Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 9

Kapitelinhalt 142. Kapitel: Jesus über die Tätigkeit der Seele.

   01] Sagte darauf ein anderer aus der Zahl der Fischer: »O Herr und Meister, Du sagtest, daß es da keiner Seele etwas nütze, so sie gleich bei ihrem Eintritt in diese Welt sich in aller inneren Klarheit befände, weil sie für uns nun wohlbegreiflichermaßen in alle Trägheit und vollste Untätigkeit verfiele; denn so jemand etwas Kostbares verloren hat, da wird er es sicher so lange suchen, bis er es möglicherweise wiederfindet, - und so sucht die Seele denn das durch ihre trüben Außensinne verlorene innere Klarlicht. So sie aber diesen höchsten Lebensschatz wird gefunden haben, wie wird es dann mit ihrer ferneren Tätigkeit aussehen? Denn so ein Mensch das, was er verloren hatte, glücklicherweise wiedergefunden hat, so hat dann sein Suchen und somit seine Tätigkeit doch sicher ein Ende! Und so dürfte dann eine Seele, so sie durch ihre Suchtätigkeit das im Vollmaße gefunden hat, was sie gesucht hatte, dann ja wieder in alle Trägheit und Untätigkeit versinken; wenn aber das, da wäre sie als ein völlig untätiges Wesen ja von neuem wieder wie tot, und das könnte ihr wahrlich zu keiner besonderen Seligkeit dienlich sein. In diesem Stücke, o Herr und Meister, bin ich noch etwas im unklaren.«
   02] Sagte Ich: »Freund, weil eben im klarsten Schauen und Erkennen die wahre Lebensseligkeit nicht besteht, sondern nur in der stets zu steigernden Liebtätigkeit, darum muß denn auch eine jede Seele sich diese zuvor zum einzigen Lebenselemente machen, ohnedem sie niemals zur inneren Lebensklarheit gelangen kann; denn die Liebtätigkeit ist ein inneres Lebensfeuer, das durch seine stets zunehmende Regewerdung zu einer hell leuchtenden Flamme werden muß.
   03] Ist aber dieses Lebenselement in der Seele vollwach geworden, so daß die Seele also selbst ganz zu diesem Lebenselement wird - was soviel sagen will als: der ganze Mensch ist im Geiste neu- und also wiedergeboren -, dann bleibt die Seele trotz ihrer inneren Klarheit, die eine Folge der bis auf die möglich höchste Stufe gesteigerten Liebtätigkeit ist, auch stets im möglich höchsten Grade tätig, und ihre Seligkeit und ihre Klarheit steigert sich nach den Graden ihrer Liebtätigkeit und nicht nach den Graden ihrer Klarheit, zu der sie ohne die Liebtätigkeit ohnehin nie und niemals gelangen kann; denn es ist das schon von Ewigkeit her von Gott also verordnet, daß kein Geist und keine Menschenseele ohne eine entsprechende Tätigkeit je zum Lichte gelangen kann.
   04] Wie erzeugen die Menschen aber auf dieser Materiewelt das Licht? Siehe, sie reiben entweder Holz mit Holz oder Stein mit Stein so lange, bis es Feuerfunken von sich zu geben anfängt! Die Feuerfunken fallen auf leicht entzündbare Gegenstände, die zu bleibender Glut werden. Ist die Glut einmal in einem hinreichenden Maße vorhanden, und kommen mit ihr brennbare Gegenstände - wie Holz, Stroh oder das gewisse schnell entzündbare Harz, mit Schwefel und Naphtha gemengt - in Berührung, so wird alsbald eine helle Flamme emporlodern, und es wird licht werden in ihr selbst und um sie nach allen Richtungen.
   05] Wäre ohne eine vorangehende Tätigkeit wohl je eine Glut und aus dieser eine leuchtende Flamme, die durch ihre sichtbar regste Bewegung selbst den höchsten Grad der Tätigkeit an den Tag legt, entstanden?
   06] Siehe, also zeigt es sich schon in der toten Materiewelt, daß zum Feuer- und Lichtmachen eine gewisse Tätigkeit vorangehen muß! Und so muß denn zum Lichte des Lebens der Seele um so mehr eine gewisse Tätigkeit vorangehen; durch diese wird die Liebe erweckt, die da ist das Lebenselement, und aus ihrer gesteigerten Tätigkeit entsteht dann erst das Licht in der Seele, das ist die Weisheit, die sich und alle Dinge aus sich erkennt, beurteilt und ordnet.
   07] Siehe, Freund, also stehen die Dinge des Lebens der Seele und ihrer inneren Erkennungsklarheit, und du hast demnach nicht zu befürchten, daß je eine selige Seele ihrer gottähnlichen Weisheit zufolge jemals träge und untätig werde, weil eben die Weisheit einer Seele hier und noch mehr jenseits stets die Folge ihrer Tätigkeit ist; würde oder könnte diese je aufhören, so würde bei der Seele auch die Weisheit und die innere Lebensklarheit aufhören. - Hast du dieses nun verstanden?«


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