Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 9

Kapitelinhalt 181. Kapitel: Haupthindernisse des geistigen Fortschrittes.

   01] Sagte Ich: »Ja, du Mein Freund, unter den Menschen deinesgleichen ginge dein Urteil schon an; aber hier geht es nicht gar so wohl an, wie du es meinst!
   02] Hast du aus dem Munde Raphaels denn nicht vernommen - als sich alle für die von ihm gemachten großen Enthüllungen in bezug auf das Wesenhafte des Reiches Gottes inniglichst bedankt haben -, wie er einem Meiner ältesten Jünger, der schon beim Beginne Meiner Lehrzeit bei Mir war und noch ist, eine wohlverdiente Rüge hat zukommen lassen? Der Jünger hat alles gesehen und gehört, und doch gilt ihm die Welt mehr als alle die vernommenen Wahrheiten!
   03] Kann er sich über das Unverständliche Meiner Lehre, ob sie aus Meinem höchsteigenen Munde oder aus dem Munde eines Meiner Engel kommt, beklagen? Oh, mitnichten! Er versteht alles; aber wo ist sein irdisch gewinnsüchtiger Wille bereit und fertig zur rein geistigen Tat?
   04] Wie aber der besagte Jünger beschaffen ist aus seinem freien Willen, ebenso sind viele Tausende beschaffen. Vor wie vielen Menschen habe Ich Selbst gelehrt auf dem offenen Felde, auf den Straßen, in den Städten, Flecken, Häusern, auf dem Meere, auf den Bergen, im Tempel und in den Wüsten und habe dabei, um den Blinden die Augen zu öffnen, stets große, nie erhörte Zeichen gewirkt; gehe hin und forsche nach, wie wenige sich von allen, die Mich gehört und gesehen, wahrhaft bekehrt haben!
   05] Und siehe, wie es nun ist, also war es und wird es auch in der Folge sein; denn ein jeder Mensch hat frei seine Liebe, seinen Willen und seinen Verstand! So er mit dem Verstande auch die volle Wahrheit begreift, so sieht er aber mit seinen begierlichen Augen dennoch auch die Welt mit ihren vielen Reizen, von denen sich sein Herz nicht trennen kann und mag, weil sie seinem Fleische sicher mehr zusagen als die geistigen, die sein sinnliches Auge nicht schauen und sein Fleisch nicht fühlen kann.
   06] Dazu ist dem Menschen auch die Trägheit sehr eigen. Er macht sich wohl oft einen guten Vorsatz um den andern; aber so er ihn zur vollen, tatsächlichen Ausführung bringen sollte, dann fängt sein träges und genußgieriges Fleisch an, sich dagegen zu sträuben, und zieht auch die Seele in den Schwerpunkt seiner Trägheit und Sinnlichkeit hinab. Was nützt nun der Seele die Klarheit in den Dingen des Geistes, so sie sich nicht selbst verleugnen und vollernstlich die Wege betreten will, auf denen sie zur vollen Einung mit Meinem Geiste in ihr gelangen könnte?!
   07] Du denkst dir nun freilich in deinem Herzen und sagest in dir: "Herr, warum aber umhülltest Du der Menschen Seele mit solch einem Fleische, das für ihre geistige Vollendung nur schlecht taugt?"
   08] Ich aber sage dir, daß Ich allein das wohl sicher am allerbesten und klarsten einsehe, wie eine Seele zum Behufe ihres kurzen, diesirdischen Probelebens in ein rechtes Gleichgewicht zwischen die Welt der Materie und jene der reinen Geister zu stellen ist, damit eben dadurch die volle Freiheit ihrer Liebe und ihres Willens bedungen wird.
   09] Daß für eine jede Seele die Materie ein gewisses Übergewicht haben muß, das ist darum also verordnet, auf daß die Seele dadurch genötigt wird, tätig gegen das kleine Übergewicht der Materie zu werden, um so von der Freiheit ihres Willens den rechten Gebrauch machen zu können; um aber das tun zu können, ist ihr die Lehre zu allen Zeiten klar aus den Himmeln gegeben, welche die Seele in eine vollkommene Freischwebe zwischen Geist und Materie stellt.
   10] Wenn die Seele sich dann nur einige Mühe geben will, sich tatsächlich ins Geistige zu erheben, da bekommt das Geistige aber auch alsogleich ein mächtiges Übergewicht, und die Seele erhebt sich mit großer Leichtigkeit über das Gewicht der Trägheit der Materie ihres Fleisches und dringt in das Leben des Geistes in ihr.
   11] Hat sie das mit wenig Mühe getan, so kann ihr dann die Schwere der Materie ihres Fleisches kein Hindernis zum Fortschreiten zur möglich höchsten Lebensvollendung in den Weg legen; und gelangt sie auf dem leichten Wege ihres Fortschreitens auch noch dann und wann auf kleine Steine des Anstoßes, so kostet es sie nur eine höchst geringe Mühe, sie aus dem Wege zu räumen.«


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