Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 203. Kapitel: Verlangen von Reichen, ihre toten Kinder wiederbelebt zu erhalten.

   01] Es bemerkten aber die nun vielen gänzlich geheilten Armen auch viele Reiche, die auch hier schon seit Monaten auf Hilfe harrten und sich's viel kosten ließen, und sagten: »Warum ist denn euch Armen, die ihr von uns den Unterhalt hattet, aber geholfen worden denn uns?«
   02] Sagten diese (die Armen): »Das wissen wir nicht! Wir sind aber nicht in der Burg, sondern im Freien vor der letzten und unansehnlichsten Herberge dieses Ortes geheilt worden, und so hatten wir keinen Vorzug vor euch in der großen Wunderburg! Wir glauben aber, daß sich nun die wahre Wunderburg eben in jener Herberge befindet. Gehet aber selbst hin und erkundigt euch, und es wird euch sicher Bescheid gegeben werden!«
   03] Als die Reichen das von den Armen vernommen hatten, wußten sie nicht, was sie im Augenblick tun und unternehmen sollten. Nach einer Weile Nachdenkens aber entschlossen sie sich dennoch und begaben sich in einer ziemlichen Anzahl zu unserer Herberge und erkundigten sich da bei den Hausleuten um die Sache. Diese aber beschieden sie zu uns in den Speisesaal.
   04] Die Reichen aber sagten zu den Hausleuten: »Höret! Wir sind Menschen von Welt- und anderer hoher Bildung und können und wollen da nicht sogleich samt der Tür ins Haus fallen. Gehe doch einer von euch hinein und bringe uns die Nachricht, ob es gestattet ist, nun zu den Heilanden einzutreten, und wir werden dem Überbringer einer guten Nachricht auch einen guten Lohn verabfolgen! Denn wir wissen es schon seit Jahren, daß die Heilande von hier, und ganz besonders ihr Oberster, schwer zu sehen und noch schwerer zu sprechen sind. So wir nun unangemeldet zu ihnen in das von ihnen bewohnte Zimmer träten, so würden sie uns das gar leicht verargen, und wir könnten dann noch länger warten, bis wir zu ihnen vorgelassen würden. Darum bitten wir euch, daß ihr als Hausleute von hier uns vorher anmeldet und uns auch den Eintritt zu ihnen, wie gesagt, gegen einen guten Lohn erwirket.«
   05] Sagte einer der Diener: »Die Heilande sind als Tischgäste im Speisesaale versammelt, und in den kann jedermann frei eintreten, ob er reich oder arm ist, und kann sich etwas zur Stärkung seines Leibes geben lassen; denn unser Wein ist gut und so auch unser Brot samt allen anderen Speisen, und es wird in dieser unserer Herberge auch niemals jemand überhalten (überfordert). Sind die Armen ohne Anmeldung in den Speisesaal getreten und ihre Bitten alsbald erhört worden, warum soll es dann euch Vornehme (ungut) bedünken, dasselbe zu tun? Gehet hinein, und tut, was die Armen vor euch getan haben.«
   06] Nach diesen Worten verließen die Hausdiener die Reichen und gingen ihrer Arbeit nach.
   07] Als die Reichen sahen, daß mit solch uneigennützigen Dienern nichts zu machen war, da fingen sie unter sich zu losen an, wer von ihnen als erster in den Saal treten solle. Da traf es sich aber, daß gerade den Mutlosesten das Los traf.
   08] Dieser aber fing an, sich zu entschuldigen, und bat die andern, daß doch sie in den Saal zuerst treten möchten, indem er dazu viel zuwenig Mut besitze. Und da schob einer den andern vor, und keiner getraute sich, die Hand an den Riegel der Türe zu legen und sie zu öffnen.
   09] Und einer von ihnen (an der Zahl dreißig Männer) sagte: »Es ist doch sonderbar! Ich bin doch schon oft mutvollst mit dem Schwerte den erbittertsten Feinden kämpfend gegenübergestanden und empfand in mir keine Furcht und kein Bangen, - und hier habe ich Furcht und Bangen! Wie kommt das?«
   10] Als die dreißig Reichen noch also miteinander redeten, da sagte Ich an Roklus, daß er den dreißig Vornehmen die Tür öffnen und sie in den Saal zu treten beheißen solle.
   11] Roklus tat das sogleich. Als die dreißig aber des Obersten, den sie wohl kannten und nahe für einen Gott hielten, ansichtig wurden, da erschraken sie, verneigten sich vor ihm bis zur Erde, und keiner von ihnen hatte den Mut, ihn anzureden.
   12] Roklus aber sagte: »Freunde! Es ziemet dem Menschen die Demut und Bescheidenheit wohl; aber hier ist das nicht am rechten Orte. Ich bin ein Mensch wie ihr und vermag aus mir selbst ebensowenig wie irgendeiner von euch; so aber durch mein Wort und Gebet Gott, der allein Eine und Wahrhaftige, an den die Juden glauben, jemandem eine Gnade erweist, da gebührt ja auch nur Ihm allein alle Ehre und nicht mir, der ich ohnmächtig bin und aus mir selbst nichts vermag. Tretet aber nun mutig in den Saal zu uns, und bringet euer Anliegen vor!«
   13] Darauf erst richteten sich die dreißig mit den Köpfen wie auch mit dem ganzen Leibe wieder gerade empor und gingen nun um etwas mutiger und entschlossener in den Saal, allwo ihnen der freundliche Wirt alsbald einen Tisch anwies und sie auch befragte, ob sie Wein und Brot wünschten. Und sie verlangten sogleich beides, weil sie an diesem Morgen noch nichts zu sich genommen hatten.
   14] Es waren diese dreißig Männer aber aus Kahiro in Ägypten und gehörten auch dem Judenstamme an; aber ihre Voreltern waren schon zur Zeit der Babylonischen Gefangenschaft nach Ägypten geflüchtet, und so hatten diese dreißig Männer denn auch noch eine Wissenschaft (Kenntnis) von Moses und einigen Propheten und hielten auf den Tag Mosis, so sie sich unter den Juden befanden, - doch bei sich glaubten sie mehr an die Priester Ägyptens, an ihre Mysterien und Gesetze. Und darum wollten sie, sich hier unter vielen Juden wähnend, denn auch den Tag Mosis ehren und den ganzen Tag hindurch fasten; da sie aber ersahen, wie sich auf unserem Tische Brot, Wein und allerlei andere Speisen vorfanden, so ließen sie sich denn auch alsogleich Brot und Wein geben und aßen und tranken mit vieler Lust.
   15] Als sie sich sogestaltig bald hinreichend gestärkt hatten, da bekamen sie auch Mut, und einer der Vornehmsten von ihnen erhob sich von seinem Sitze, trat mit vieler Ehrfurcht vor Roklus hin und sagte: »Vergib, du oberster Heiland dieser in aller Welt höchst berühmt bekannten Burg! Wir und noch viele unseresgleichen harren schon bei zwei Monde lang mit unseren toten Kindern, die in ehernen Särgen wohlverwahrt sind, hier in diesem Orte und hätten dir schon lange gern unser Anliegen wegen der etwa noch möglichen Wiederbelebung unserer Kinder vorgebracht und haben darum denn auch unser Wartlager in der nächsten Nähe des Haupttores der Wunderburg aufgerichtet. Die Diener der Burg gaben uns wohl die Versicherung, daß wir bald an die glückliche Reihe kommen würden, - aber es war das bis jetzt ein vergebliches Hoffen.
   16] Weit unter uns lagerte ein großer Haufe armer Bettler und Krüppel aller Art und Gattung, die wir mit Almosen täglich bedachten. Nun, dieser Haufe hatte für sich doch gewiß die um vieles geringere Hoffnung denn wir, so bald in die Wunderburg eingelassen zu werden! Und siehe da, vor kaum einer Stunde Zeit erhob er sich, da er sicher vor uns hierher berufen wurde, und wir sahen bald darauf alle die uns schon wohlbekannten Elenden aller Art und Gattung als vollkommen geheilt von allen ihren Übeln! Sie priesen Gott über die Maßen, gingen in die Herberge und stärkten sich mit Brot und Wein. Als wir sie befragten, wo ihnen solche außerordentliche Gnade zuteil geworden sei, da bezeichneten sie eben diese Herberge als die neue und wahre Wunderburg und beschieden uns denn, auch hierher zu gehen und uns von allem selbst zu überzeugen. Und so sind wir denn nun auch hier, um endlich einmal unsere Bitten und Anliegen dir als dem wundermächtigen Obersten der Essäer in tiefster Ehrfurcht zu unterbreiten.«
   17] Sagte darauf Roklus: »Aber Freunde, was fehlt euch denn? Ihr seid, soviel ich sehe, gesund, und euer Anzug zeigt an, daß ihr auch sehr reiche Leute seid. Wo fehlt es denn bei euch, und worin soll euch da geholfen werden?«
   18] Sagte abermals einer aus der Zahl der dreißig Männer: »Allen Dank dem alten und allein wahren Gott der Juden, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, gesund wären wir wohl noch, und an allerlei Reichtümern hat es bei uns auch keinen Mangel, aber unsere Kinder sind uns gestorben, und wir sind nun beinahe gänzlich kinderlos und haben somit keine Nachkommen und keine Erben; wir wissen aber, daß hier verstorbene Kinder wieder ins Leben gerufen worden sind schon zu gar vielen Malen, und so haben wir denn auch unsere toten Kinder in verschlossenen Särgen, wie dir das schon bekannt sein wird, hierher nach Essäa gebracht, um sie möglicherweise von euch um ein verlangtes Opfer wieder ins Leben rufen zu lassen. Die Särge befinden sich in der von euch dazu bestimmten Wiederbelebungsgruft, dahin wir sie schon vor ein paar Monden abgegeben haben; und wir haben den dazu bestimmten Wärtern auch den gewissen Zins schon bezahlt. Und nun sind wir da, dich zu bitten, daß du uns die Gnade erweisen möchtest, uns unsere Kinder lebend wiederzugeben, wofür wir jedes von dir verlangte Opfer dir zu Füßen legen wollen.«
   19] Sagte nun Roklus: »Höret mich, Freunde, nun an! Ich weiß, daß ihr eure Kinder, bei zweihundert an der Zahl, hierher gebracht habt trotzdem, daß ich in alle mir auf der Erde bekannten Orte schon vor einem Jahre Boten ausgesandt habe, daß sie allenthalben den Menschen laut und ernst verkünden sollen, daß wir hier keine toten Kinder mehr ins Leben rufen dürfen und auch nicht werden. So wie aber unsere Boten das an vielen anderen Orten verkündet haben, also werden sie das auch in Kahiro verkündet haben, wie wir das auch nur zu bestimmt wissen. So ihr aber davon Kunde hattet, warum habt ihr euch denn die vergebliche Mühe und die großen Unkosten gemacht?«
   20] Sagten die dreißig: »Oberster Meister, wir hatten diese Kunde wohl auch erhalten, aber unsere zu große Trauer um unsere Kinder, die an einer Kinderseuche verstarben, wie eine ähnliche seit Menschengedenken noch niemals in unserer Stadt und Gegend grassierte, hat uns dazu genötigt, doch noch einmal zu versuchen, ob wir gegen große Opfer bei euch vielleicht doch noch etwa zu einem letzten Male Erhörung und Erbarmung finden möchten. Und sollte aber das trotz alles Bittens, Harrens und Opferns dennoch nicht mehr der Fall sein können, so haben wir uns entschlossen, unsere toten Kinder nach Galiläa zu dem neuen und großen Propheten zu bringen, von dem wir aus dem Munde der Reisenden vernommen haben, daß er durch sein Wort und durch die Macht seines Willens nicht nur alle Krankheiten heilt, sondern auch die Toten erweckt. Wir bitten nun aber dennoch zuvor dich um solch eine Gnade, - erhöre uns, und gib uns unsere Kinder lebendig wieder!«


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