Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 107. Kapitel: Göttliche Offenbarung in Indien.

   01] Hier sagte Agrikola zu Mir: »Aber Herr und Meister, ich habe mir unter Indien ein Land und Reich der Wunder und der größten Bildung nach altägyptischer Art vorgestellt und ein Land, in dem es vor lauter Künsten und Aufklärungen wimmeln muß. Und nun siehe, da ist gerade das schroffst Entgegengesetzte von dem, was ich mir von dem großen Indien ehedem gedacht habe! O Herr, wann wird wohl dieses Volk zum Lichte des Lebens kommen?«
   02] Sagte Ich: »Es wird auch für jenes Volk gesorgt werden; aber es ist nun noch lange nicht reif dazu. Das gemeine Volk aber ist sehr gehorsam und auch sehr geduldig und in seiner Art fromm und hat den festesten Glauben. Wenn man ihm nun diesen nehmen würde, so würde man es töten, und das wäre übel für des Volkes Seelen. Es ist darum nun noch geratener, Indien vor der rechten Zeit nicht zu sehr aufzuhellen, wohl aber soll es von Zeit zu Zeit mit Tropfen gespeist werden und ist auch schon gespeist worden, weshalb es unter sich auch ganz besondere Weise und Seher hat, wie sie die eigentlichen Juden nun wohl nicht mehr haben. Und diese Weisen und Seher verbreiten schon auch ein ganz gutes Dämmerlicht unter so manchen Menschen. Ohne solch ein Dämmerlicht hätten diese drei den weiten Weg hierher nicht gefunden.
   03] Als Ich in diese Welt geboren ward zu Bethlehem in einem Schafstalle, da kamen eben auch drei Weise aus demselben Morgenlande und brachten Mir den ersten Gruß und opferten Mir Gold, Weihrauch und Myrrhen und zogen dann wieder in ihr Land zurück; und vor einiger Zeit kamen sie abermals, und dieser Wirt und Nachbar des Lazarus hat sie gesehen und bewirtet. Also gibt es dort schon auch Weise, aber wenige nur!
   04] Zudem sind nun die indischen Priester gegen so mehr verborgene Weise und Seher nicht mehr so strenge, wie sie noch vor hundert und noch mehr vor drei-, vier- bis fünfhundert Jahren waren; denn mehrere große Seuchen, von den Sehern vorausgesagt, durch die die Indier und namentlich die Großen und Machttragenden zu zwei Dritteln dahingerafft wurden, und große Erdbeben, Stürme und Überschwemmungen haben die Priester samt den Königen etwas sanfter und duldsamer gemacht, obschon sie im allgemeinen noch dieselben alten Grundsätze der Unduldsamkeit und Bußgrausamkeit innehalten. Und so hat es für dies sinnliche Volk schon auch seine Zeit noch lange hin, bis es für ein höheres Licht völlig reif sein wird.
   05] Raphael hat die drei Magier ganz nach Meinem Willen behandelt und hat sie sonach auch bald gewonnen, und das war gut; doch vor dem morgigen Tage dürfet ihr Mich bei ihnen nicht völlig ruchbar machen. - Jetzt aber kommen Lazarus und Raphael auch schon zurück und werden uns sogleich zum Nachtmahle laden. Nach dem Nachtmahl aber werden wir wieder hierher gehen und da die Schöpfung betrachten.«
   06] Als Ich solches geredet hatte, war Lazarus auch schon bei Mir und bat uns zum Abendmahle, und Raphael nahm die drei Magier mit sich. Und als wir uns im Hause in der alten Ordnung an den Tischen befanden, da erstaunten die Magier über die ganz herrlichste Einrichtung des großen Speisesaales, noch mehr aber über den für sie eigens hergerichteten Tisch, der in echt indisch reichster Pracht strotzte, und auf dem sich die kostbarsten indischen Abendspeisen befanden.
   07] Der Hauptmagier erhob sich und sagte zu Lazarus: »Aber edelster Freund, warum solch eine Verschwendung für uns drei? Für das Geld könnten tausend Arme ja viele Jahre hindurch auf das beste versorgt werden! Habt ihr denn keine Armen in eurem Lande und keine in dieser Stadt?«
   08] Sagte Lazarus: »O ja, wir haben deren genug, und ich selbst versorge deren viele! Sieh, an jenem langen Tische dort an der breiten Wand dieses Saales sitzen gleich etliche siebzig, und auf den vielen andern, auch meinen Besitzungen finden Tausende ihre Unterkunft und geziemende Beschäftigung und Versorgung! Und so neue Arme zu mir kommen, da finden sie offene Toren in allen meinen Häusern. Habet darum keine Sorge wegen der kleinen Ehre, die ich euch als Fremden damit antue, daß ich euch in eurer heimatlichen Weise bewirte! Esset und trinket nun nach eurer Herzenslust!«
   09] Die drei taten das nun auch und wunderten sich höchlichst über den außerordentlichen Wohlgeschmack der Speise und des Weines und versicherten in einem fort, daß sie so etwas Köstliches noch nie in ihrem Munde hatten.


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