Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 180. Kapitel: Jesus erweckt ein verstorbene Witwe zum Leben.

   01] Als sie aber noch aßen und tranken, da kamen eine Menge Weiber und Kinder klagend und weinend in den Saal und baten den Nikodemus, daß er ihnen ihre Männer und Knechte, die ehedem von den römischen Soldaten eingesperrt worden waren, freigeben möchte.
   02] Aber Nikodemus sagte: »Eure Männer und Knechte werden in drei Tagen schon freigelassen werden, aber auch nicht einen Augenblick früher! Es ward ihnen zur Nachgiebigkeit geraten; da sie solche aber nicht annehmen wollten, so sollen sie nun ihren Starrsinn auch büßen!«
   03] Hier trat eine Tochter vor und sagte: »Herr, meine Mutter liegt daheim sterbenskrank! Sie ist eine Witwe und hat nur einen sonst recht treuen Knecht, der unser Haus ganz wohl besorgte. Dieser unser Knecht kam ehedem, als der Tumult auf der Straße entstand, nur ganz zufällig dazu, daß er als ein Emmauser zugunsten unserer Wirte einige Worte redete. Weil er aber das getan hat, so wurde er auch von den Soldaten ergriffen, gebunden und ins Gefängnis geführt. Ich bitte euch, ihr lieben Richter und Herren, nun um meiner sterbenskranken Mutter willen, daß ihr unseren Knecht, der ganz unschuldig ins Gefängnis gekommen ist, wieder freigeben möchtet!«
   04] Sagte hier Nikodemus: »Daß euer Knecht wohl weniger Schuld am Tumulte hat als die Wirte und ihre eigenen Knechte, das bezweifle ich gar nicht; aber er war denn doch so ein Helfershelfer dabei, und es geschah ihm darum kein Unrecht, daß er mit den andern in das Gefängnis kam. Aber wenn es sich mit deiner Mutter, die ich wohl kenne, also verhält, daß sie sterbenskrank ist, so werde ich hier unseren Hauptrichter fragen, ob Er es zugibt, daß euer Knecht freigelassen wird. Gedulde dich darum ein wenig!«
   05] Hierauf wandte sich Nikodemus natürlichermaßen an Mich und fragte Mich des Knechtes wegen, was da zu tun sei.
   06] Ich aber sagte: »Besagter Knecht kann darum aus dem Gefängnisse nicht freigelassen werden, weil er sich gar nicht darin befindet; denn als er merkte, daß der Starrsinn die Wirte und ihre Knechte nach deiner Androhung ins Gefängnis bringen wird, da riß er gleich und noch rechtzeitig aus und Verbarg sich draußen in derselben Hütte, in der wir heute morgen diese arme und kranke Familie angetroffen haben. Ich werde aber nun Raphael entsenden, und er wird ihn alsbald hierher bringen; dann erst wollen wir das Weitere verhandeln.«
   07] Ich gab Raphael einen Wink, und er begab sich schnell aus dem Saale und kam in wenigen Augenblicken mit dem Knechte wieder zu uns in den Saal. Als der Knecht sich im Saale befand, fing er an, alle darum um Vergebung zu bitten, daß auch er sich aus purer Neugierde am Tumult ein wenig beteiligt habe.
   08] Sagte Ich: »Sei darum in Zukunft klüger, und beteilige dich ja an keinem Tumulte mehr, sonst könnte es dir einmal übel ergehen! Jetzt aber gehe du mit dieser Tochter jener kranken Mutter, bei der du im Dienste stehst, nach Hause, und bringet die kranke Mutter hierher, und Ich werde sehen, ob ihr wohl noch zu helfen ist!«
   09] Da entfernten sich die beiden schnell, kamen aber gar bald weinend wieder, und der Knecht sagte: »O du guter Richter und sicher auch ebenso guter Arzt, die Mutter dieser Tochter und meine Dienstfrau ist gestorben! Als wir nach Hause kamen, lag sie schon völlig entseelt in ihrem Bette; der wird darum wohl nicht mehr zu helfen sein!«
   10] Sagte Ich: »So ihr glauben könntet, da könntet ihr auch sehen die große Herrlichkeit der Macht Gottes im Menschen!«
   11] Sagten beide: »O Herr, die Macht Gottes ist wohl groß und herrlich, aber gegen den Tod hat sie doch kein Kräutlein erschaffen! Es gibt wohl sicher gar wundersame Mittel, mit denen die schwersten Krankheiten geheilt werden können, - aber macht ein Mittel einen Toten je wieder lebendig?! Wir glauben wohl, daß die Seelen der Menschen nach des Leibes Tode für sich fortleben, daß aber der einmal tote Leib je wieder zum Leben erweckt wird, ist wohl schwer zu glauben! Man spricht von einem Jüngsten Tage, an dem etwa alle, die in den Gräbern schon lange vermodert sind, wieder auferstehen werden; aber uns scheint das nur so eine leere Trostlehre zu sein, damit sich die Menschen vor dem Tode nicht gar zu sehr fürchten möchten. Wir aber meinen, daß ein jeder, der einmal gestorben ist, in Ewigkeit nie wieder auferstehen wird.
   12] Was aber mit der Seele nach dem Tode des Leibes geschieht oder geschehen wird, das wird auch nur Gott allein wissen; denn zurück ist unseres Wissens wohl noch keine Seele gekommen, die gesagt hätte, wie es drüben in irgendeiner andern Welt aussieht. Wir danken dir, du bester Richter und Heiland, für deinen guten, Willen, unsere Mutter gesund zu machen; aber da sie bereits gestorben ist, so ist ihr auch nicht mehr zu helfen, und es wäre wahrlich sehr ungeschickt von uns gewesen, so wir die Tote hierher gebracht hätten!«
   13] Sagte Ich: »Die Verstorbene könnte ja wohl auch nur scheintot sein, und in diesem Falle könnte sie wohl wieder ins Leben zurückgerufen werden!«
   14] Sagte die Tochter: »O du bester Heiland, die Mutter starb an der völligen Auszehrung, an der sie als unheilbar volle fünf Jahre litt! Wer aber an solch einer Krankheit stirbt, der ist kein Scheintoter, sondern ein völlig wirklich Toter! Darum lassen wir sie nun nur ruhen; denn diese könnte nur ein Gott wieder ins Leben zurückrufen, aber keines Menschen Kunst und Macht jemals!«
   15] Sagte Ich: »Du hast einesteils für deine Erkenntnis freilich wohl recht, und auch darum, weil du Mich nicht kennst; aber es hätte dir dabei doch etwas auffallen sollen, als Ich zuvor genauest anzugeben imstande war, wohin sich euer Knecht versteckt hatte, obschon Ich auch während des Tumultes diesen Meinen Platz nicht einen Augenblick lang verlassen habe. Wenn Ich aber das imstande war, da dürfte Ich etwa wohl noch manches andere zu bewirken imstande sein, so ihr daran glauben würdet und euch die Mühe nähmet und die Verstorbene hierher brächtet.«
   16] Sagten beide: »O bester Heiland, wenn es dir und allen andern hohen Gästen nicht unangenehm wäre, so wollten wir die Tote bald hierhergeschafft haben; aber ihr sitzet hier beim fröhlichen Mahle, und es wird sich eine Leiche dabei sicher nicht schicksam ausnehmen!«
   17] Sagte Ich: »Ob sich das schicken wird oder nicht, das wird schon die Erfahrung zeigen; gehet denn und schaffet die Verstorbene hierher!«
   18] Hierauf entfernten sich die beiden und brachten mit Hilfe von noch ein paar Dienstmägden die Verstorbene samt dem Bett, darin sie tot lag, in den geräumigen Saal.
   19] Als die Tote da lag, da wurden alle Anwesenden ein wenig erschüttert und sahen bald Mich und bald wieder die Leiche an.
   20] Ich aber erhob Mich und sagte: »Wer unter euch ein Kundiger ist, der trete hin zur Leiche und untersuche, ob sie völlig tot ist!«
   21] Sagten die meisten: »O Herr und Meister, die braucht wohl niemand mehr zu untersuchen; denn der sieht man den vollen Tod schon von weitem an!«
   22] Sagte Ich: »Nun gut denn, so will Ich aber, daß sie lebe, aufstehe und völlig gesund sei und bleibe bis in ihr hohes Alter!«
   23] Als Ich solches ausgesprochen hatte, da erhob sich das tot gewesene Weib eilends aus dem Bette, besah sich die Gäste und fragte darauf ihre teils erschrockene und teils wieder hoch erstaunte Tochter: »Wo bin ich denn, und was ist mit mir vorgegangen?«
   24] Sagte die Tochter: »Liebe Mutter, du warst todkrank und bist vor einer Stunde zu meinem größten Leidwesen auch gestorben! Und siehe, dieser wunderbare Heiland hat dich nun wieder erweckt und dir die volle Gesundheit und dazu noch ein langes Leben verheißen und sicher auch verschafft!«
   25] Sagte die Erweckte: »Ja, ja, ich lebe und fühle mich wahrlich ganz vollkommen wohl und gesund! Aber womit werden wir nun diesen wunderbaren Heiland gebührend zu belohnen imstande sein, da ich im Grunde nur eine arme Bürgerswitwe bin?«
   26] Sagte Ich: »So ihr von eurer Habe etwas mit einem Armen teilet, so ist das ebensoviel, als tätet ihr das Mir! Du aber warst eben noch dasjenige barmherzige Weib, das von seiner spärlichen Habe am meisten und am öftesten gerne den noch Dürftigeren und Ärmeren etwas mitteilte; weil du aber barmherzig warst gegen deine armen Nächsten, so hast du auch Barmherzigkeit bei Mir gefunden. Nun aber setze dich zum Tische und iß und trink, auf daß deine Glieder und Eingeweide gestärkt werden!«
   27] Da setzte sich das Weib mit der Tochter und mit ihren Dienstleuten zu einem Tische, und es wurden ihnen gegeben frisch bereitete Fische, Brot und Wein. Und sie alle aßen und tranken ganz wohlgemut und dankten sehr für die ihnen erwiesene Wohltat.
   28] Als sie sich aber also wohl gestärkt hatten, da erhoben sie sich alle vom Tische, Mich hoch lobend und Mir dankend. Die Dienstleute nahmen das Bett und trugen es nach Hause; das Weib und ihre Tochter aber blieben noch und lobten Mich und dankten Mir noch mehr.
   29] Ich aber sagte zur Tochter: »Was sagst du, Kleingläubige, denn jetzt? Kann man einen Toten erwecken oder nicht?«
   30] Sagte die über alle Maßen gerührte Tochter: »Dir, o Herr und Meister, ist so etwas sicher ganz allein nur möglich! Darum bist du aber auch sicher mehr als ein purer Menschenheiland! Dich werden alle Geschlechter loben und preisen bis ans Ende der Welt; denn solche Taten können den Menschen nicht verborgen bleiben.«
   31] Sagte Ich: »Da hast du wohl recht geurteilt, - doch vorderhand machet mich nicht zu ruchbar in eurer Gemeinde! Nun aber könnet ihr euch nach Hause begeben!«
   32] Hierauf dankten die beiden Mir noch einmal und entfernten sich dann, von Nikodemus und Joseph von Arimathia bis zu ihrem Hause begleitet, bei welcher Gelegenheit diese den beiden ihre reichliche Unterstützung versprachen und also auch ihr Versprechen treulichst erfüllten.
   33] Als die beiden zurückkamen, da sagte zu Mir Nikodemus: »Herr, wir haben dieser von Dir Erweckten Witwe unsere volle Unterstützung zugesagt, und Ich meine, daß wir dadurch nicht gefehlt haben!«
   34] Sagte Ich: »Wenn hat einer je gesündigt, so er ein rechtes Werk der Barmherzigkeit ausgeübt hat? Doch was ihr tuet, das tuet im stillen, und lasset euch darum nicht loben von der Welt; denn es genügt mehr als vollkommen, so Gott, vor dem nichts unbekannt und verborgen bleibt, das sieht und weiß, was da jemand Gutes tut im verborgenen. Wer sich aber des Guten wegen, das er getan hat, von der Welt loben und ehren läßt, der empfängt dadurch auch schon seinen Lohn für seine ausgeübten guten Werke und wird dafür dereinst in Meinem Reiche einen sicher höchst geringen Lohn finden. Darum aber soll sogar deine rechte Hand nicht erfahren, was deine linke getan hat. Dieses fasset auch in euer Herz und tut danach, so werdet ihr leben und euren Lohn finden in den Himmeln!«
   35] Hierauf sagten die beiden nichts mehr; denn sie merkten, daß es nicht nach Meinem Sinne war, daß sie Mir laut vor allen Anwesenden sagten, was Gutes zu tun sie sich vorgenommen hatten.
   36] Die Damasker Handelsleute aber waren bei dieser Gelegenheit ganz außer sich vor lauter Verwunderung geworden, und der Wortführer sagte in tiefster Ehrfurcht vor Mir: »Herr und Meister, Du bist wahrlich mehr als ein purer Mensch! Schicke daher nur ehest Deine Jünger zu uns und wir werden sie hören und ehren, und werden tun, was sie uns lehren werden in Deinem Namen. Wir danken Dir aber nun auch für alles, was wir hier empfangen und auch gesehen haben. Wir werden uns nun in unsere Herberge begeben und dort unseren noch sehr blinden Gefährten mitteilen, was wir nun in einer Stunde Zeit alles erlebt haben; und so empfehlen wir uns Deiner Gnade!«
   37] Hierauf verließen uns auch diese Kaufleute.


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