Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 208. Kapitel: Einkehr bei einem griechischen Wirt.

   01] (Der Herr:) »Hierauf machten wir uns aber auch gleich auf den Weg zur Herberge hin, wo des Griechen Lasttiere auf uns warteten.
   02] Als wir da ankamen, gab es bald der Neugierigen viele, die uns mit Fragen belästigten, und der Herbergswirt, Josephs guter Bekannter, sagte zu ihm: »Freund, ich möchte heute keine Reise unternehmen; denn es ist eine Sonnenfinsternis gewesen, und ein solcher Tag galt schon bei den Alten als ein Unglückstag!«
   03] Sagte Ich: »Wie klug ihr Leute doch seid! Auf solche leeren, aller Wahrheit baren Sagen haltet ihr; aber alles, was rein und wahr ist, das tretet ihr in den Kot und wollet es nicht hören. Daher halte du uns mit solchen leeren Dingen nicht auf!«
   04] Sagte der Wirt: »Oh, du mein lieber Geselle, die alten Menschen waren auch kluge Leute; daher sollen die Jungen deren Erfahrungen wohl beachten, sonst werden sie manches Ungemach zu erleiden bekommen!«
   05] Sagte Ich: »Befolge du nur, was Moses und die Propheten gelehrt haben; das wird dir nützlicher sein, als auf die Neumonde und auf die glücklichen und unglücklichen Tage zu halten! Wer Gottes Gebote hält und Gott über alles liebt und seinen Nächsten wie sich selbst, der hat keine Unglückstage zu fürchten; wer aber das nicht tut, für den ist ein jeder Tag ein wahrer Unglückstag!«
   06] Sagte der Wirt: »Na, na, das weiß ich auch; aber darum kann man auch auf die Sagen der Alten noch immer etwas halten!«
   07] Darauf grüßte er den Joseph nochmals und wünschte ihm viel Glück auf die Reise und zum Geschäft. Wir bestiegen dann die Lasttiere, und unsere Reise ging rasch vorwärts über Berge und Taler westwärts auf dem Wege gen Tyrus.
   08] Als wir aber den halben Weg zurückgelegt hatten und eine Herberge erreichten, die auch einem Griechen gehörte, da sagte unser Grieche: »Freunde, hier werden wir uns ein wenig stärken und den Lasttieren ein Futter reichen lassen!«
   09] Dieser Antrag war dem Joseph ganz recht, obwohl er gleich fragte, ob man da wohl auch den Juden erlaubte Speisen bekäme.
   10] Sagte der Wirt: »Ja, mein Freund, da wird es bei mir wohl eine kleine Not haben! Schweinefleisch habe ich wohl geräuchert zur Genüge, also auch gesäuertes Brot und Salz und Wein; aber etwas anderes wird nun nicht vorrätig sein.«
   11] Sagte Joseph: »Da wird es für uns etwas schlimm ausschauen; denn das Fleisch der Schweine dürfen wir Juden nicht essen und also auch in dieser Zeit kein gesäuertes Brot, da bei uns die Zeit der ungesäuerten Brote eingetreten ist. Hast du denn keine Fische und auch keine Hühner und Eier?«
   12] Sagte der Wirt: »Siehe, diese Herberge steht hoch auf einem Berge! Woher sollte man da die Fische nehmen? Also geht es hier auch mit der Zucht der Hühner schlecht; denn fürs erste gedeihen sie wegen Mangels an entsprechendem Futter beinahe gar nicht, und fürs zweite gibt es hier zu viele Raubvögel aller Art, die nicht nur die Zucht der Hühner nahezu unmöglich machen, sondern auch die Schafzucht sehr erschweren, weil die Lämmer vor den Luftbestien nicht einen Augenblick völlig sicher sind. Ich habe darum nur etwas Rind, als Stiere, Ochsen und Kühe und natürlich auch einige Kälber, und dazu auch Schweine, die hier ganz gut fortkommen; den Wein aber muß ich selbst kaufen in Tyrus. So steht es hier; was aber da ist, das will ich euch reichlich und billig geben.«
   13] Sagte Ich: »Bringe nur her, was du hast, und wir werden es schon essen!«
   14] Sagte Joseph: »Aber Sohn, was wird denn das Gesetz Mosis dazu sagen?«
   15] Sagte Ich: »Hast du denn schon wieder vergessen, wer Ich bin? Der in Mir ist, hat dem Moses die Gesetze gegeben, und Ebenderselbe sagt nun zu dir: Iß, was dir auf den Tisch gesetzt wird, wo du es nicht anders haben kannst; denn dem Reinen ist alles rein!
   16] Moses hat das Fleisch der unflätigen Tiere den Juden nur darum zu essen untersagt, auf daß sie selbst nicht noch unflätiger würden, als sie schon von Geburt an waren; aber im Notfalle durften auch die Juden das Fleisch der als unrein bezeichneten Tiere essen. Wir selbst aber waren nie unrein und werden auch nie unrein werden, und so kann uns auch keine Speise, wenn sie wohl bereitet ist, verunreinigen.«
   17] Mit dieser Meiner Erklärung war Joseph und auch Jakobus zufrieden, und der Wirt brachte uns sogleich wohlgeräuchertes und gut zubereitetes Schweinefleisch, Brot, Salz und einen guten Wein, und wir verzehrten alles ganz wohlgemut. Unser Grieche aber machte natürlich den Zechmeister und hatte eine rechte Freude, daß wir uns mit seinem Mahle so ganz zufriedengestellt hatten.
   18] Nach dem eingenommenen Mahle aber sagte Ich zu dem Herbergswirte: »Dieser deiner Herberge ist nun ein großes Heil widerfahren! Vom heutigen Tage an kannst du Hühner und Schafe züchten, soviel du magst und kannst; denn Ich will, daß diese Gegend von keinem Raubtiere mehr belästigt werde, weder am Boden noch in der Luft, solange du und deine Nachkommen diese Anstalt und Gegend besitzen werden. Wenn aber dereinst andere und schlechtere Wirte sich in den Besitz dieser Herberge und Gegend setzen werden, so sollen sie auch wieder von der alten Plage heimgesucht werden!«
   19] Sagte der Wirt: »Junger Freund, wie kannst du mich überweisen (überzeugen), daß das auch geschehen wird, was du mir nun so ganz ernstlich, als zweifeltest du nicht im geringsten daran, verheißen hast?«
   20] Sagte Ich: »Das wird so sicher geschehen, wie gewiß du in deinem Hause einen Schatz besitzest, den weder du noch einer von deinen Angehörigen und auch deine Vorfahren nicht gekannt haben! Nimm einen Spaten und hebe damit nur drei Spannen tief gerade an der Stelle, wo du nun stehst, den Boden, der aus Lehm besteht, aus, und es wird sich dir der Schatz zeigen, mit dem du dann nach deinem Belieben schalten und walten kannst!«
   21] Der Wirt brachte sogleich einen Spaten und hob mit Beihilfe seiner Knechte den Fußboden bald bis in die angezeigte Tiefe aus und fand zu seinem großen Erstaunen mehrere schwere Goldgefäße, die zusammen ein Gewicht von mehr als zweihundert Pfund hatten. Nun fragte er freilich gleich, wie und wann diese wertvollsten Dinge dahinein gekommen seien.
   22] Sagte Ich: »Du bist nun wohl schon der siebente Besitzer dieser alten Herberge, seitdem diese Dinge, die damals einer morgenländischen Karawane entwendet wurden, allhier - aus Furcht, entdeckt zu werden - in diesem Boden vergraben worden sind. Mehr brauchst du nicht zu wissen. Die aber, die diesen Schatz hier vergraben haben, waren nicht deines Stammes, und du bist kein Abkömmling von ihnen - denn du stammst von Athen her -; jene Besitzer aber waren Cyperer und waren Diebe, obschon gerade keine Raubmörder.«
   23] Sagte abermals der Wirt: »Aber wie kannst du das alles so genau wissen? Wer hat dir das angezeigt?«
   24] Sagte Ich: »So gut Mir jeder deiner geheimsten Gedanken bekannt ist in und aus Mir Selbst, ebenalso ist Mir auch das in und aus Mir Selbst bekannt! (Damit du aber siehst), daß Mir auch Deine Gedanken genauest bekannt sind, so sage Ich dir, was du dir heute morgen gar lebhaft gedacht hast. Du dachtest dir also: ,Diese meine Herberge ist wohl zuzeiten recht besucht und wirft manchen Gewinn ab; aber fände sich ein Käufer, der sie mir abkaufe um einen Preis, daß ich dafür in Tyrus eine bessere Herberge errichten könnte, so würde mir das wohl so lieb sein wie nicht leichtlich etwas Zweites in der Welt!'
   25] Siehe, das war dein Hauptgedanke! Darauf aber dachtest du nach, ob du diesen deinen Gedanken auch deinem Weibe mitteilen solltest; aber du fandest bald, daß das noch nicht an der Zeit wäre, weil dein Weib dann ungeduldig werden könnte und mit Ungestüm dich beschwören würde, solchen deinen Gedanken nur sogleich auszuführen. - Sage nun, ob Ich wohl genau um deine Gedanken weiß oder nicht!«
   26] Hier wurde der Wirt ganz außer sich vor Verwunderung und sagte darauf: »Nein, nein, ich habe viel gesehen, gehört und erfahren; aber so etwas ist mir noch nie vorgekommen! Ja, nun glaube ich dir auch ungezweifelt, daß diese Gegend von den Raubtieren völlig gesäubert werden wird. Du hast mir nun überaus viel Gutes erwiesen, - wie werde ich dich dafür gebührend zu belohnen imstande sein? Was verlangst du, daß ich dir dafür tun soll?«
   27] Sagte Ich: »Höre, du bist zwar auch ein Heide, aber du glaubst an deine vielen Götter nicht und hast dich darum mit unserer Lehre vertraut gemacht, was von dir sehr wohlgetan war! Ich aber sage dir: Glaube du nur fest an den allein wahren Einen Gott der Juden, liebe Ihn sogar über alles, und liebe aber auch deine Nebenmenschen also wie dich selbst, tue ihnen, was du vernünftigermaßen wollen kannst, daß sie das gleiche auch dir tun möchten, und du tust Mir dadurch Genüge für alles, was Ich dir nun getan habe; eines materiellen Lohnes aber bedarf Ich wahrlich nicht!«
   28] Hier staunte der Wirt abermals über Meine vollste Uneigennützigkeit und wollte von unserem Griechen keine Bezahlung für das annehmen, was wir bei ihm verzehrt hatten.
   29] Doch unser Grieche wollte das nicht und zahlte alles mit dem Beisatze: »Was du entbehren kannst, das verteile du unter die Armen, und du wirst angenehm sein dem allein wahren Gott der Juden und eigentlich aller Menschen!«
   30] Der Herbergswirt versprach auf das feierlichste, das alles zu tun und sein ganzes Haus zum Glauben der Juden zu bekehren.
   31] Darauf erhoben wir uns, bestiegen abermals unsere Lasttiere und zogen weiter. Der noch zurückzulegende Weg war ein recht anmutiger, und so erreichten wir noch eine Stunde vor dem Untergange der Sonne den Ort unserer Bestimmung.«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 7  |   Werke Lorbers