Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 220. Kapitel: Vom Glauben und Schauen.

   01] (Der Herr:) »In diesem Moment nahm Ich dem Ratsherrn die innere Sehe, und er sah keinen Geist mehr. Aber er fragte Mich darauf ganz ängstlich, wohin denn nun die Geister gezogen seien, da er keinen mehr sehen, hören und sprechen könne.
   02] Sagte Ich: "Sie sind nun noch ebenso da, wie sie zuvor da waren; aber du kannst sie nun nicht mehr sehen, hören und sprechen, weil deine Seele noch zu sehr mit deinem Fleische und noch gar nicht mit dem Geiste Gottes in ihr vereint ist. Wenn du dich aber bestreben wirst, dich mit dem Geiste in dir zu einen, so wirst du auch die Geister, die um dich sind, allzeit sehen, fühlen und sprechen können. - Hast du das nun wohl begriffen?"
   03] Sagte der Ratsherr: "Jawohl, - aber mir geht es nun wie einem Betrunkenen, der auch manchmal ganz gescheit und gleich darauf auch wieder ganz dumm ist und spricht: Da werde ich Jahre brauchen, bis ich darüber in mir zu einer vollen Klarheit gelangen werde!"
   04] Sagte Ich: "Wer da eifrig sucht, der wird auch das finden, was er sucht. Es kann sich aber ein Mensch - wie das nur zu allgemein und häufig geschieht - sein Leben durch lange hin abmühen, daß er verderbe seinen Leib und noch mehr seine Seele; so kann er im Gegenteile sich ja auch abmühen zum ewigen Vorteile seiner Seele.
   05] So die Menschen so vieles wagen zum Vorteil ihres Leibes, der sterben wird in kurzer Zeit, - warum denn nicht um so mehr für die Seele, die ewig zu leben bestimmt ist? Und so sei auch du in der Zukunft tätiger für die Wohlfahrt deiner Seele denn für die Wohlfahrt deines Leibes, und es wird dann schon heller und klarer in dir werden!".
   06] Mir dieser Meiner Belehrung waren alle zufrieden und lobten sehr Meine Weisheit.
   07] Cyrenius aber sagte zu Mir: "Herr, warum durften denn wir die Geister, welche mein Ratsherr sah und sprach, nicht auch sehen und sprechen?"
   08] Sagte Ich: "Unter euch ist keiner, der da ungläubiger wäre als eben der Ratsherr. Für ihn war ein handgreiflicher Beweis nötig. Er glaubt nun, weil er den Ungrund seiner Zweifel gesehen hat. Aber das gereicht ihm zu keinem Verdienst, da er nicht nötig hat, fürderhin in sich den Beweis mühsam zu suchen, daß die Seele nach dem Abfalle des Leibes fortlebt.
   09] Wer aber das nicht gesehen hat, was er gesehen hat, der glaubt, was Ich ihm sage, und der Glaube ist für die Seele heilsamer als das Schauen, weil im Glauben sich die Seele freier bewegt als im Schauen. Ich aber kenne deinen Glauben und weiß, daß dir die Werke, die du Mich wirken sahst, schon als ein vollster Beweis dafür dienen, daß das vollwahr ist, was Ich sage; und so wäre es da ganz nutzlos, dir noch die Verstorbenen zu zeigen, daß sie dir sagten, daß Ich die Wahrheit zu euch rede.
   10] Wenn du aber durch deine Mühe voll des lebendigen Glaubens werden wirst, so wirst du dann schon auch aus dir selbst zum wahren und deine Seele nicht mehr nötigenden und freien Schauen gelangen. Siehe, in dem also besteht der gute Grund, warum ihr andern das nicht habt mit ansehen dürfen, was der zweifelvolle Ratsherr geschaut hat!"
   11] Als Cyrenius und die vielen anderen Gäste solches von mir vernommen hatten, dankten sie Mir sehr für solch eine Aufklärung und waren danach recht froh, daß sie die erschienenen Geister nicht gesehen und gesprochen hatten.
   12] Da es aber bei dieser Gelegenheit Abend geworden war, so wurden alsbald Lichter angezündet, und es ward uns angezeigt, daß das Abendmahl im großen Speisesaale aufgetragen sei. Da erhob sich Cyrenius und lud alle Anwesenden ein, am Abendmahle teilzunehmen. Aber etliche Ratsherren entschuldigten sich damit, daß sie angaben, sie müßten das zuvor ihren Familien kundgemacht haben, weil diese sonst mit ihrem Abendmahle auf sie warten würden.
   13] Ich aber sagte zu Ihnen: "Erfüllet den Willen des Cyrenius! Eure Familien sind bereits schon in Kenntnis davon, daß ihr nun hier zu Gaste geladen seid!"
   14] Fragte ein Ratsherr: "Wer hat denn unseren Familien nun in der kurzen Zeit diese Nachricht geben können?"
   15] Sagte Ich: "Eben Der, dem es möglich war, den Meeressturm zu stillen! Darum bleibet und glaubet, daß es also ist!"
   16] Auf diese Meine Worte blieben alle, und wir gingen in den Speisesaal. Es war darin ein eigener (besonderer) Tisch, auf dem sich für Mich, für Joseph, Jakobus und auch für den Griechen Anastokles bestbereitete Judenspeisen und ein gar vorzüglicher Wein befanden.
   17] Als Joseph solch eine besondere Aufmerksamkeit für uns merkte, sagte er zu Cyrenius: "Aber, hoher Freund und Gebieter, warum denn für uns wenige solch eine besondere Aufmerksamkeit? Wir hätten uns ja wohl auch mit den Speisen, die ihr Römer zu euch nehmet, ganz zufriedengestellt!"
   18] Sagte mit großer Freundlichkeit Cyrenius: "Freund, ich kenne dich noch von Ostrazine aus und weiß, daß du ein strenger Beachter eurer Judengesetze bist, und es war nun ja auch meine Pflicht, euch also zu bewirten, daß dabei euer Gemüt nicht beengt wird. Wir Römer aber sind an unsere Speisen gewöhnt, die abends zumeist im Fleische solcher Tiere bestehen, die ihr nicht esset, und so mache du dir nun nichts daraus, wenn ich für euch eigene Speisen bereiten ließ!"
   19] Mit dem war unser Joseph zufriedengestellt, und wir setzten uns an unsern Tisch. Die Römer aber lagerten sich um den großen Tisch, aber also, daß Cyrenius ganz nahe an unserem Tische Platz nahm, um mit uns während des Mahles über verschiedenes reden zu können.«


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