Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 94. Kapitel: Zulässigkeit der Todesstrafe.

   01] Sagte hier Agrikola: »Herr und Meister! Diese Deine überwahren und heiligen Worte habe ich mir nun tief ins Herz geschrieben, und ich selbst werde auch nach Tunlichkeit danach handeln; aber dennoch frage ich Dich, ob man die Todesstrafe in gar allen Fällen aufheben soll.«
   02] Sagte Ich: »O Freund, ich weiß es wohl, was du Mir nun sagen willst! Siehe, du hast es durch einen Meiner Jünger erfahren, wie auch Ich Selbst - vor einem Jahre in der Nähe von Cäsaren Philippi am Galiläischen Meere einmal eine Art Standrecht an etlichen grundbösen Häschern, die nach Mir fahndeten, ausgeübt habe, und hast Mich nun aus diesem Grunde also gefragt!
   03] Ja, Ich sage es dir: Wenn du gleich Mir den Verbrecher derart erkennen kannst, daß er als noch ein Fleischmensch ein vollendeter Teufel ist, so verhänge über ihn auch sogleich die Todesstrafe, wie solches auch Moses aus Meinem Geiste erkannt hat; aber so du das nicht Mir und dem Moses gleich erkennen kannst, so übereile dich niemals mit der Todesstrafe!
   04] Mir steht wohl von Ewigkeit das Recht zu, alles Menschengeschlecht dem Fleische nach zu töten, und Ich bin sonach gleichfort ein Scharfrichter aller materiellen Kreatur in der ganzen ewigen Unendlichkeit; aber was Ich töte der Materie nach, das mache Ich geistig wieder für ewig lebendig.
   05] Wenn du das vermagst, so kannst auch du töten, wen du willst und kannst, zur rechten Zeit; aber da du das nun nicht kannst, so sollst du auch nicht töten, außer nur im höchsten Notfalle, zum Beispiel in einem Verteidigungs- oder in einem von Gott aus gebotenen Strafkriege gegen unverbesserliche, böse Völker, und auch im Falle einer Notwehr gegen einen argen Mörder und Straßenräuber. In allen andern Fällen sollst du nicht töten und töten lassen, solange du nicht in dir selbst Mein volles Licht hast! - Hast du das nun wohl begriffen?«
   06] Sagte Agrikola: »Ich danke Dir, Herr und Meister! Nun ist mir das auch schon wieder ganz klar, und ich werde mich als Richter möglichst genau daran halten, obwohl ich dem Kaiser selbst da nichts vorschreiben kann, doch dann und wann nimmt auch er unter vier Augen einen guten Rat an.«
   07] Sagte Ich: »Das magst du schon tun, obwohl du damit nicht viel ausrichten wirst. Denn ihr habt in eurem Rom zwar manche recht guten Gesetze, aber neben solchen Gesetzen eine große Menge böser und arger Gebräuche, neben denen etwas rein Gutes und Wahres schwerlich je volle Wurzeln fassen wird.
   08] Ich sage es dir: Rom ist und wird Babel, eine Welthure bleiben trotz aller Übel, die auch über sie kommen werden, obwohl es in ihr auch gar viele und eifrige Nachfolger Meiner Lehre geben wird.
   09] Ihr habt zwar auf Raub, Mord und Totschlag und noch auf manche anderen Verbrechen die Todesstrafe gesetzt; aber bei euren großen Festmählern mußten zu eurem größeren Vergnügen gewisse Gladiatoren auf Leben und Tod kämpfen, und der Sieger ward dann ausgezeichnet. Siehe, das ist vom Übel und gereicht keinem Volke zum Segen! Also habt ihr auch allerlei wilde Tierkämpfe, bei denen sehr oft Menschen ihr Leben auf eine grausame Art einbüßen müssen, und dennoch möget ihr euch sehr dabei ergötzen! Und siehe, auch das ist von großem Übel! Darauf kommt schwerlich je ein Segen von oben; ohne den aber gibt es für keinen Staat und für kein Volk irgendeinen festen und dauernden Bestand, was du Mir sicher glauben kannst.
   10] Wenn du da aber etwas wirken kannst und magst, so trage dazu bei, daß derlei große Übel eurer Stadt und eures großen Reiches abgestellt werden, und daß wenigstens ihr nun sehend Gewordenen nicht daran teilnehmet und noch weniger diese Jugend, die du nach Rom mitnehmen wirst, und du wirst dich allzeit und allenthalben Meines Segens zu erfreuen haben.
   11] Ich habe euch allen nur die zwei Gebote der Liebe gegeben, die ihr treu beachten möget; aber um diese Gebote zu beachten, darf man sich an den wilden Kämpfen nicht erlustigen.
   12] Denn wer einen Menschen oder auch ein Tier ganz gleichmütig kann verenden sehen, in dessen Herzen ist wenig Liebe daheim. Denn wo eine wahre und lebendige Liebe daheim ist, da ist auch das rechte Mitleid und die rechte Erbarmung daheim. Wie kann aber jemand eine Nächstenliebe haben, dem das schmerzliche Sterben seines Nebenmenschen eine Wollust ist?! Darum hinweg mit allem, was des besseren Menschenherzens unwürdig ist!
   13] Wenn du deinen Nächsten weinen siehst, so sollst du nicht lachen; denn so du lachst, da gibst du ihm zu verstehen, daß dir sein Schmerz etwas ganz Gleichgültiges ist und ebenso auch dein leidender Nebenmensch, der doch dein Bruder ist.
   14] Ist aber dein Bruder heiter und freut sich seines Glückes, so gönne ihm die kurze Freude über sein kleines Erdenglück! Werde nicht mürrisch, sondern freue dich mit ihm, so wird dadurch dein Herz nicht schlechter, sondern nur edler!
   15] So du einen Hungrigen siehst, während du sehr satt bist, da komme es dir nicht vor, daß der Hungrige sich etwa auch so behaglich befinde wie du mit deinem vollen Bauche, sondern stelle du dir ihn sehr hungrig vor und sättige ihn, so wirst du darob in deinem Herzen eine große Zufriedenheit empfinden, die dir noch um vieles behaglicher vorkommen wird als dein voller Bauch; denn ein volles Herz macht den Menschen um sehr vieles glücklicher als ein sehr voller Bauch.
   16] Wenn du eine Tasche voll Gold und Silber mit dir herumträgst und daheim noch um vieles mehr besitzest, und es kommt dir ein Armer unter und grüßt dich und will mit dir reden, so wende dein Gesicht nicht von ihm ab und laß es ihn ja nicht irgend fühlen, daß du ein reicher und er ein armer Mensch ist, sondern sei voll Freundlichkeit zu ihm und hilf ihm mit vielen Freuden aus irgendeiner Not! So du das tust, da wird dein Herz bald voll Fröhlichkeit werden, und der Arme wird dir für immer ein Freund bleiben und wird deine wahre Freundlichkeit nimmerdar vergessen.
   17] Darum besteht die wahre Nächstenliebe in dem, daß man seinem Nächsten alles das tut, von dem man vernünftigerweise wünschen kann, daß er es einem auch tut.
   18] Wenn dich ein armes Kind um etwas anspricht, so schiebe es nicht von dir, sondern segne es und erquicke sein Herz, so wirst auch du dereinst im Himmel von Meinen Engeln erquickt werden! Denn da sage du mit Mir: Lasset die Kleinen alle zu mir kommen und wehret es ihnen nicht; denn ihrer ist ja eben das Himmelreich! Wahrlich, das sage Ich euch allen: So ihr in eurem Herzen nicht werdet wie die Kindlein, so werdet ihr nicht zu Mir in Mein Reich kommen! Denn Ich sage es euch, daß das Himmelreich eben vor allem ihrer ist.«
   19] Ich weiß aber, daß bei euch eine böse Sitte besteht, durch die ganz arme Kinder oft sehr böse gemartert werden im geheimen, so daß aus ihrem Munde infolge solcher Marterei ein böser und giftvoller Geifer zu fließen beginnt, aus dem eure argen Priester und Magier ein böses Gift bereiten. Und, Freund, so etwas geschieht heutzutage noch in Rom! Wo aber noch solche Greuel mit allem Gleichmute begangen werden können, da ist noch die volle Hölle sehr tätig, und von Meiner Gnade findet sich da wenig vor. Weise und gerechte Richter sollten daher solch einem himmelschreienden Unfuge wohl schon lange auf das entschiedenste gesteuert haben; aber es ist in dieser Hinsicht noch wenig oder nichts geschehen.
   20] Ich sage es euch: Ich werde den mit zornigen Augen ansehen, der solchen Unfug an den Tieren tun würde; denn auch die Tiere sind Meine Geschöpfe und haben Leben und Empfindung, und der vernünftige Mensch soll mit ihnen keinen Mutwillen treiben. Um wie endlos höher aber steht selbst das ärmste Kind denn alle Tiere der Erde! Wer demnach an einem - Kinde solche Taten verübt, der ist ein Teufel und ist verflucht!
   21] Ich könnte dir noch eine Menge solcher eurer bösesten römischen Eigentümlichkeiten aufzählen, die euch nicht unbekannt sind und bei euch geheim gegen Entrichtung eines gewissen Tributes geduldet werden; aber eure Sache sei es, derlei allergottloseste Mißbräuche abzuschaffen. So ihr dazu einen ernsten Willen haben werdet, wird es euch an Meiner Hilfe nie und nimmer mangeln. Aber zuvor müßt ihr das selbst ganz ernstlichst wollen; denn Mein Wille greift auf dieser Erde, wie Ich euch das schon hinreichend erklärt habe, niemals dem eines Menschen vor, außer in einem Gericht, dem aber stets viele Mahnungen vorangehen. Es wird bei euch das wohl viel Kämpfens benötigen; aber eine gute Sache ist auch allzeit eines ernsten Kampfes wert. - Hast du Mich in allem verstanden?«
   22] Sagte Agrikola: »Ja, Herr und Meister, verstanden habe ich das wohl, und es verhält sich die Sache leider noch zumeist also, wie Du, o Herr, sie soeben beschrieben hast; sie ist aber von uns besseren Römern schon seit langeher im hohen Grade mißbilligt und geheim den Priestern untersagt worden, und zwar besonders in den Stücken der geheimen und bösen Giftmacherei. Aber trotzdem kommen noch immer Fälle vor, und es läßt sich gegen unser Priestertum wenig Erhebliches unternehmen, weil dieses das gemeine Volk für sich hat, das es leicht gegen den Kaiser wie auch gegen uns aufwiegeln kann, wann es nur immer mag und will.
   23] Nun, unsere Stier- und Tiergefechte lassen sich leichter abbringen, und das Gladiatorentum, das bei den Altrömern noch sehr gang und gäbe war, ist bei uns schon stark in der Abnahme, weil sich zu solchen Kämpfen wohl nicht leichtlich jemand mehr herleihen will. Es geschieht bei großen Festmählern wohl manchmal so etwas, aber mehr nur so pro forma denn in der alten wirklichen Grausamkeit. Nur die Stierkämpfe bestehen noch und sind ein Lieblingsspektakel der Römer; aber wir werden auch da alles aufbieten, daß sie vorderhand wenigstens seltener werden, und es sollen an ihre Stelle andere die Sitten veredelnde Dinge kommen.
   24] Daß sich derlei alte Übel und Mißbräuche nicht gleich einem gordischen Knoten mit einem Hiebe zerhauen lassen und zur Reinigung eines wahren Augiasstalles eine herkulische Kraft erforderlich ist, das ist etwas ganz Gewisses. Sind wir Römer nun aber schon auch keine Herkulesse und Alexander mehr, so wollen wir mit der Zeit doch auch noch etwas zustande bringen. An unserem Ernst und festen Willen soll es keinen Mangel haben.«
   25] Diese Versicherung gaben auch die andern Römer, und Ich sagte: »Gut also, und wo ihr euch wahrhaft in Meinem Namen versammeln werdet, da werde Ich im Geiste unter euch sein und euch alles Gute und Wahre ausführen helfen! Was Ich aber euch sage, das ist und bleibt ewig wahr; denn wahrlich, wahrlich sage Ich euch: Himmel und Erde werden vergehen, aber Meine Worte und ihre Erfüllung ewig niemals! Darum handelt alle allzeit in Meinem Namen, und Ich werde euch allzeit helfen und euch das ewige Leben geben!«
   26] Als Ich solches geredet hatte, dankten Mir alle für diese trostvolle Verheißung, erhoben dann die vollen Becher und tranken auf das künftige Wohl aller Menschen und ihrer Kinder.


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