Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 118. Kapitel: Schilderung des Wirtes über seine Herberge.

   01] Nun aber kamen auch die Kinder und luden uns zum Mittagsmahl, und wir folgten der Einladung. Das Herbergshaus aber, wohl eines der bei weitem schönsten und großartigsten im ganzen weiten Umkreis, war durchgehend aus wohlbehauenen Quadersteinen erbaut und hatte zwei gewölbte Stockwerke noch übers ebenerdige Geschoß. In jedem Stockwerk befanden sich drei große Säle, von denen in jedem bei Siebenhundert speisen konnten. Außer den drei Speisesälen aber befanden sich in jedem Stockwerk auch dreißig Wohnzimmer, jedes mit zwei Fenstern versehen, die freilich nicht mit Glasrahmen (Glasscheiben), wie (nota bene) in dieser Zeit in Europa, zu verschließen waren; aber es gab damals in Damaskus Fabriken, die ein wie das gegenwärtige Glas völlig durchsichtiges Pergament erzeugten, und mit solchem Pergamente waren die vielen Fensterrahmen ganz zierlich gedeckt, und der Zugwind und die oft große Tageshitze konnten nicht in die Säle und in die Zimmer dringen. Diese Art Fenstereinrichtung war etwas Seltenes, weil sie zu kostspielig war, und man bediente sich dafür der verschieden gefärbten Vorhänge innerhalb der Fenstergitter.
   02] Wir wurden über bequeme und breite Marmorstufen in das zweite Stockwerk geführt und da in den mittleren Hauptsaal, in dem eine große und lange Tischtafel für uns gedeckt war. Da gab es des feinsten Brotes in großer Menge und große Becher aus Silber und Gold voll des besten Weines. Das wohlzubereitete Kalb lag schon wohlzerteilt auf den vielen Speiseschüsseln, die auch aus reinstem Silber gemacht waren. Danebst aber gab es auch noch eine Menge bestzubereiteter Nebengerichte, als bestzubereitete Fische, so auch Hühner, Tauben und Lämmer und allerlei gute Früchte, bestehend aus allerlei Obstgattungen und süßen Beeren.
   03] Die Römer machten da große Augen, und Agrikola sagte: »Wahrlich, so eine Pracht und solch ein Reichtum ist mir schon lange nicht mehr untergekommen, und solch eine wohl und reichlichst besetzte Tafel auch nicht, und des Kaisers Speisesaal in Rom übertrifft diesen nicht an zierlichster Pracht!«
   04] Als sich die Römer von ihrem Staunen ein wenig erholt hatten, setzten wir uns an den Tisch und begannen zu essen und zu trinken, und alle erquickten sich überwonniglich am vortrefflich bereiteten Mittagsmahle, konnten aber natürlich nicht die Hälfte des Bereiteten aufzehren, da es in zu großem Maße vorhanden war.
   05] Unter dem Essen ward wenig geredet. Erst als der Wein den Gästen die Zungen mehr und mehr löste, da fingen zuerst die Römer an, gesprächig zu werden, und Agrikola fragte den überaus vergnügten und dabei dennoch sehr fromm gestimmten Wirt: »Aber sage du mir: Trägt denn eine solche Herberge doch so viel Gewinn, daß schon sicher deine Voreltern ein solch großartigstes Prachtgebäude haben erbauen können?«
   06] Sagte der Wirt: »Gerechter und mächtiger Herr, eine solche Herberge bringt im Verlaufe eines Jahres wohl freilich einen schönen Gewinn. Aber so ich auch die Gewinne von hundert Jahren zusammen täte, so wäre es dennoch nicht möglich, damit ein solches Haus aufzubauen.
   07] Siehe, die Fensterdeckung hatte wohl mein Vater und zum Teil auch schon ich errichtet; aber das Haus und seine Mauern sind schon gar alt und älter als die Stadt Bethlehem, die David, der große König der Juden, erbauen ließ, darum sie auch noch die Stadt Davids heißt!
   08] Dieses Haus soll zum Teil schon Saul, der erste König der Juden, erbaut haben; und als nach ihm David zum Könige durch Gottes Ratschluß gesalbt worden ist, da habe er es erst vollendet, bevor er noch an der Stadt zu bauen angefangen hatte, und hat es hernach auch lange Zeit bewohnt. In diesem Hause hat er viele seiner Psalmen geschrieben, von denen etliche noch in den weißen Marmorsteinen zu sehen und für den in der alten Schrift Kundigen auch zu lesen und zu verstehen sind.
   09] Auch die Schüssel und der Becher, die ich dem anbetungs- und der allerhöchsten Verehrung würdigsten Herrn und Meister vorgesetzt habe, sollen noch aus den Zeiten Davids ein Eigentum dieses alten Hauses sein. Er allein aber wird es am besten wissen, ob daran etwas Wahres ist.
   10] So sollen auch ich und meine Voreltern nach einer Seitenlinie von David abstammen. Das wenigstens aber ist gewiß, daß es in unserer Hauschronik, die einige Jahrhunderte zurückreicht, nicht vorkommt, daß je jemand dieses Haus und Gut irgend durch einen Kauf an sich gebracht habe. Sei ihm aber nun, wie ihm wolle, so ist doch das sicher und wahr, daß erstens dieses Haus weder mein Großvater noch mein Vater und noch weniger ich erbaut habe und es nun zweitens mit allem und jedem, was zum Hause gehört, und was das Haus enthält, mein volles und rechtliches Eigentum ist und ich niemandem in der Welt etwas schulde.
   11] Die Silber- und Goldgeräte sind wohl zum größten Teil von meinen mir aus unserer Hauschronik schon mehr bekannten Voreltern stets redlich und ehrlich angeschafft worden. Ich habe bis jetzt noch nichts von derlei Kostbarkeiten ins Haus geschafft; denn erstens ist dies Haus damit ohnehin reichlichst versehen, und fürs zweite halte ich wahrlich auf alle derlei Dinge nicht viel, weil wir sie, so herrlich sie auch sind, über kurz doch alle verlassen werden müssen, und vor dem ewigen Richter werden dann nur jene Schätze einen Wert haben, die wir uns durch die Befolgung Seines uns durch Moses und Seine Propheten geoffenbarten heiligsten Willens werden zu eigen gemacht haben.
   12] Das ist so mein lebendiger Sinn, den ich auch bis zum Grabe stets getreu beachten werde, und von jetzt an um so lebendiger, da mir durch die nie erwartete Ankunft des Herrn und Gottes ein so endlos großes Heil widerfahren ist. Aber nun wende ich mich ehrfurchtsvollst an den Herrn Selbst!«


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