Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 42. Kapitel: Ein Wunder Raphaels.

   01] Hier hob Raphael einen zehn Pfund schweren Stein vom Boden auf und sagte: »Ich meine, dieser Stein wird groß und schwer genug sein, um euch mit ihm ein ganz tüchtiges Pröbchen geben zu können!«
   02] Sagte der Grieche: »Allerdings; aber was soll daraus werden?«
   03] Sagte Raphael: »Auf daß ihr mich nicht etwa für einen absurden Magier ansehen sollet, so magst du diesen Stein selbst in deine Hand nehmen und ihn auch deine Gefährten in ihre Hände nehmen lassen, auf daß auch sie sich wohl überzeugen mögen, daß das ein wirklicher, allerfestester Stein ist, wie er nur in dieser Gegend vorkommt! Und so nehmet den Stein in eure Hände und untersuchet ihn!«
   04] Hier nahm der Grieche den Stein in seine Hände und prüfte ihn, und seine Gefährten taten desgleichen.
   05] Als sich alsbald alle hinreichend überzeugt hatten, daß der Stein ein ganz natürlicher Stein war, so übergaben sie ihn wieder dem Engel, und der Grieche sagte: »Der Stein ist ganz Stein, darüber erhebt niemand von uns einen Zweifel; doch was willst du nun aus dem Steine machen?«
   06] Sagte Raphael: »Nehmet diesen Stein noch einmal in eure Hände, und hebet noch mehrere gleiche Steine auf, dann erst sollet ihr unsere Götterkraft kennenlernen! Doch sollet ihr darob auch keine Furcht haben, da euch dabei auch nicht ein Haar gekrümmt werden wird!«
   07] Darauf suchten sie eine Menge solcher Steine zusammen und hielten sie in ihren Händen, als wollten sie den Jungen steinigen.
   08] Hier sagte der Engel zu ihnen: »Ihr sehet, daß ich keinen der Steine in euren Händen auch nur mit einem Finger anrühre. Sowie ich aber mit meinem Willen sagen werde: "Löset euch auf in euren ätherischen Urstoff!", so soll kein Stäubchen von diesen Steinen in euren Händen übrigbleiben!«
   09] Sagte der Grieche: »Junger Freund, das wird wohl nur so ein Wortspiel von dir sein! Ein Stäubchen wird von diesen Steinen freilich nicht in unseren Händen verbleiben, aber wohl die ganzen Steine, und aufgelöst werden sie ganz natürlich sein, weil wir sie selbst vom Boden "auflösten", und auch in den Äther werden sie übergehen, weil wir sie schon mit unseren Händen in den Luftäther emporhalten. Habe ich recht oder nicht? Erlaubst du, junger Judengott, daß wir diese Steine, wenn du sie mit deinem Willen völlig aufgelöst und somit vernichtet haben wirst, nach dir werfen dürfen?«
   10] Sagte der Engel: »O allerdings, nur zugeworfen dann! Aber nun gebet fein acht, daß euch die Steine nicht durchgehen, da ihr dann nichts nach mir zu werfen hättet! Ich will nun, daß die Steine zunichte werden! - Und nun werfet eure schweren Steine nur nach mir, so ihr noch welche in euren Händen habt!«
   11] Hier sahen sich die etlichen dreißig Griechen alle groß und höchst verwundert an, und der erste sagte: »Hörst du, mein holder Junge, du verstehst mehr, als was wir vielerfahrenen und vieles gesehen habenden Griechen zu fassen imstande sind! Dazu gehört wahrlich eine agathodämonische (Agathodämon = guter Geist, wohltätiger Schutzgeist) innere Kraft; denn da kann es nicht mit natürlichen Dingen zugehen. In einem kaum bemerkbaren Nu waren alle Steine völlig zunichte. Wie war dir das möglich?«
   12] Sagte der Engel: »Das Wie werdet ihr noch lange nicht fassen; aber ich habe es euch ja zuvor gesagt, daß ihr es hier mit uns als noch wahren und unverdorbenen Juden und somit mit Gottes Kindern zu tun habt, und diese besitzen eine götterhafte Kraft in sich und sind somit Herren der ganzen Naturwelt und sind unsterblich. Darum sagte ich dir ja, daß wir als Götter keinen Feind fürchten und Herren der ganzen Welt sind. Und wer von uns etwas haben will, der muß sich auch aufs vollernstliche Bitten verstehen, sonst erhält er nichts von uns. - Verstehst du das nun schon besser?«
   13] Sagte der Grieche: »Wie aber seid denn ihr also zu ordentlichen Göttern geworden und seid doch ebensogut Menschen wie wir?«
   14] Sagte Raphael: »Weil wir uns vor allem nur der reinen und wahren Erkenntnis des einen, ganz allein wahren Gottes bestrebt haben und nicht trachteten nach den eitlen und toten Schätzen dieser Welt! Und so haben wir von dem einen, allein wahren Gott denn auch die wahren und lebendigen Schätze des Geistes und seiner Kraft und nicht die toten Schätze der Materie dieser Welt, in der samt ihr alles vergänglich ist, erhalten, die wir in Ewigkeit nie wieder verlieren, sondern stets größere noch hinzuerhalten werden.
   15] Um aber die lebendigen Schätze des Geistes zu erhalten, muß man von dem einen, allein wahren Gott die Mittel und Wege erhalten haben, was bei uns Juden schon durch die ersten Patriarchen und darauf hauptsächlich durch den großen Propheten Moses, sowie nach ihm durch noch viele andere Propheten und Lehrer geschehen ist. Wer von den Juden dann die angeratenen Mittel bei sich völlig angewendet hat und auf den gebotenen Wegen gewandelt hat, der hat sich dadurch auch der Kindschaft Gottes würdig gemacht und mit ihr erreicht die innere Kraft des Geistes. Da aber das bei euch noch nie der Fall war, so wisset ihr von dem einen, allein wahren Gott nichts, nichts von den Kindern Gottes auf dieser Erde und auch nichts davon, was sie zu leisten imstande sind. - Verstehet ihr das?«
   16] Sagte der Grieche: »Ja, ja, es mag das bei euch schon also sein; aber so der gewisse eine, wahre Gott euch Juden solche Mittel gegeben und solche Wege gezeigt hat, - warum hat er denn das uns nicht getan, da wir doch ebensogut Menschen sind, wie ihr Juden es seid? Wir Griechen haben ja auch Vernunft und Verstand und wurden zu allen uns bekannten Zeiten sogar als eines der geistreichsten und gebildetsten Völker der Erde anerkannt. Daß wir euch nun an der inneren Geisteskraft nachstehen, daran sind wir ja doch wahrlich nicht selbst schuld! Hat sich der gewisse eine, allein wahre Gott euch Juden als solcher offenbaren können, - warum denn uns Griechen nicht?«
   17] Sagte Raphael: »Mein Freund, das steht bei weitem nicht also, wie du es dir nun vorstellst, sondern sehr bedeutend anders! Auch die Griechen, wie die Römer und die alten Ägypter haben sich einst auf demselben Punkte befunden, auf dem sich nun noch einige wenige Juden befinden. Aber sie verließen den allein wahren Gott, so wie Ihn nun auch wieder gar viele Juden gänzlich verlassen und sich freiwillig von Ihm abwenden; die aber also den allein wahren Gott verließen, die verließ dann auch Er und überließ sie ihrem eitlen Welttaumel.
   18] Wenn sie aber einstens in ihrem Herzen wieder zu Ihm werden zurückkehren wollen, so wird Er sie auch annehmen und wird ihnen wieder die alten Mittel und Wege zeigen, durch die sie auch wieder vollwahre Juden und Kinder Gottes werden können. Es werden zur rechten Zeit schon auch wieder Boten und Lehrer zu euch und zu allen andern Völkern der Erde gesandt werden und werden ihnen die alten Mittel und Wege kundgeben. Wohl denen, die sich danach kehren werden!«
   19] Sagte der Grieche: »Warum aber geschieht das nicht eben jetzt schon?«
   20] Sagte der Engel: »Weil ihr eben jetzt noch zu voll von allen Dingen der Welt seid! Wenn ihr diese mehr und mehr ablegen werdet und dadurch für etwas reiner Geistiges reif werdet, dann wird das, wovon ich sprach, schon auch zu euch kommen. Doch nun habe ich euch genug gesagt und genug gezeigt; vielleicht reden wir morgen ein Weiteres darüber!«
   21] Sagte der Grieche: »Ja, morgen wollten ich und diese alle wieder abreisen, weil wir alles Mitgebrachte schon ganz gut verkauft haben; doch dir zuliebe will ich den morgigen Tag noch bis zum Nachmittag hier verweilen und mir von dir noch einige geistige Schätze zur Mitnahme nach Griechenland ausbitten. Vielleicht erfahre ich morgen von dir etwas über die Zubereitung eurer wahrlich götterhaft wohlschmeckenden Speisen!«
   22] Sagte der Engel: »Nun, nun, das werden wir schon sehen! Aber ich meine, daß du vorderhand unsere Art, die Speisen zuzubereiten, ebensowenig fassen wirst wie meine frühere Vernichtung der harten Steine. Allein auch daran liegt nun nicht viel; es gibt aber hier noch ganz andere Dinge, mit denen du bekannt werden kannst, und diese werden dir nützlicher sein als zu wissen, wie wir unsere Speisen bereiten. Bist du damit zufrieden, so kannst du morgen wiederkommen; doch wegen der Bereitung der Speisen brauchst du nicht wiederzukommen, weil ich dir nun schon gesagt habe, was es damit für eine Bewandtnis hat.«
   23] Sagte der Grieche: »Wegen der Bereitung der Speisen will ich auch kein Wort mehr verlieren, wenn ich etwas erfahren kann, was uns allen nützlicher sein kann denn die Bereitung der Speisen. Und so werden wir heute gehen und morgen gen Mittag hin wiederkommen, da alle die andern Gäste schon hinabgegangen sind. Denn später dürfte es noch dunkler werden denn jetzt, und der Berg ist ziemlich steil.«
   24] Sagte der Engel: »Der Berg wird schon so viel erleuchtet sein, daß ihr leicht und ohne Gefahr hinabkommen werdet, und so möget ihr schon gehen im Namen des einen, wahren Gottes!«
   25] Auf diese Worte des Engels zogen nun die Griechen ab und kamen gar bald und leicht zu ihren Verkaufshütten, darin sie wie gewöhnlich übernachteten. Aber sie schliefen in ihren Hütten sehr wenig; denn sie dachten die ganze Nacht über die Vernichtung der Steine nach, rieten hin und her, und keiner vermochte dem andern einen Aufschluß zu geben. Denn die Erscheinung hatte sie so aufgeregt, daß sie in ihrem Gemüte keine Ruhe fanden und kaum den Tag erwarten konnten, an dem ihnen ein Licht über die erlebte Erscheinung werden könnte.
   26] Am Morgen packten sie ihre Sachen zusammen und stellten sie für die Abreise ganz fertig. Aber sie alle verschoben die Abreise bis auf den nächstkommenden Tag; denn sie beschlossen alle, dieser wunderbaren Sache um jeden Preis näherzukommen. Sie beschlossen denn, auf jeden Fall diesen kommenden Tag ganz dieser Sache zu widmen. Und so konnten sie kaum den Mittag erwarten.
   27] Doch nun lassen wir diese etlichen dreißig Griechen stehen, denken und urteilen und begeben uns mit Raphael, Lazarus und mit dem Wirte in unsern großen Speisesaal, in dem wir alle schon an unseren Tischen ganz wohlgemut aßen und tranken.


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