Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 180. Kapitel: Die dritte Erscheinung des Lichtwölkchens auf Insel Patmos.

   01] (Kado:) »Als wir am Morgen in unser Dorf hinabkamen, da hörten wir von nichts anderem reden als von dem Lichtwölkchen. Und wie es bei solch wundersamen Gelegenheiten bei den einfachen Naturmenschen, bei denen der liebe Verstand ganz kurz ist, aber desto länger ihre Phantasie, schon zu gehen pflegt, so gab es denn auch an allerlei Deutungen über die Erscheinung keinen Mangel, die nun wieder nur kurz und anführungsweise hier wiederzugeben sich wohl nicht der Mühe lohnen würde.
   02] Wir hatten unter unseren Geschäften und Arbeiten auch diesen Tag beschlossen und uns noch etwas früher zur Ruhe und Stärkung auf unseren Berg und in unser Turmhaus begeben, als wie wir das gestern getan hatten, und machten uns wieder auf unserem Söller breit und bequem in der sehnsüchtigen Erwartung, ob uns auch an diesem Abend irgendeine wundersame Erscheinung zuteil werde.
   03] Als wir kaum eine halbe Stunde so auf dem Söller beisammensaßen und die munteren Szenen auf dem Meere betrachteten, da kam mit noch drei Gefährten uns auch unser alter Priester nach und bat mich, auch in unserer Gesellschaft den Abend zubringen zu dürfen, was ihm auch zuvorkommend gerne gestattet wurde.
   04] Er nahm Platz an meiner Seite und erzählte uns, was er am frühen Morgen gesehen und beobachtet hatte, und machte daraus den Schluß, daß wir auch an diesem Abende noch einmal die gleiche Erscheinung sehen würden, und er sei denn auch hauptsächlich deshalb zu uns heraufgekommen, um uns erstens darauf aufmerksam zu machen und zweitens aber auch selbst als Zeuge gegenwärtig zu sein, wie das Lichtwölkchen entstehen und von woher es den Weg zu diesem Turmhause nehmen werde. Denn er habe einen Plan gefaßt, und der bestehe in dem, daß er dem Vielgötterdienste entsagen und den Eingottesdienst einführen werde; denn es nötige ihn dazu erstens sein dreimalig gleiches Traumgesicht und zweitens die sonderbare Erscheinung des Lichtwölkchens; und erscheine das auch an diesem Abende - zum dritten Male -, so werde er um so entschiedener seinen ausgesprochenen Plan in die volle Ausführung bringen.
   05] Ich und alle Anwesenden lobten ihn darum, und auch mein alter, treuer Diener stimmte dem Plane des Priesters bei.
   06] Es wurde nun noch so manches über die Ausführung des vom Priester gefaßten Planes gesprochen, und es ward unter solchen Reden und Beschlüssen denn auch wie nahe ganz unbemerkt voller Abend, und die Sterne fingen an, vom Himmel herabzuleuchten. Da an diesem Abend das Meer ruhig war, so ließ ich die Leuchtpfanne nicht anzünden, was auch meinen Hausdienern recht war, weil sie vor dem Anzünden des Leuchtmaterials in der Pfanne stets eine Art Scheu hatten.
   07] Als wir noch so manches unter uns besprachen, aber dabei unsere Augen stets nach der Gegend gerichtet hielten, von der das Lichtwölkchen schon zwei Male gekommen war, da entdeckten wir es auch heute als zum dritten Male und wir alle brachen in einen großen Jubel aus, als das gleiche Lichtwölkchen sich über den fernen Horizont erhob und sich abermals äußerst schnell zu uns her zu bewegen begann. In wenigen Augenblicken hatte es auch wieder mein Turmhaus erreicht und so wie gestern bis zur halben Höhe herab eingehüllt. Dies dritte Mal fühlten wir eine noch größere Wonne und Stärkung, und das Gefühl der Sterblichkeit hatte uns gänzlich verlassen. Das Wölkchen leuchtete an diesem Abend aber so stark, daß wir ob der Stärke des Lichtes keinen Stern am Firmament mehr sehen konnten.
   08] Als das Wölkchen aber sein Leuchten verstärkte, da wurden wir alle auch aufs äußerste ergriffen, und unser Priester hob seine Hände wie bittend zum Wölkchen empor und sagte: "O du liebes und heiliges Wölkchen, richte auch heute ein tröstendes Wörtchen an uns!"
   09] Und wir alle vernahmen alsbald folgende klar ausgesprochenen Worte: "Wer das Licht sucht, der findet es auch, und es kommt zu ihm als Leben in der Nacht seines Todes und macht ihn lebendig. Suchet das Licht fürderhin mit dem rechten Ernste, und ihr werdet es dort finden, von woher ihr es nun zum dritten Male habt zu euch kommen sehen! Diese Insel ist nun wohl eine noch unansehnliche; aber es wird von ihr aus dennoch allen Völkern der Erde ein großes Licht gegeben werden, und sie wird dann eine angesehene Stätte der Geheimnisse Gottes und Seiner Pläne mit den Menschen werden und wird einen großen Namen haben. Du alter Priester aber führe deinen Plan nur aus, und bereite Mir eine Wohnstätte in den Herzen der Menschen!"
   10] Nach diesen Worten verstummte das Wölkchen wieder, verließ auch bald darauf mein Turmhaus und zog sich wieder nach dem Osten zurück, also, wie es sich die zwei ersten Male zurückgezogen hatte. Wir starrten mit unseren Augen noch eine volle Stunde nach der Gegend hin, wo das Wölkchen unseren Blicken entschwand, und wollten es gleichsam noch einmal zu Gesichte bekommen; aber es war vergeblich. Merkwürdig war aber bald nach dem Verschwinden des wundersamen Wölkchens, daß sich ein starker Südostwind erhob und das Meer in ein starkes Wogen brachte, was mich nötigte, die Leuchtpfanne anzünden zu lassen. Wir wären noch länger auf dem Söller versammelt geblieben, so der Wind nicht stets heftiger hätte zu wehen angefangen; da er aber nach einer Stunde etwas zu heftig geworden war, so blieb uns nichts anderes übrig, als uns wieder ins Haus zu begeben.
   11] Ich lud den Priester samt seinen Gefährten ein, mit mir zu nachtmahlen.
   12] Er aber entschuldigte sich und sagte: "Ich habe heute noch vieles über die Ausführung meines Planes zu denken, wie auch über die Bedeutung der aus dem Wölkchen vernommenen Worte, und dazu darf ich den Magen nicht beschweren. Aber morgen werde ich zum Morgenmahle hier erscheinen!"
   13] Mit dem empfahl er sich und ging mit seinen Gefährten hinab ins Dorf. Wir aber setzten uns an unseren Speisetisch und nahmen das Nachtmahl zu uns.
   14] Es versteht sich von selbst, daß wir viel über die dreimalige gleiche Erscheinung, die sich nachher nicht mehr wiederholte, wie auch über die Ausführung des Planes unseres alten Priesters miteinander geredet haben, nahe bis zur Mitternacht.
   15] Darauf erst begaben wir uns zur Ruhe, in der wir von den heftigen Windstößen mehrere Male gestört wurden, aber am Morgen doch ganz gestärkt das Freie betraten.
   16] Der Priester kam auch zum Morgenmahle, wie er es versprochen, und teilte uns auch die Resultate seines nächtlichen Nachdenkens mit. Und er ließ es nicht bei seiner Vornahme stehen, sondern fing auch schon an diesem Tage an der Ausführung zu arbeiten an, wozu die wundersame Erscheinung wohl die besten Dienste leistete. Und heute seht ihr in meinem Dorfe keinen Zeus und Apoll mehr, und der Priester hat nun gleich einem Plato schon viele Jünger, die er den Gott der Juden kennen lehrt.
   17] Da ist nun treu und wahr erzählt das denkwürdige Ereignis, das auf Patmos von vielen ist gesehen worden. Wie es aber eigentlich entstanden ist, und was es zu bedeuten hatte, das wirst Du, lieber Herr und Meister, wohl am allerbesten wissen. So Du uns nun darüber einige Aufhellungen geben wolltest, so würde uns das in hohem Grade glücklich machen! - Herr, vergib mir die Langweiligkeit meiner Erzählungsweise!«
   18] Sagte Ich: »Du hast alles ganz gut erzählt; laß aber nun deinen alten Diener hierher kommen, und Ich werde euch dann die Erscheinung auf Patmos beleuchten!«
   19] Darauf ward der alte Diener herbeigeholt und kam an unseren Tisch.


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