Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 157. Kapitel: Die Händlerkarawane aus Damaskus.

   01] Wir aber betrachteten nun wieder ungestört die Morgenszenen weiter, da der Morgen diesmal überaus rein und heiter war, weil der nächtliche Sturm die atmosphärische Luft überaus gereinigt hatte.
   02] Man konnte darum auch die höchsten Spitzen gar ferner Alpen und Berge gut ausnehmen, was sonst bei einer mehr mit Dünsten gesättigten Luft nicht möglich war, und so konnten wir uns an diesem Morgen von unserem Hügel an einer selten herrlichen Aussicht vergnüglich erquicken. Nur hier und da, wo die durch Nachtgewitter entstandenen größeren Brände noch nicht erloschen waren, war die Luft durch den Rauch getrübt, was aber der schönen Rundschau keinen Eintrag machte.
   03] Als wir nun ganz ruhig von unserem Hügel die Gegend betrachteten, da bemerkte unser Hauptmann, wie auf der breiten Heerstraße, die von Bethanien hinauf gen Jerusalem führte, eine Menge Menschen mit allerlei Lasttieren einherzogen, als Eseln, Saumrossen, Ochsen und Kamelen. Er fragte den Lazarus, was wohl dieser Zug zu bedeuten habe, und wohin er etwa seine Richtung nehmen werde.
   04] Sagte Lazarus, von der großen Anzahl daherziehender Menschen zu einer ungewöhnlichen Zeit selbst überrascht: »Mein bester Freund, das weiß nun auch ich nicht; denn um diese Zeit eine so starke Karawane ist etwas Ungewöhnliches. Der Zug ist auch noch zu ferne, als daß man es bestimmen könnte, ob das Juden, Griechen, Perser oder Ägypter sind. Etwas unangenehm aber wäre es mir nun wohl, wenn sie hier in Bethanien eine Rast machten und etwa gar von meinen Herbergen einen Gebrauch machen möchten. In dem Falle müßte ich sie heute schon ins Tal hinab zu meinem Freund und Nachbar bescheiden!«
   05] Sagte der eben auch anwesende Talwirt: »O mein lieber Bruder, diese Karawane, deren Ende noch nicht irgend zu ersehen ist, würde bei mir schwer zu bewirten und noch schwerer unterzubringen sein! Du aber hast hier in diesem Orte, der ohnehin zum größten Teile dir gehört, sieben große Herbergen, zu denen dein großes Stammhaus nicht einmal zu rechnen ist; dazu gibt es hier noch mehrere kleine Herbergen, und so kann dahier eine so starke Karawane schon um vieles eher und leichter bewirtet und auf eine kurze Zeit untergebracht werden als bei mir im Tale. Übrigens ist ja noch gar nicht irgend zum voraus anzunehmen, daß diese Karawane, die nun schon vor dem Aufgange auf dem Wege ist, nun schon hier eine Rast halten wird. Warten wir diese Sache ab, und es wird sich dann ja zeigen, was da zu machen sein wird!«
   06] Hier wandte sich Lazarus zu Mir und sagte: »Herr und Meister, sage Du es uns doch, was diese große Karawane zu bedeuten hat, wohin sie dieser Zeit zieht, und woher sie kommt!«
   07] Sagte Ich: »Ei, ei, was kümmern uns diese Damaszener Krämer, die mit allen Produkten ihres Fleißes hier vorüber nach den Städten am Ufer des Meeres ziehen, um sie dort zu verkaufen? Lassen wir sie ungestört weiterziehen!«
   08] Mit diesen Worten hatte Ich den Hauptmann, den Lazarus und den Talwirt ganz beruhigt, und wir betrachteten nun wieder den Morgen ganz ruhig weiter und auch die sich dem Orte nähernde Karawane, die aber freilich auf dem Wege auch eine ordentliche Wolke von Staub auftrieb; denn die stets befahrenen und begangenen Heeresstraßen im Judenlande litten nie einen Mangel an Staub, und hatte ihn der Sturmwind in der Nacht auch zum größten Teile gehoben und weit fortgetragen, so blieb aber dennoch sehr viel davon auf der Straße übrig.
   09] Als nun der Vortrab den Ort erreichte und auch unaufgehalten weiterzog, da tauchte auch schon die Sonne über dem fernen Horizont hervor und verklärte die ganze Gegend mit ihrem Lichte; auch der nun von den Sonnenstrahlen beleuchtete Straßenstaub war recht schön anzusehen.
   10] Und der Hauptmann sagte: »Ah, das Licht verherrlicht aber doch alles, was von ihm erleuchtet wird! Auch der Straßenstaub, der wahrlich nichts Anmutiges in sich hat, wird von einer gewissen Ferne zu einer erquicklichen Erscheinung, so er in den Strahlen der Sonne dahinschwimmt!«
   11] Sagte Ich: »Ja, ja, du hast nun eine recht gute und lehrreiche Bemerkung gemacht! Die Weltmenschen gleichen auch dem Straßenstaube in mehrfacher Hinsicht; denn erstens sind sie träge im Guthandeln und füllen des Lebens Wege mit ihrer Geringfügigkeit, die aber trotzdem dem emsig beflissenen Lebenswanderer im Guthandeln sehr lästig werden. Nur ein wahrer Gerichtssturm bringt solche Menschen in eine Tätigkeit, fegt dadurch die Lebensstraßen rein und trägt den Staub auf weitgedehnte Fluren und Äcker und Felder hin, wo dann auch aus ihm bald ein fruchtbares Erdreich wird.
   12] Solche Weltstaubmenschen nehmen sich auch gut aus, wenn sie vom Lebenslichte erleuchtet werden; aber mit einem rechten Lebenswandler werden sie erst als ein fruchtbares Erdreich zu vergleichen sein. Solange sie aber bloß als ein müßiger Weltstraßenstaub in der reinen Lebensluft herumprunken und glitzeln in den Strahlen der Lebenssonne, deren Licht nur ihr Äußeres und nicht auch ihr Inneres erleuchtet, da sind sie für die rechten Lebenswandler stets eine Last und gleichen sehr den Pharisäern und andern heidnischen Götzenpriestern, die allzeit, wenn irgend über und um sie sich ein Lebenssturm oder eine andere Lebenstätigkeit erhebt, sich auch erheben, die Lebenswege und die Wanderer belästigen und beschmutzen und das den Weg erleuchtende Licht trüben und schwächen.
   13] Von einer gewissen lichten Ferne nehmen sie sich wohl als auch erleuchtet ganz erträglich aus, und mancher möchte da denken und sagen: "Ja, sie sind denn doch tätig und haben Licht!", - aber dem ist nicht also! Denn ob sie ruhig auf der Straße liegen, oder ob sie vom Winde in die Luft erhoben werden, so bleiben sie für sich dennoch träge und untätig; aber durch ihr Sicherheben werden sie dem wahren Lebenswandler immer lästig und womöglich auch schädlich. Daher beachtet auch ihr alle bei eurem künftigen Wandeln auf Meinen Lebenswegen diese kluge Vorsicht, daß ihr die gewissen breiten Weltheeresstraßen meidet und euch auf den mehr staublosen und schmalen Fußsteigen fortbeweget und selbst da mit Ruhe, Geduld und Gelassenheit auftretet, so werdet ihr mit dem Weltstraßenstaube wenig Unannehmlichkeiten zu bestehen haben!
   14] Aber so ihr es auf den Lebenswegen machen werdet wie die da unten auf der breiten Heeresstraße vorüberziehende Karawane, die mit aller Hast und vielem Lärm forteilt, um ja bald an die Orte zu gelangen, wo für sie ein weltlicher Gewinn zu erhaschen sein möchte, da werdet auch ihr mit dem gewissen Staube so manchen lästigen und bösen Kampf zu bestehen bekommen. Diese euch bei dieser Gelegenheit erteilte Lehre behaltet auch, und ihre Beachtung wird euch von großem Nutzen sein!«
   15] Hierauf sagte der Hauptmann: »Oh, wie wahr und treffend waren, o Herr und Meister, schon wieder diese Deine Worte! Auf den Lebenswegen allenthalben gibt es nun wohl eine schon kaum mehr zu ertragende Masse des lästigen Weltstaubes, und es gehört wahrlich eine große Vorsicht dazu, daß man ihn beim Gehen nicht irgend zu sehr aufrüttelt! Oh, diese Lehre werde ich mir ganz besonders ad notam (zur Kenntnis) nehmen!«
   16] Sagte Ich: »Tue das, und du wirst gut vorwärtskommen und eine reine Sehe behalten!«
   17] Als Ich solches zu dem Hauptmanne gesagt hatte, da kam auch schon ein Bote, der uns zum Morgenmahle lud.
   18] Da aber der Karawanenzug noch nicht vorüber war, so sagte Ich: »Lassen wir diese bestaubte und lärmende Welt nun vollends den ganzen Ort vorüberziehen; denn so wir nun sogleich uns hinabbegeben würden, da würden so manche auf uns aufmerksam werden und uns um dies und jenes angehen; so wir aber einige Augenblicke noch hier verweilen, dann weichen wir dieser Gefahr aus.«
   19] Damit waren natürlich alle Anwesenden wieder vollkommen zufrieden, und wir verblieben sogestaltig noch eine kleine halbe Stunde lang auf dem Hügel, in welcher Zeit die Karawane ganz vorübergezogen war, und wir konnten uns denn auch sogleich ganz unbeirrt hinab ins Haus zum Morgenmahle begeben.
   20] Wir gingen denn in guter Ordnung hinab, nahmen am großen Tische unsere Plätze ein und nahmen, nachdem Ich zuvor Speise und Trank gesegnet hatte, das reichlich und wohlschmeckend bereitete Morgenmahl zu uns, und die Römer ließen sich auch den Wein besonders gut schmecken, so daß unser Lazarus einige Male ihre Becher voll zu füllen bekam, worüber er eine rechte Freude hatte.
   21] Agrikola, dem der Wein die Zunge gelöst hatte, sagte zu Mir: »Herr und Meister, vergib es mir, daß ich beim Morgenmahle nun schon ein paar Becher Weines mehr zu mir genommen habe; aber ich tat das samt meinen Gefährten nur infolgedessen, damit mir der sichtbare Abschied von Dir erträglicher werde! Oh, könnte ich doch lieber immer bei Dir verbleiben! Alle meine Erdengüter und alle meine weltlichen Würden und Ämter gäbe ich darum!«
   22] Sagte Ich: »Dein Wunsch und Wille gilt bei Mir so viel, als so du das auch getan haben würdest; du aber erweisest Mir und gar vielen Menschen größere Dienste als Sachwalter der dir anvertrauten Erdengüter und der euch allen hier zu eigen gegebenen Geistesschätze. So ihr alles das nach Meinem Rate weise benützen werdet, da werde auch Ich im Geiste bei euch sein und werde euch geben zu jeder Zeit, dessen ihr bedürfen werdet; dereinst in Meinem Reiche aber werdet ihr als Meine wahren Freunde ewig bei Mir wohnen und wirkend um Mich sein. Dieses nehmet auch zu eurem rechten Troste und zur vollen Stärkung eurer Seelen in euer Herz!«
   23] Hierauf erhoben wir uns vom Tische, und Ich legte den Römern die Hände auf und segnete und stärkte sie. Darauf wurden alle heiter und voll Mutes und dankten Mir noch einmal mündlich für alles, was ihnen bei Mir in den etlichen Tagen zuteil geworden war.


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