Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 66. Kapitel: Das Wesen der Seele und des Geistes. Die Seele im Jenseits.

   01] Ich aber sagte abermals zu Agrikola: »Nun kannst du deine Sache vorbringen, - und so rede nun!«
   02] Sagte Agrikola: »Herr und Meister, daß des Menschen Seele auch nach dem Tode des Leibes fortlebt, das ist nun eine völlig abgemachte Sache der klarsten Wahrheit. Aber wo kommt sie hin, und was ist eigentlich ihr Wesen und was das des ganz reinen Geistes? Da nach Deiner Belehrung der Raum unendlich ist, so müssen ja auch die Seelen und selbst die reinsten Geister sich innerhalb des endlos ewig großen Raumes befinden; denn ein Außerhalb desselben kann es ja unmöglich irgend geben.
   03] Dann noch eine Frage: Welche Gestalt hat für sich eine Seele oder gar ein reiner Geist, und warum kann ein natürlicher Mensch nicht immer die Seelen und Geister sehen? Herr, nur auf diese meine Fragen gib mir noch eine lichtvolle Antwort, und ich will Dich dann um nichts mehr fragen; denn unsere volle Unwissenheit in dieser Sache ist eigentlich dasjenige, was uns das Sterben gar bitter und angstvoll macht. Haben wir Menschen aber auch darin ein genügend helles Licht, so werden wir leicht sterben und nicht ängstlich am tollen Leben des Fleisches hängen.«
   04] Sagte Ich: »Ja, das wäre Mir etwas sehr Leichtes, dir das zu erklären, wenn du nur das freie Verständnis dafür besäßest; aber das besitzest du eben noch nicht, obwohl du seit deinem Hiersein schon gar vieles in eben dieser Hinsicht von Mir wohlbeleuchtet vernommen und auch in wohlgeordneten Wunderzeichen selbst gesehen und erfahren hast. Und so ist das eine schwere Sache, dir diese Sache noch näher zu beleuchten, als sie dir schon beleuchtet worden ist.
   05] Die Seele des Menschen ist eine rein ätherische Substanz, also - wenn du das fassen kannst - aus sehr vielen Lichtatomen oder möglich kleinsten Teilchen zu einer vollkommenen Menschenform zusammengesetzt durch die Weisheit und durch den allmächtigen Willen Gottes, und der reine Geist ist eben der von Gott ausgehende Wille, der da ist das Feuer der reinsten Liebe in Gott.
   06] Der reine Geist ist ein Gedanke Gottes, hervorgehend aus Seiner Liebe und Weisheit, und wird zum wahren Sein durch den Willen Gottes. Da aber Gott in Sich ist ein Feuer aus Seiner Liebe und Weisheit, so ist das gleiche auch der in ein eigenes Sein realisierte und gewisserart aus Gott getretene Gedanke. Wie aber das Feuer eine Kraft ist, so ist dann solch ein Gedanke aus Gott auch eine Kraft in sich, ist seiner selbst bewußt und kann für sich wirken in eben jener Klarheit, aus der er hervorgegangen ist. Als eine Reinkraft durchdringt er alles, was du Materie nennst, kann aber von der Materie nicht durchdrungen werden, weil die Materie im weiteren Verlaufe nichts ist als eine Außenäußerung des Geistes aus Gott.
   07] Die Seele ist gewisserart durch die Kraft des Geistes wieder aufgelöste Materie, die in des Geistes eigene Urform, durch seine Kraft genötigt, übergeht und sodann, mit ihrem Geiste vereint, gleichsam seinen lichtätherischsubstantiellen Leib ausmacht, so wie die Seele aus der sie umgebenden Fleischmaterie, wenn diese völlig verwest und aufgelöst worden ist, sich durch ihren rein geistkräftigen Willen ihr einstiges Kleid formt und bildet.
   08] Da hast du nun eine ganz kurze und vollwahre Darstellung dessen, was die Seele für sich ist, und was der reine Geist für sich ist.
   09] Wohin aber eine Seele beim Austritt aus ihrem Leibe kommt, das dem Ort im Raume nach zu bestimmen, wird für dich wohl noch schwerer zu fassen sein; aber Ich will dir dessenungeachtet einen Wink geben, aus dem du für dich einiges Licht ziehen kannst. Denn das Eigentliche wirst du erst dann in dir selbst erfahren, wenn du eben auch in dir selbst zur vollen Wiedergeburt oder vollen Einigung des Geistes mit deiner Seele gelangt sein wirst, weil solches die Seele so lange nie völlig fassen kann, solange sie sich nicht durch die Kraft des Geistes in ihr also gestaltet, daß sie fähig ist, sich mit dem Geiste völlig zu einen.
   10] Raumörtlich hält sich eine Seele nach dem Abfalle ihres Leibes - besonders in ihrer ersten Seinsperiode - gewöhnlich dort auf, wo sie sich im Leibe auf der Erde aufgehalten hat, das heißt, wenn sie als noch nicht völlig vollendet ins fleischlose jenseitige Reich übertritt.
   11] In solchem Falle sieht und hört sie aber von der Naturwelt, die sie im Leibe bewohnt hat, dennoch nichts, wenn sie sich auch räumlich auf eben derselben Welt befindet. Ihr Sein ist mehr oder weniger wie ein heller Traum, in welchem die Seele auch in einer gleichsam aus ihr hervorgegangenen Gegend oder Landschaft lebt und ganz so tut und handelt, als befände sie sich in einer ganz natürlichen Welt, und es geht ihr die verlassene Naturwelt nicht im geringsten ab.
   12] Aber durch Zulassungen von Gott aus wird die von ihr bewohnte Gegend oft vernichtet, und die Seele befindet sich in einer andern, die ihrem inneren Zustande ganz angemessen ist. Bei einer solchen Seele dauert es dann oft wohl lange, bis sie durch manche Belehrung dahin kommt, daß das alles, was sie dort zu besitzen wähnt, eitel und nichtig ist. Kommt sie einmal aus manchen Erfahrungen und Erscheinungen zu dieser Einsicht, so fängt sie dann erst an, ernstlicher über ihren Zustand und ihr Sein Betrachtungen zu machen und daraus auch eben mehr und mehr innezuwerden, daß sie die frühere, irdische Welt verlassen hat, und die Sehnsucht wird in ihr wacher, eine bleibendere und unwandelbarere Lebensstätte zu bekommen.
   13] In solch einem Zustande wird sie von schon vollendeteren Geistern belehrt, was sie zu tun hat; und tut sie das, so wird es denn auch heller und heller in ihr, weil ihr innerer Geist sie mehr und mehr durchdringt. Je mehr sie aber der innere Geist durchdringt und gleichsam in ihr wächst wie ein Kind im Mutterleibe, desto mehr Bestand fängt um sie herum alles anzunehmen an.
   14] Wenn aber eine Seele einmal dahin kommt, daß ihr innerer Geist sie ganz durchdringt, dann kommt sie auch zum vollen Hellsehen und klaren Erkennen, zum vollsten Bewußtsein und zur klaren Erinnerung an alles: was sie war, wie sie geworden ist, was sie gemacht hat und wie die Welt, in der sie im Leibe gelebt, ausgesehen hat, und wie sie bestellt war.
   15] Solch eine Seele kann dann sowohl diese Erde als auch den Mond, die Sonne, alle die andern um diese Sonne kreisenden Planeten oder Erden was bisher freilich noch kein Sternkundiger, weder ein Grieche noch einer der alten ägyptischen Pdolomeuze (Feldmesser) erkannt hat - und auch die anderen Sonnen in einer oder mehreren Hülsengloben, die Ich euch schon gestern hinreichend erklärt habe, auf das allergenaueste durchschauen und sich an ihrer wunderbaren Gestaltung und Einrichtung wahrhaft im höchsten Grade ergötzen und die wahre und höchste Freude haben an der Liebe, Weisheit und Macht des einen Gottes.«


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