Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 9

Kapitelinhalt 98. Kapitel: Der Wirt und Judas Ischariot.

   01] Der Wirt sagte zu ihm ((Nota bene, Ich will euch Neusalemiten das ein wenig umständlicher kundtun)): »Freund, du bist ein Jünger des Herrn und bist von Profession, insoweit ich dich vermöge deiner stets allerschlechtesten Töpferprodukte nur zu gut kenne, also auch nichts anderes als ein Töpfer! Wie aber du in die Gesellschaft dieses Herrn und Meisters, also so gut wie in die vollendetste Gesellschaft Gottes des Herrn, gekommen bist, darüber würde uns auch der Erzengel Michael selbst die Antwort vollends schuldig bleiben!«
   02] Sagte Judas Ischariot: »Ja, Freund, du hast recht, gegen mich eine solche Rede zu erheben! Ich bin ein Töpfer wohl, und bin wahrlich nicht unbewandert in der Schrift! Moses und die Propheten habe ich trotz eines Schriftgelehrten im kleinen Finger und weiß es sicher recht wohl, in wessen Gesellschaft ich mich befinde. Ich reise wahrlich nicht mit, um etwas Weltliches zu gewinnen - was bei den obwaltenden Weltverhältnissen doch jedermann gestattet sein sollte -, sondern allein des Erfolges wegen, ob der Prophet Jesajas in seinen Weissagungen wohl keine Unwahrheit geredet und geschrieben hat! Denn auch ich bin, obwohl der Kunst nach ein Töpfer, ein Schriftgelehrter und fand nach meiner stets mehr stillen Beobachtung an diesem wahren Gottmenschen alles als vollkommen wahr bestätigt, was der genannte Prophet und auch die andern Propheten von Ihm geweissagt haben.
   03] Ich habe aber auch noch ein gutes Gedächtnis und weiß um ein jedes Wort, was eben der Herr wider mich schon bei mehreren Gelegenheiten geweissagt hat. Kurz und gut, ich bin ein Teufel in der Gesellschaft der Jünger des Herrn, den ich als das auch trotz jedes andern anerkenne; denn die Zeichen, die Er wirkt, hat noch niemals ein natürlicher Mensch gewirkt. So ich aber das gleich allen andern anerkenne und fest glaube, da frage ich: Warum bin ich denn ein Teufel?
   04] Gut, so ich einer bin, so bin ich einer und muß auch einer sein! Wenn man aber schon einmal etwas sein muß, was man im Grunde nie hat sein wollen, bin ich an all dem dann wohl Schuldträger? Kurz und gut, die Sache wird mir nun auf einmal zu toll und zu bunt! Ich bin nun schon bei zweiundeinhalb Jahren gleich allen andern ein erster Jünger des Herrn, und ich muß zu einem Teufel der Hölle werden! Aber nein, das geschieht aber nun ganz und gar nicht; denn ich weiß es nun wohl, was auf der ganzen Erde ich zu tun habe, am kein Teufel zu werden.
   05] Ja, in der Zeit, als der Herr mir ein solches Zeugnis gab, war ich vor Ihm auch sicher das; denn Er allein prüfet der Menschen Herz und Nieren. Er wußte es demnach auch, wie es mit mir stand, und Er wird es auch wissen, wie es nun mit mir steht. So Ich in Seine Gesellschaft nicht tauge, so hat Er auch der Macht in der höchsten Genüge, mich auf der Stelle zu entfernen. Er allein ist der Herr und kann tun, was Er will, und niemand kann zu Ihm sagen: »Herr, warum tust Du das?«; aber von einem Menschen, vollends meinesgleichen, lasse ich mich wahrlich ungern zurechtweisen! Denn ein jeder Mensch hat seine Schwächen und hat mit sich zu tun zur Genüge, um in die rechte Ordnung zu gelangen, und soll, solange er noch mit seinen eigenen Schwächen zu kämpfen hat, seinen Nächsten in Ruhe lassen und sich nicht über dessen Fehler lustig machen, nicht ihn vor der Welt verkleinern.
   06] Ich kenne Moses und die Propheten und kenne nun auch die Lehre des Herrn, in der alles bestätigt wird, was alle die Propheten von Adam, Sehel und Henoch an von Dem, der nun unter uns sitzet, geweissagt haben, und so denn weiß ich auch, was ich zu tun und zu lassen habe. Ich möchte nur das wissen, warum ich stets unter uns Jüngern des Herrn als ein letzter zumeist mit unfreundlichen Augen angesehen werde, als wäre ich im vollen Sinne des Wortes ein Teufel unter ihnen!«
   07] Sagte der Wirt nun: »Freund, du bist nun wohl über mich am meisten nur deshalb erregt worden, weil ich in meinem Frohsinn dich gefragt habe, wie es denn gekommen ist, daß auch du ein bleibender Jünger des Herrn geworden bist! Ich habe dich darum nicht irgend in etwas zurechtweisen wollen und wußte auch von dem durchaus nichts, daß dich der Herr irgendeinmal mit einem Namen bezeichnete, den ich selbst nicht wieder aussprechen will. Ich drückte nur meine Verwunderung darum über dich aus, weil ich dich ehedem in deinem bürgerlichen Handeln und Walten dahin nur zu gut gekannt habe, wie du trotz deiner Schriftgelehrtheit es mit der Haltung der Gebote Gottes eben niemals zu genau und strenge genommen hast.
   08] Wenn man mit dir redete, da wußtest du wohl alles besser als irgend ein anderer; aber so man dich deines oft wohl sehr unlöblichen Handelns wegen befragte, ob du selbst wohl das auch als eine unbestreitbare Wahrheit glaubest, da sagtest du: »Gott hat nie jemand gesehen, noch gehört Seines Mundes Stimme, aber Menschen von verschiedenen Talenten und Fähigkeiten hat es zu allen Zeiten gegeben; und Moses und alle Propheten waren auch nur Menschen, mit denen wir selbst niemals geredet haben. Was sie gelehrt und aufgezeichnet haben, war gut für ihre Zeiten; aber die Zeiten haben sich bis auf uns herab gewaltig geändert und wir und unsere Bedürfnisse in und mit ihnen, und so taugen für uns denn Moses und die Propheten in gar vielen Stücken nicht mehr. Und wer das aus den selbstgemachten Erfahrungen nicht anerkennt, der betrügt sich selbst, indem er um die Erreichung des einst zu erwartenden Himmels, von dem man nicht die geringste Gewißheit hat, sein Erdenlebensglück mit den Füßen zertritt!« Siehe, Freund, daß auch ich noch ein gutes Gedächtnis besitze!
   09] Ich kenne dich also gar wohl, und deine Lebensgrundsätze sind mir nicht fremd geblieben, und eben das hat denn auch meine Verwunderung über dein Verweilen in dieser allerhöchst geehrtesten Gesellschaft hervorgerufen; denn du warst in deinem Glauben schon ein vollkommener Sadduzäer und hast dir auch die Hundsweisheit der Griechen zu eigen gemacht, von der du oft sagtest, daß sie der Natur des Menschen am meisten zusagen möchte, so man schon als ein Kind nach ihr gebildet werden würde.
   10] Sage du nun selbst, ob es mich nicht wundernehmen solle, daß auch du ein bleibender Jünger des Herrn geworden bist und dein früheres Geschäft aufgegeben hast, das dir viel Geld eintrug, obschon deine Geschirre niemals die besten waren, warum, das wirst du als Sachverständiger wohl am besten wissen! Aus dem aber geht doch klar hervor, daß ich niemals die Absicht hatte, dich irgend verkleinern und noch weniger zurechtweisen zu wollen.
   11] Warum du dich selbst aber stets als einen Letzten unter den Jüngern des Herrn ansiehst und betrachtest, das ist deine Sache; ich merke aber hier wahrlich nicht, daß dir vor den andern Jüngern irgendein minderer Rang zugedacht ist.
   12] Aber das ist so meine Meinung, daß solche Gedanken nur in eines solchen Menschen Gemüt entstehen können, der, in sich von einem gewissen Hochmutsdünkel getrieben, stets gerne lieber ein Erster und Angesehenster in dem, was er bekleidet, sein möchte, als irgendein Letzter und Untergeordneter. Ein Mensch aber, der schon überglücklich ist, in solch einer Gesellschaft der Letzte der Letzten und der Diener der Diener des Herrn sein zu können, wird sich sicher niemals darüber beklagen und in sich darob auch keine geheime Kränkung empfinden, weil er sich in der Gesellschaft als ein Letzter betrachtet!
   13] Soweit ich nun den Sinn der Lehre des Herrn erkenne, über die ich mit dem Kisjonah und mit dem Philopold von dem benachbarten Orte Kane an der in unser Land stark einmündenden Landspitze von Samaria vieles gesprochen habe, wie auch erst vor ein paar Wochen mit zwei von Jerusalem ausgesandten Jüngern, die ich in Kapernaum antraf, so ist eben der Sinn der Lehre die vollste Demut, Sanftmut und Selbstverleugnung, ohne welche Gemütseigenschaften keine wahre und reinste Liebe zu Gott und zum Nächsten denkbar ist.
   14] Ein Mensch aber, der noch durch die Schwächen seiner Nebenmenschen gekränkt und beleidigt werden kann, ist noch nicht auf jenen wahren Lebenspunkt gedrungen, auf dem der Herr von ihm sagen möchte oder könnte: »Siehe, das ist der Mann nach Meinem Herzen!«
   15] Ich habe dir jetzt meine Meinung offen mitgeteilt, und das darum, weil du mich dazu genötigt hast; nun kannst du wieder deine Bemerkungen machen, so du dagegen welche machen kannst!«
   16] Judas Ischariot fühlte sich durch die höchst kluge Rede des Wirtes sehr getroffen und wußte zuerst nicht, was er ihm hätte entgegnen sollen.
   17] Nach einer Weile erst sagte er: »Ja, ja, du sollst recht haben; denn wahrlich, du bist in den Geist der Lehre tief eingedrungen! Aber so der Herr zu dir nun sagte: »Du bist ein Teufel!«, wie würde dir solch ein Zeugnis aus Seinem Munde schmecken?«
   18] Sagte der Wirt: »Freund, so der Herr mir ein solches Zeugnis gäbe, so würde ich zu Ihm in meinem Herzen sagen: »O Herr und Meister des Lebens, ich danke Dir, ganz zerknirscht vor Deiner Herrlichkeit, daß Du mir gezeigt hast, ein wie großer Sünder ich noch vor Dir bin; ich bitte Dich aber, erweise mir die Gnade und Barmherzigkeit und treibe den Teufel des Hochmutes, der Lüge und des Betruges und der schnöden Selbstsucht aus mir, und erfülle mich mit dem Geiste der wahren Demut, Sanftmut, Selbstverleugnung, der wahren Liebe zu Dir und mit uneigennützigster Liebe zum Nächsten!« Und ich glaube, daß der Herr mir auch solche Gnade zu erweisen sicher nicht vorenthalten würde, so eine solche Bitte aus dem vollsten Ernste meines Lebens hervorginge.
   19] Und nun wende ich mich an Dich, o Herr und Meister, Selbst und bitte Dich, mich gnädigst zurechtweisen zu wollen, so ich im Verlaufe dieser meiner Worte etwas Unrechtes gesagt habe!«


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