sie, so werde ich dann auch sicher vorwärts kommen!" siehe, Freund, da fängt die Seele an, die Reize und Süßigkeiten der Welt zu verkosten und dann auch bald in vollen Zügen zu genießen und verleiht dadurch der Materie ihres Fleisches ein bedeutendes Übergewicht, das ihre klare Einsicht in die Dinge des Geistes nur sehr schwer und oft auch gar nicht mehr zu überwinden imstande ist.
   02] Weil sich aber eine solche Seele infolge ihres ersten Aberwitzes nach und nach immer mehr und mehr in die Materie versenkt, so wird auch die ursprüngliche rein geistige Erleuchtung stets matter und matter. Die Seele verfällt in allerlei Zweifel und findet es in ihrer materiellen Trägheit gar nicht mehr so recht der Mühe wert, sich aufzurichten und doch wenigstens auf eine kurze Zeit von nur einigen Tagen oder Wochen einen ernsten, sich selbst verleugnenden Versuch zu machen, um sich zu überzeugen, ob an der aus den Himmeln geoffenbarten Lehre zur Gewinnung des inneren, wahren Lebens denn doch irgend etwas sei.
   03] Ja, Freund, wenn solch eine durch ihren höchsteigenen Aberwitz einmal träge gewordene Seele dann auch Menschen um sich sieht, die durch ihren anfänglichen Eifer sich zur inneren Lebensvollendung emporgeschwungen haben, so macht das auf sie dennoch keine erhebliche Wirkung und bestimmt sie nicht zur Selbsttätigkeit. Sie läßt sich wohl, wenn sie gerade gut aufgelegt ist, von den geweckten Nebenmenschen die Wunder des Geistigen im Menschen vorerzählen, und es wird in ihr auch dann und wann der Wunsch rege, selbst das zu sein, was die Vollkommenen sind, aber gleich darauf wirken die schon genossenen und noch zu genießenden Reize dieser Welt gleich so mächtig auf sie ein, daß sie ihnen nicht widerstehen kann, und sie denkt dabei: "Ja, was Schlechtes tue ich damit denn doch nicht, wenn ich auch nicht sogleich mich völlig umkehre! Dies und jenes will ich in dieser Welt doch noch eher sehen und probieren, und es wird mir dann ja etwa doch noch so viel Zeit übrigbleiben, in die Fußstapfen der Vollendeten zu treten."
   04] Und siehe, also denken, beschließen, simulieren und kalkulieren dann noch mehr die Nachkommen solcher in sich lau und träge gewordenen Menschen, werden im Geiste ganz finster und auch böse, so man sie an das nur erinnert, was sie als Menschen zur Gewinnung der inneren Lebensvollendung tun sollen.
   05] Und so wächst und wuchert dann von einem Lebensalter der Menschen zum andern das Unkraut der Nacht der Seelen infolge ihrer stets wacher werdenden Weltgenußsucht und zunehmenden Trägheit derart, daß Mir dann nichts anderes übrigbleibt, als solche Menschen mit allerlei Plagen und Gerichten heimzusuchen, um ihnen das Nichtige und Arge ihrer Weltbestrebungen an ihnen selbst fühlbar zu machen.
   06] Sind sie durch allerlei bitterste Erfahrungen dahin gebracht werden, daß sie selbst einen wahren Ekel vor der Welt und ihren nichtigen Lustreizen zu bekommen anfangen, dann erst ist es wieder, so wie nun, an der Zeit, ihnen durch neue Offenbarungen aus den Himmeln die Wege zum Lichte des Lebens zu zeigen, auf denen dann viele mit allem Eifer wandeln werden; aber noch um vieles mehrere zu tief in die Nacht des Gerichtes und Todes der Welt Versunkene werden dennoch bleiben und alle verfolgen, die sie zum Leben des Geistes werden erwecken wollen, auf so lange hin, bis die über sie zugelassenen Gerichte sie von der Erde, wie die Stürme die Spreu, hinwegfegen werden.
   07] Ja, Freund, von Mir aus ist das Verhältnis zwischen Geist, Seele und Leib schon bei jedem Menschen ein vollkommen genaust abgewogenes; nur der Aberwitz der Menschen, diese alte Erbsünde, hat das gute Verhältnis zu einem schlechten gemacht.
   08] Siehe an die alte Sage von eurem Prometheus und seiner selbstgeschaffenen Tochter Pandora! Wer ist denn die Pandora?
   09] Siehe, es ist das, entsprechend bildlich dargestellt, der Aberwitz und die Neu- und Weltgenußsucht des Menschen, durch die er dann an die harte Materie gefesselt wird! Wenn auch von Zeit zu Zeit ein Adler zu ihm von den Himmeln kommt und ihn gewaltig mahnt, sich von der Materie loszumachen, so fruchtet das wenig; denn kaum ist der Adler auf einige Zeit dahin, so ist in der Seele solch eines Menschen die Leber, als das Symbol seiner Weltgelüste, schon wieder voll angewachsen, und der Himmelsadler kann sie von neuem wieder zu verzehren anfangen. Verstehst du dieses gute Bild?
   10] Siehe aber daneben hin, was Moses selbst in einem helleren Bilde von dem ersten Menschenpaare spricht, und du wirst darin ganz dasselbe finden!
   11] Wenn aber also, siehe, da bin nicht Ich schuld an der Verschlimmerung der Menschen darum, weil Ich in die Seele eine kleine Vorneigung zur Welt legte, ihr aber zugleich auf der andern Seite ein volles Licht aus den Himmeln zukommen ließ, mit dem sie mit leichter Mühe die kleine Vorneigung zur Welt besiegen kann. Verstehest du, Freund, solches?«
   12] Auf diese Meine Belehrung, die auch alle andern aufmerksamst angehört hatten, dankte Mir der Römer und auch alle die andern bis auf den einen, dem Mein Zeugnis nicht mundete.


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