Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 108. Kapitel: Sehnen der Magier nach dem wahren Gott.

   01] Wir aber aßen und tranken auch ganz wohlgemut; nur ward diesmal während des Essens sehr wenig geredet. Nur die Römer besprachen sich über manches in der lateinischen Zunge; sonst ging es an allen Tischen ganz still zu.
   02] Als wir aber mit dem Essen schon zu Ende waren, da erhob sich der Magier wieder und sagte zu Lazarus: »Freund, wir drei haben nun gar selten köstlich gegessen und getrunken, und das muß nun denn auch bezahlt werden! Sage an die Summe, und ich werde sie dir ohne Rückhalt ausbezahlen!«
   03] Sagte Lazarus: »Habt ihr denn kein Salz zum Brote erhalten?«
   04] Sagte der Magier: »O ja, da in einem goldenen Gefäße steht noch das übriggebliebene!«
   05] Sagte Lazarus: »Nun gut, dann ist auch schon alles bezahlt; denn es ist das schon so Sitte bei uns, daß derjenige fremde Gast, dem wir eigens Salz vorsetzen, ein Zahlungsfreier ist. Lobet darum den einen, wahren Gott; denn Der ist mein Bezahler für alles in Ewigkeit!«
   06] Sagte der Magier: »Ja, Freund, da hast du wohl recht! Wenn nur wir Ihn auch schon also gefunden hätten, wie Ihn wahrscheinlich ihr alle schon gefunden habt, so wollten wir Ihn noch lebendiger loben, als wir das nun imstande sind! Doch wir sind auch schon mit dem über Hals und Kopf vollauf zufrieden, daß wir hier nur die volle Gewißheit erlangt haben, daß es einen solchen allein ewig wahren Gott gibt; denn ohne einen solchen Gott wäre es dem jungen, holdesten Menschen ja nie möglich gewesen, vor unseren Augen ein paar Zeichen zu wirken, die nur einem Gott möglich sein können, und eine Sprache zu reden, wie wir sie selbst aus des größten Weisen Munde noch nie vernommen haben.
   07] Ja, dieser mehr euch denn uns wohlbekannte und überfreundliche Gott sei aus allen unseren Lebenskräften überhoch gelobt und gepriesen; denn Er hat uns sicher mit Seinem heiligen Willen den Weg hierher gezeigt und Sich uns blinden Forschern durch euch näher und lichtvoller geoffenbart als sonst je während unseres jahrelangen Forschens nach Seinem irgend möglichen Dasein.
   08] Ja sieh, Freund, dein Haus hier ist auch in allem ein so wohlbestelltes, daß man daraus schließen muß - so man um dich auch nicht wüßte, daß du irgend da sein mußt als ein sehr vermögender und sehr weiser Hausvater! Aber so man deine Leute nach dir fragte und sie einem selbst bei ihrem besten Willen nirgends eine Auskunft über dein Dasein zu geben vermöchten, so wäre das sicher etwas sehr Unbehagliches und das Gemüt Betrübendes. Denn so das Haus sichtlich von einem höchst weisen Hausvater zweifelsohne in Besitz genommen und in einer Weise bestellt ist, daß darob jeder heller denkende Mensch ins größte Staunen und Bewundern versetzt wird, da ist es dann ja auch ganz klar und verzeihlich, daß man sich bestrebt, so einen weisen Hausvater näher kennenzulernen. Aber es wird für den Bestreber auch um so drückender, wenn er nach langem Suchen und Forschen nichts als die untrüglichsten und lautsprechenden Spuren vom Dasein eines solchen höchst weisen Hausvaters, nur ihn selbst nicht und nimmer findet.
   09] Mit der Zeit kommt man zu dem Gefühle eines seinen Vater über alles liebenden Sohnes, dessen Vater aber einmal zu seinen vielen Gütern verreist ist und lange nicht zurückkehrt. Dem Sohne wird von Tag zu Tag banger. Er sucht sich mit der ihn umgebenden Weltgesellschaft, so gut es nur immer geht, seinen Kummer zu vertreiben; aber es kommt darauf eine bittere Nacht um die andere und ein Tag um den andern, und dennoch kehrt der Vater weder in einer Nacht, noch an einem noch so schönen Tage wieder zum Sohne heim. Da wird es aber endlich dem Sohne unerträglich bange, daß er sich aufmacht und den von ihm so heißgeliebten Vater suchen geht. Er kommt auf alle Güter des Vaters und findet unverkennbare Spuren, aus denen er offenbar erkennt, daß sein Vater dasein mußte. Kurz, er findet alles, alles, - nur den Vater findet er nimmer! Er steigt in die Tiefen der Erde und klimmt hinauf auf der Berge höchste Spitzen und rufet laut: "O lieber Vater, wo bist du? Warum, warum darf dich dein Sohn nimmer finden? Hat er gegen dein selten vernommenes Gebot gesündigt, so vergib ihm, dem Armen, dem Schwachen, dem Blinden, und laß vernehmen deine heilige Vaterstimme!"
   10] Und sehet, so sucht der Sohn den Vater, und so ruft er ihn. Alles findet er, und er hört das Rauschen des Windes durch die Wälder, hört brausen und toben den Sturm über Fluren und Meere, ja, er vernimmt die tausendstimmige Harmonie der munteren Sänger der Luft und sieht Blitze zucken aus den Wolken; aber nur das Angesicht des Vaters taucht nirgends auf, und seine Stimme bringt kein Echo wieder.
   11] Und sehet, so geht es uns Söhnen des großen Indien schon gar lange, und niemand von uns weiß es mehr, wer unser Buch der Bücher Ja seam skrit den Menschen gegeben hat! Aber das eine des Buches bleibt stets wahr, daß nämlich der eine große Hausvater allen Menschen unseres Reiches stets gleich verborgen bleibt und auch bleiben wird; denn so Ihn die Sucher nicht zu finden vermögen, wie werden Ihn dann erst jene finden, die Ihn nicht suchen!
   12] Wir aber sind hier so glücklich gewesen, Seiner Daseinsspur am nächsten gekommen zu sein und sind schon darum überglücklich; wie glücklich aber wären wir erst, so wir Ihn finden, sehen und in aller Liebe und Demut Selbst sprechen könnten! Doch sollten wir solcher Gnade nicht würdig sein - was wir nun selbst wohl einsehen und begreifen -, so bitten wir euch, ihr lieben Freunde alle, daß ihr unser nicht vergessen wollet, so ihr vor Seinem heiligen Angesichte euch befindet!
   13] Und hiermit sei noch einmal für diesen Abend Ihm und auch euch, Seinen Freunden, unser Lob und Preis aus dem tiefsten Lebensgrunde unseres Herzens dargebracht!«


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