Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 138. Kapitel: Ankunft der sieben Oberägypter. Die erkenntnistiefe Rede des Ägypters an Jesus. Vom rechten Genießen der Nahrung.

   01] Auf das hin eilten die beiden Römer hinaus, und als sie an die Türschwelle traten, da standen auch schon die sieben Oberägypter an der Flur des großen Herbergshauses, und der erste, der, wie bekannt, die römische Expedition vor mehreren Jahren nicht weiter vordringen ließ, trat auf die ihm wohlbekannten Römer zu, reichte ihnen seine dunkelbraune Hand und sagte (der Ägypter): »Ich grüße euch nun als meine Freunde, so wie ich euch auch vor mehreren Jahren im tiefen Oberägypten als Freunde entließ. Ihr habt euch meiner wohl recht oft erinnert und seid auch aufgrund dessen, was ihr von mir vernommen habt, hierher gezogen, um das Wesen eines wahren Menschen tiefer zu erforschen und in euch selbst kennenzulernen; doch davon hattet ihr keine Ahnung, daß ihr auch mich einmal in diesem Lande sehen werdet.
   02] Ich aber bin nun nicht so sehr euretwegen als vielmehr eines Menschen wegen, den ihr noch nicht kennet, hierher gekommen, auf daß Er auch uns taufe mit dem Feuer der ewigen Wahrheit Seines Geistes. Der allein hat uns Seinen vielen Jüngern schon gestern angesagt, daß wir kommen und Ihm ein wahres Zeugnis geben werden. Und Er kam auch heute mit Seinen Jüngern darum hierher, weil Er wohl wußte, daß wir deshalb hierher kommen würden, weil Er uns mit Seinem allmächtigen Willen eben hierher beschieden hat. Lasset uns daher in diese Herberge treten und uns tief verbeugen vor Dem, dessen noch sehr ohnmächtige Kinder wir sind!«
   03] Sagten die beiden Römer: »Meinst du etwa gar den berühmten Heiland aus Galiläa, von dem wir wohl gar Seltsames vernommen, obwohl wir ihn persönlich noch nicht gesehen haben?«
   04] Sagte der Ägypter: »Ja ja, Freunde, Den meinen wir! Lasset uns daher nur zu Ihm hineineilen!«
   05] Hierauf öffneten die Römer die Tür des großen Speisesaales, und die sieben Ägypter traten mit großer Ehrerbietung in den Saal, gingen gleich auf Mich zu, verneigten sich tief vor Mir, und der erste sagte: »So, o Herr von Ewigkeit, war es Dir wohlgefällig, Dich mit dem Fleische Deiner Menschen zu umhüllen! Sei darum gepriesen in Ewigkeit von aller Kreatur, der Du nun das große Tor geöffnet hast, einzugehen in Dein ewig großes Reich des Lebens!
   06] Als Du in Deinem urewigen Geiste mächtig die ganze Unendlichkeit erfülltest und Wesen aus Dir schufst ohne Zahl und ohne Maß, da war kein Geschöpf Deiner Weisheit und Macht frei, sondern es war gefesselt durch Deinen Willen. Nun aber hast Du Dich Selbst mit dem Fleische der Menschen, Deiner Geschöpfe, gefesselt, auf daß Du Selbst alle Kreatur frei machst und sie in das Reich Deines ewig freiesten Gottlebens einführen kannst. Darum sei Du, o Herr von Ewigkeit, wieder über alles hochgepriesen und gebenedeiet!
   07] So frei und selbständig hast Du nun Deine Geschöpfe gezeihet (gestellt), daß sie Dein Wort hören und Du als ihr Schöpfer ihnen sogar ein Lehrer bist und sie die Wege lehrest, auf denen wandelnd sie Dir völlig ähnlich werden können. Oh, darum preise Dich ewig jedes Atom Deiner ewigen Unendlichkeit; denn es ist nun auch berufen, in ein freies Leben einstens einzugehen!
   08] Nun aber lasse uns, Du großer, ewiger Gott, Herr und Schöpfer, eine Zeitlang uns weiden an Deinem Antlitze! Denn höret, ihr Geschöpfe, ihr Menschen alle: Ewigkeiten zu Ewigkeiten verrannen, und zahllose Geschöpfe sind aus Ihm hervorgegangen, die Er als Seine Gedanken beschaute, und flossen wieder in Ihn zurück. Doch nie hatte eines Geschöpfes Auge seinen unendlichen und ewigen Schöpfer geschaut, und jetzt, da es Ihm nach Seinem ewigen Ratschlusse gefallen hat, Sich Selbst in Seiner ganzen ewigen Wesenheit Seinen Geschöpfen schaubar und begreifbar zu machen, ist Er, der Ewige, Unendliche, ohne Veränderung Seiner Macht und Größe als schaubarer Gott in Menschengestalt unter euch, und ihr sehet Ihn und redet mit Ihm - und begreifet und fasset es dennoch nicht, Wen ihr in eurer Mitte habt! Oh, bedenket das, was ich euch nun gesagt habe, und dann saget alle: O Herr, ich bin aus mir ewig unwürdig, daß ich mit Dir unter einem Dache stehe; aber sprich Du zu mir nur ein Wort, und meine Seele hat aus Deinem einen Worte das ewige Leben!«
   09] Hierauf legte der Ägypter seine Hände kreuzweise über seine Brust und betrachtete Mich, übergroßer Gedanken voll, vom Haupte bis zu den Füßen, und seine Gefährten taten dasselbe. In diesem Momente getraute sich kein Mensch, auch nur eine Silbe zu reden, und es waren aller Augen fest auf Mich gerichtet.
   10] Nach einer Weile aber sagte Ich zu den Ägyptern: »Seid Mir herzlich willkommen, ihr Meine Freunde, vom fernen Lande hierher kommend! Ihr sollet und werdet Mir heute zur tieferen Belehrung dieser eurer Brüder und zur Kräftigung ihrer Seelen noch sehr ersprießliche Dienste leisten! Doch ihr seid schon nahe zwei Tage lang ohne Speise gewandert und wurdet nur vom Geiste aus genährt; aber nun muß euer Leib auch einmal eine wirkliche Stärkung von den Früchten dieser Erde erhalten, und diese soll euch alsbald im Brote und Weine gereicht werden!«
   11] Der Ägypter entschuldigte sich zwar sehr und sagte, daß ihn Mein Anblick mehr als hinreichend gestärkt habe.
   12] Aber Ich sagte: »Das weiß Ich gar wohl, daß eine vom Geiste erfüllte Seele den Hunger des Leibes nicht fühlt; aber dessenungeachtet muß der Leib seine natürliche Nahrung bekommen, weil er sonst der Seele mit der Zeit kein vollkommenes Werkzeug abgeben könnte. Und so müsset nun auch ihr zuvor eine ordentliche Nahrung zu euch nehmen, damit ihr darauf desto kräftiger werdet, Mir die guten Dienste eurer Brüder wegen zu leisten!«
   13] Auf diese Meine Worte hin willigten sie endlich gern ein, Nahrung zu sich zu nehmen, und Nikodemus sorgte auch augenblicklich dafür, daß sofort ein bester Wein und auch ein bestes Brot und Salz herbeigeschafft wurden.
   14] Als sich nun Brot und Wein und Salz auf einem eigenen Tische befanden, da sagte wieder Ich: »Da, Kinder aus der Ferne, setzet euch, esset und trinket!«
   15] Da setzten sich die sieben alsogleich an den Tisch und aßen und tranken ganz wohlgemut; denn nun erst fingen sie an zu verspüren, daß sie wirklich hungrig und durstig waren. Sie konnten die Güte des Brotes und des Weines nicht genug loben und erklärten sie für eine Lebensspeise aus dem Himmel.
   16] Der erste sagte, indem er noch aß und von Zeit zu Zeit auch trank: »In meiner Seele habe ich oft solch ein Brot und solch ein Getränk geschmeckt, doch über meine Fleischeszunge ist solch eine Leibeskost noch niemals gekommen! Darin sind wahrlich alle Lebensstoffe in der äußersten Form vereint und stärken nicht nur den Leib, sondern auch die Seele!
   17] Oh, wie weit und wie tief könnten es die Menschen in der Sphäre des inneren Lebens bei solch einer Kost bringen, wenn sie wüßten, was sie genießen, und was diese Kost enthält; aber sie wissen das nicht und sehen den Tag auch vor lauter Licht nicht. Aber sie werden nach und nach schon noch einsehen, daß sie in dieser Kost Gottes lebendiges Wort und Seinen Willen genießen. Könnten sie das in sich auflösen und begreifen, dann erst wären sie wieder vollkommene Menschen; aber weil sie das noch lange nicht vermögen, so müssen sie so lange Jünger sein und verbleiben, bis sie das in sich begreifen und in ihr Leben übertragen werden.«
   18] Alle Anwesenden stutzten gar sehr über diese Bemerkungen des Ägypters, der das alles auf eine ganz schlichte und alleranspruchsloseste Weise vorbrachte. Selbst Meinen alten Jüngern fing dabei manches ganz neue und helle Licht an aufzugehen; aber es hatte keiner von ihnen den Mut anzufangen, mit dem Ägypter Worte zu wechseln.
   19] Unsere drei Magier sagten bei sich: »Da sehen wir nun erst recht klar, was alles uns noch abgeht! Oh, welch ein Unterschied zwischen uns und diesen sieben Menschen!«
   20] Lazarus kam von rückwärts zu Mir und sagte: »O Herr, die Weisheit dieses einen macht mich ganz kleinmütig! Wir sind nun an der urersten Quelle, und wie ungeheuer weit ist der vor uns!«
   21] Sagte Ich: »Mache dir nichts daraus, ihr werdet schon auch dahin und noch weiter kommen; aber ihr müsset Geduld und Eifer haben, denn mit einem Streiche fällt kein Baum im Walde! Ich habe diese rechten, aber wohl sehr wenigen Menschen ja nicht zu eurer Beschämung, sondern nur zu eurer wahren Belehrung hierher kommen lassen. Da werdet ihr sehen, was wahre Menschen vermögen, und was dann auch ihr vermögen werdet, so ihr durch die Beachtung Meiner Lehre zu wahren Menschen werdet umstaltet worden sein.
   22] Aber nun lassen wir sie noch essen und trinken; denn sie haben wahrlich bei zwei Tage lang nichts gegessen und auch wenig getrunken. Nikodemus aber möchte nun schon dafür zu sorgen anfangen, daß auch wir bald etwas zu essen und zu trinken bekommen, und also auch unsere Jungen im Nebengemache, wo Raphael und du sie untergebracht haben.«
   23] Als Ich solches dem Lazarus sagte, da war er bald bei Nikodemus und hinterbrachte ihm das, und dieser setzte sogleich das ganze große Herbergshaus in die größte Tätigkeit.


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