Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 178. Kapitel: Jesus schlichtet Streit zwischen den Damaszenerhändlern und den Wirten von Emmaus.

   01] Die Mahlzeit dauerte bei einer halben Stunde lang, und als wir uns alle hinreichend gesättigt und gestärkt hatten, entstand draußen auf der Straße wieder ein Tumult und ein großer Lärm, auf den bald mehrere Menschen zu uns in den großen Speisesaal kamen und mit Nikodemus reden wollten.
   02] Dieser erhob sich und fragte sie mit ernster Miene, was es denn gäbe, und was sie nun so spät am Abende wollten.
   03] Da trat ein Damaszener zu ihm und sagte: »Herr, wir haben es erst jetzt in die volle Erfahrung gebracht, daß du der Oberste dieses Ortes bist, und wir sind denn gekommen, um bei dir dahin eine gerechte Beschwerde vorzubringen, daß wir hier als reisende Handelsleute sehr übel aufgenommen worden sind! Wir wollen nach Recht und Billigkeit schon alles bezahlen, was wir verzehren, - aber gerade die ganze Haut lassen wir uns von diesen elenden und überhabsüchtigen Emmausern nicht abziehen! Es muß uns da Recht gesprochen werden, oder wir appellieren an den Kaiser, dessen treue Untertanen wir sind!«
   04] Sagte weiter Nikodemus: »Und worin besteht denn so ganz eigentlich das Unrecht, das euch hier im Orte zugefügt worden ist?«
   05] Sagte der Wortführer: »Streng gerechter Herr! Wir haben unsere Wagen und Lasttiere draußen auf einem großen, freien Platze aufgestellt und gingen dann teilweise in die verschiedenen Herbergen dieses Ortes, weil wir in dieser großen Herberge keine Unterkunft haben bekommen können. Wir haben uns nun mit einer sehr mageren Kost gestärkt und wollten alles, was wir Verzehrt hatten, auch sogleich nach Recht und Billigkeit bezahlen, - allein diese Wirte haben uns eine Rechnung gemacht, die wir in Damaskus einem Gaste, obschon wir auch gerade nichts verschenken, auch dann nicht machen würden, so er ein ganzes Jahr bei uns zehren würde! Ah, das ist in dieser Welt ja doch noch nie dagewesen!«
   06] Sagte Nikodemus: »Was habt ihr denn gegessen und getrunken, und wieviel hat man dafür von euch verlangt?«
   07] Sagte der Wortführer: »Streng gerechter Herr! Wir bekamen jeglicher einen mäßigen Fisch, ein Stück gesäuerten Brotes und einen Becher ganz mittelmäßigen Weines, und nicht mehr und auch nicht weniger. Und dafür verlangten diese wahren Wucherer von jedem - sage - hundert Groschen, ein Geld, mit dem man sonst nach dem weiten Indien und von dort wieder zurück reisen kann! Ah, so was ist denn doch noch nie erhört worden! - Was sagst du, strenger und gerechter Herr, dazu?«
   08] Sagte Nikodemus: »Habt ihr den Wirten das von ihnen verlangte Geld etwa auch schon hingegeben?«
   09] Sagte der Wortführer: »Streng gerechter Herr! Da müßten wir große Narren gewesen sein! Aus dem Grunde, weil wir ihnen das verlangte Geld wohlweise vorenthielten, ist ja eben dieser Tumult auf der offenen Straße entstanden! Sie wollen uns nun gleich Straßenräubern unsere Waren wegnehmen, und wir suchen eben aus diesem Grunde gegen eine solche rohe Gewalt gerechten Schutz bei dir; wird uns der nicht, so sollen diese elenden Emmauser die Damaszener kennenlernen!«
   10] Sagte Nikodemus: »Nun, ihr habt eure Sache hier vorgebracht, und es wird euch auch, wenn sich alles genau also verhält, wie ihr es mir angezeigt habt, Recht und volle Gerechtigkeit werden; bevor ich aber euch die volle Gerechtigkeit kann angedeihen lassen, muß ich auch eure Gegner anhören, was diese etwa gegen eure Beschwerde bei mir vorbringen können! Das müßt ihr euch schon gefallen lassen!«
   11] Sagte der Wortführer: »Uns ist das schon ganz recht; sie sollen nur vortreten!«
   12] Sagte Nikodemus: »So jemand von den höchst unbilligen Wirten und Herbergehaltern da ist, der trete vor und rede!«
   13] Es befanden sich drei solche Wirte unter den fremden Klägern, traten vor und sagten: »Wir leugnen es nicht, daß wir die von ihnen angegebene Summe fürs Abendmahl von ihnen wirklich verlangt haben, was wahrlich vielzuviel ist; aber wir waren auch schon zu öfteren Malen in Damaskus, wo wir unsere Sachen auf den Markt brachten. Wir hielten uns allzeit nur drei Tage auf und sind in den Herbergen auch ebenso haarsträubend teuer gehalten worden. Wenn wir sie nun ums Zehnfache teurer halten, als wie da bei uns andere Reisende gehalten werden, so nehmen wir von ihnen nur das zurück, was sie schon seit lange her von uns zuviel genommen haben. Und so wir nun das tun, da meinen wir, daß wir nach dem Gesetze Mosis, wo es heißt "Auge um Auge, und Zahn um Zahn!" da kein Unrecht begehen!«
   14] Sagte nun Nikodemus: »Ja, da wird es dann schwer, einer wie der andern Partei ein volles Recht zuzuerkennen! Denn ihr Damaszener habt lieblos gehandelt an den Emmausern, und diese handeln nun unrecht an euch! Es ist darum leichtbegreiflich schwer, ein rechtes Urteil zu sprechen. Vergleichet euch, und entschädiget euch gegenseitig, und euer Streit hat vor Gott und vor den gerecht denkenden und wollenden Menschen ein Ende!«
   15] Sagte der damaszenische Wortführer: »Streng gerechter Herr, wir kennen nur ein Recht, und das heißt bei uns Billigkeit! Es ist schon wahr, daß an den öffentlichen Markttagen in unserer großen Stadt die Handelsleute etwas teurer gehalten werden als jene, die ihnen ihre Waren abkaufen; aber das ist auch wahr, daß diese Emmauser von uns nun geradesoviel verlangt haben, als was sie bei uns allenfalls in zehn Jahren zuviel bezahlt haben, wofür wir aber ganz und gar nicht können, da wir keine Herberge halten, sondern bloß ganz einfache Handelsleute sind, die mit dem in aller Welt Handel treiben, was die Kunst ihrer Hände geschaffen hat. Wollen sich die Emmauser Wucherer an uns Damaszenern entschädigen, so sollen sie hingehen und sich dort an den Herbergshaltern entschädigen, aber nicht an uns, die wir sie niemals bei den Artikeln, die sie von uns gekauft haben, überhalten (übervorteilt) haben!«
   16] Sagten darauf die Emmauser: »Das werden wir wohl nicht tun; denn wir haben geschworen, das überteure Damaskus nie wieder zu besuchen! Diese sollen uns nur bezahlen, was wir verlangen, und sollen sich dann daheim bei ihren teuren Herbergshaltern an unserer Statt schadlos halten!«
   17] Nun trat Nikodemus zu Mir und fragte Mich, was er da tun solle.
   18] Sagte Ich: »Die Damaszener haben recht, und die Emmauser sind höchst unbillige Wucherer! Sie sollen verlangen, was Recht ist, und nach dem soll ihnen ein jeder der Handelsleute für sich nur zwei Groschen bezahlen und nicht einen Stater mehr! So die Emmauser in Damaskus überhalten (übervorteilt) worden sind, so waren sie offenbar selbst schuld daran; denn sie wollten sich dort als reiche Menschen zeigen und schwelgten und praßten oft übermütig, und es war von den Damaszenern schon ganz recht, daß sie sich dafür auch ganz ordentlich zahlen ließen. Wenn aber diesen Emmausern die Rechnung in Damaskus zu hoch dünkte, so hätten sie sich ja damals bei den dortigen Richtern beschweren können! War ihnen aber infolge ihrer hochmütigen Großtuerei damals die Rechnung recht, so muß sie auch jetzt recht sein! Wollen sie aber diesen Damaszenern nun eigenmächtig Gewalt antun, so wird auch ihnen Gewalt angetan werden! Sie können nun eins oder das andere wählen und tun, wie sie wollen; wir werden aber dann auch tun, was wir wollen werden!«
   19] Diese Meine Worte vernahmen die Damaszener recht gut, aber auch die drei Emmauser.
   20] Die Damaszener aber traten zu Mir, und der Wortführer sagte: »Höre, du uns gänzlich unbekannter Freund! Du hast da gesprochen die allerreinste Wahrheit; also war es auch! Diese Menschen haben, weil sie in der großen Nähe der großen Stadt Jerusalem wohnen und hausen, uns Damaszener nahe schon für gar nichts gegen sie angesehen und zeigten uns durch ihr übermütiges Schwelgen, wie reich und geldmächtig sie gegen uns seien; sie bekamen von unseren Wirten denn auch, was sie verlangten, und es war ihnen damals nichts zu teuer. Jetzt erst muß ihnen die Reue über ihre bei uns verübte Schwelgerei gekommen sein, und sie wollten sich nun an uns gänzlich Unschuldigen entschädigen, wie die Tatsache hier das nur zu klar beweist. Aber du, edelster und wahrhaftigster Freund, hast nun ein völlig rechtes Urteil gefällt, und wir fügen hier nur diese Bitte bei, daß es auch tatsächlich ausgeführt werden möchte!«
   21] Hierauf traten ganz keck die drei Wirte vor und sagten: »Gegen die Ausführung dieses Urteils werden wir uns zu schützen wissen! Wer bist du denn, daß du es wagst, gegen uns aufzutreten und die betrügerischen Damaszener in Schutz zu nehmen?«
   22] Sagte Ich: »Hier, da an Meiner Rechten, sitzen die machthabenden Römer, die um Meinetwillen sogar von Rom hierhergekommen sind! Diese werden es euch schon sagen, so ihr euch nicht Meinem Urteile werdet fügen wollen, wer Ich so ganz eigentlich bin! Dann aber auch wehe euch, ihr wucherischen Seelen! Was Ich gesagt habe, bei dem wird es auch verbleiben! Tut ihr nun, was ihr wollet!«
   23] Auf diese Meine Worte entfernten sich die drei Wirte schnell und faßten den Sinn, mit ihren Knechten, Gefährten und Helfershelfern die Karawane, die sich draußen im Freien befand, anzugreifen und sich zahlhaft zu machen. Ich gab solches auch Nikodemus und Agrikola zu verstehen.
   24] Agrikola, der nun die harten Emmauser durchaus nicht mehr leiden konnte, fragte gleich den Nikodemus, ob römisches Militär sich im Orte befinde.
   25] Und Nikodemus antwortete: »Mächtiger Freund, es liegen hier für beständig bei hundert Mann römische Soldaten!«
   26] Sagte Agrikola: »Bescheide mir den Kommandanten hierher!«
   27] Sagte Ich: »Freund, wenn eine Gefahr im Verzug ist und in der sicheren Aussicht steht, so kommt da deine wohlgemeinte Anordnung schon um ein bedeutendes zu spät! Ich habe darum durch Meinen Raphael schon alles besorgt, und die römischen Soldaten leisten bereits schon, was ihnen anbefohlen wurde. Sie werden die halsstarrigen Wirte bald hierher bringen; denn als diese mit ihren Helfershelfern sich den Wagen und Lasttieren nahten, wurden sie von den daselbst schon aufgestellten Soldaten umringt und gefangengenommen. Sie werden nun auch alsbald hierher vor diese Herberge gebracht werden, und der Kommandant wird hereintreten und Nikodemus ums Urteil befragen.«
   28] Agrikola war das natürlich vollkommen recht, und Nikodemus fragte Mich, was für ein Urteil er da fällen solle.
   29] Sagte Ich: »Hast du doch ehedem vernommen, was Ich zu diesen hier noch anwesenden Damaszenern gesagt habe! Wollen sich die Wirte aber damit durchaus nicht zufriedenstellen, so nimm du den von Mir ausgesprochenen Betrag von den Damaszenern in Empfang, und verteile ihn bei einer rechten Gelegenheit unter die Armen! Die bösen Wirte aber sollen dafür volle drei Tage hindurch im Kerker verweilen und dann bei ihrer Freilassung ernstlich ermahnt und bedroht werden; das wird genügen, sie für künftige Fälle nüchtern und billig zu stimmen.«
   30] Als Ich Nikodemus solchen Rat erteilt hatte, da trat auch schon der römische Kommandant zu uns in den Speisesaal, trug Nikodemus vor, was es gäbe, und verlangte von ihm das Urteil.
   31] Und Nikodemus sagte dem Kommandanten, was Ich ihm zuvor gesagt hatte.
   32] Dieser hinterbrachte das sogleich den Wirten, die aber das Urteil unter allerlei Vorwänden nicht annehmen wollten. Da aber machte der Kommandant mit ihnen gleich vollen Ernst und warf sie in einen Kerker, und die Damaszener legten, als sie das vernahmen, sogleich die von Mir ausgesprochene Zahlung für das Abendmahl für die gesamte Karawane in die Hände des Nikodemus und dankten Mir über Hals und Kopf für das von Mir ausgesprochene Urteil.


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