Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Index Band 9

Kapitelinhalt 31. Kapitel: Jesus im heidnischen Dorf mit einem Merkurtempel.

   01] Es stand aber noch viel Volk auf der Straße, das Mich noch einmal sehen und sprechen wollte; denn es war durch die Hausleute ruchbar geworden, was Ich des Zachäus Sohne getan hatte. Ich aber ließ Mich nicht beirren und ging rasch durch die Menge unaufhaltsam. Da Mich aber mehrere Hunderte geleiten wollten, so blieb Ich eine kurze Weile stehen und bedeutete den Nacheilenden, daß sie umkehren und nach Hause ziehen sollten, was sie dann auch taten.
   02] Doch als Ich also vom Volke aufgehalten ward, da drängte sich auch ein Weib, das schon mehrere Jahre am Blutgange litt, und dem niemand helfen konnte, zu Mir. Dies Weib rührte Meinen Rock an im vollen Glauben, daß ihr das Hilfe bringen werde, und sie ward denn auch im Augenblick geheilt.
   03] Ich aber befragte zur Probe die Jünger und die andern Menschen, sagend: »Wer hat Mich da angerührt im Glauben? Denn Ich gewahrte, daß von Mir eine Kraft ausging.«
   04] Da sagten die Jünger und etliche andere Menschen: »Da sieh, dies zudringliche Weib hat Dich angerührt!«
   05] Da fiel das Weib vor Mir nieder und bat Mich um Vergebung; denn sie fürchtete, daß sie deshalb bestraft werde.
   06] Ich aber sagte zu ihr: »Stehe auf und gehe nach Hause; denn dein Glaube hat dir geholfen! Sündige aber nicht mehr, so du gesund bleiben willst!«
   07] Da erhob sich alsbald das Weib und begab sich, die Macht Gottes lobend, nach Hause.
   08] Ich aber entließ darauf eiligst das Volk und zog mit den Jüngern schnell weiter.
   09] Wir kamen bald in eine wüste Gegend, durch die die Straße gebahnt war. Da zog in dieser Zeit kein Wanderer, und wir konnten so ungesehen die sonst bei zehn Stunden lange Wegstrecke auf die schon bekannte Weise in einer kaum halben Stunde Zeit zurücklegen und eine Gegend erreichen, die zum Teil von Juden und zum Teil von Griechen und eingewanderten Babyloniern bewohnt war.
   10] Wir kamen an ein Dörfchen, das den Griechen gehörte. In der Mitte dieses Dörfchens befand sich auf einem Hügel ein Tempel, der dem heidnischen Gott Merkur geweiht war. Für die Duldung dieses Heidentempels im Judenlande aber mußten die Bewohner dieses Dörfchens an den Tempel zu Jerusalem jährlich einen namhaften Tribut bezahlen und bekamen darauf allzeit vom Tempel aus die Bewilligung, ihrem Gott Merkur aufs neue wieder ein volles Jahr hindurch Opfer darzubringen und ihm zu Ehren gewisse Feste halten zu dürfen. Dieser Tag - es war ein römischer Merkurtag, obschon der Juden Nachsabbat - war aber gerade ein Festtag des obbenannten Heidengottes, und die Griechen trieben ihr Wesen mit ihrem Götzen.
   11] Als wir an die Stelle kamen, da hielten uns die Griechen auf und verlangten, daß auch wir aus alter Sitte, also aus einer Art Höflichkeit, unsere Knie vor dem Götzen beugen möchten.
   12] Ich aber sagte: »Höret, ihr blinden Heiden solltet lieber vor dem allein wahren Gott der Juden eure Knie und Herzen beugen! Denn dieser euer toter und machtloser Götze ist ein Werk von Menschenhänden, also um vieles minder als eine kleinste und unansehnlichste Moospflanze; der eine und allein wahre Gott der Juden aber hat pur aus Sich Himmel und Erde und alles, was sie trägt, erschaffen. Darum sollen alle Menschen nur an den einen, wahren Gott glauben, Ihn allein anbeten und keine anderen, toten Götzen haben und sie mit allerlei unvernünftiger und die Menschenwürde entehrender Zeremonie ehren.«
   13] Sagte ein Grieche: »So wir nach Jerusalem kommen, da weigern wir uns nicht, unsere Knie vor eurem Gott zu beugen, obschon wir recht gut wissen, daß im großen Tempel Salomos sich kein Gott unter irgendeiner Gestalt befindet. Einen Kasten nur haben die Juden, aus dem zu gewissen Zeiten eine Naphthaflamme emporlodert, die aber so heilig gehalten wird, daß sie nur von dem Obersten und Höchsten der Judenpriester etliche Male im Jahre gesehen und angebetet werden darf. Wir wissen aber auch, daß der Kasten der Juden gleich wie dieser unser Gott von Menschenhänden gemacht worden ist; wie sagst du dann, daß der Gott der Juden der allein wahre ist und aus sich Himmel und Erde erschaffen hat, darum denn auch alle Menschen an ihn glauben, ihn allein anbeten und ehren und nicht irgendwelche anderen Götzen haben sollen?
   14] Freund, mir kommt es vor, daß wir uns in bezug auf die Wahrheit, welcher Gott ein wirklicher sei, gar nichts vorzuwerfen haben! Wir ehren in unseren Göttern als Symbole der verschiedenen Kräfte der Natur eben nur die von uns mehr oder weniger erkannten Kräfte der großen Natur und nicht die von Menschenhänden gemachte Statue samt ihrem Tempel, und das ist doch sicher vernünftiger, als so ihr Juden einen alten Kasten samt dem Tempel für den allein wahren Gott haltet und anbetet! Daß wir aber euch hier aufforderten, eure Knie im Vorübergehen höflichkeitshalber vor unserem Merkur zu beugen, da wollten wir euch damit ja nicht von eurem Judentume abwendig machen und euch sonach zu einer Sünde wider euren Gott verlocken!
   15] Kannst du und alle deine Gefährten uns aber einen faktischen Beweis liefern, daß trotz meiner vernünftigen Gründe wider die von euch behauptete Wahrheit nur euer Gott der allein wahre ist, so sind wir nicht hartwillig und wollen gar bald und leicht nur allein zu eurem Gott uns kehren!«
   16] Sagte Ich: »Freund, einen solchen Beweis können wir dir schon liefern, ohne von euch zu verlangen, daß ihr eure Knie vor uns beugen sollet; aber Ich muß euch zuvor eine Bedingung setzen, die ihr vorher zu erfüllen versuchen müßt, ob sie euch gelingt oder nicht. Gelingt sie euch, dann wollen auch wir unsere Knie vor eurem Merkur beugen und dann als Juden weiterziehen; gelingt euch die Erfüllung der gestellten Bedingung nicht, so werde Ich euch schon den faktischen Beweis liefern, daß der Gott der Juden der allein wahre ist, und ihr werdet euch von euren kostspieligen Götzen abwenden und selbstwillig eure Herzen und Knie vor unserm Gott beugen.
   17] Die Bedingung aber besteht darin: Ihr habt schon gestern und heute euren Götzen geehrt und in dem Tempel die Opfer niedergelegt, und es muß darum der Götze guten Willens sein und alsbald erhören irgendeine an ihn gerichtete Bitte.
   18] Seht, dort an den Stufen des Tempels sitzt ein blindgeborenes Mägdlein von zwölf Jahren Alters! Sie ist ein Liebling ihrer wohlhabenden Eltern, und sie gäben alles darum, so demselben die Sehkraft verliehen werden könnte. Wendet euch darum alle mit der Bitte an euren Gott, daß er der Blinden die Augen öffnen wolle! Denn derlei Blinde heilt kein Mensch auf der ganzen Erde nun; das kann nur einem allmächtigen Gott möglich sein. Heilt euer Gott die Blinde, dann wollen auch wir uns vor ihm beugen; heilt er sie aber höchstwahrscheinlich nicht, sodann werde Ich sie heilen mit der Kraft des Geistes unseres Gottes, der in Mir wohnt, und werde von dieser Stelle aus, wo Ich Mich nun befinde, nachdem das Mägdlein wird sehend geworden sein, aber auch den Tempel samt seinem Götzen im Augenblick derart vernichten, daß ihr nicht einmal die Stelle wiedererkennen sollet, auf der nun der Tempel samt dem Götzen steht. Gehet und erfüllet die euch gestellte Bedingung!«
   19] Sagte der Grieche, der auch der Vater der Blinden war: »Freund, wir wollen den Versuch machen, wie ich ihn schon einige Male gemacht habe - leider allzeit ohne den geringsten Erfolg! Aber was haben wir dann von euch zu fordern, so dich, Freund, etwa auch dein allein wahrer Gott im Stiche ließe und nicht erhörete dein Verlangen? Denn ich habe schon mit gar vielen Juden, die auch ganz ernstlichst an ihren Gott glaubten, in diesem Punkte geredet, und es hat mir ein jeder treu gestanden, daß es mit der alsogleichen Erhörung eurer Ihm dargebrachten Bitten auch seine sehr geweisten Wege habe. Ich aber will darum in das, was du zu leisten versprachst, keinen Zweifel setzen, weil deine Worte äußerst zuversichtsvoll klangen. Aber wenn dein Gott am Ende dennoch in der Wirkung unserem Gotte gliche, was dann?«
   20] Sagte Ich: »Dann wollen wir eure Sklaven sein unser Leben lang! Aber nun gehet zu eurem Gott, und traget ihm eure Bitte vor!«


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